Was wir lesen, was wir schauen (145)

Ludwig Reiners, Der ewige Brunnen – ein Hausbuch deutscher Dichtung

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit – mit Deutschlands berühmtester Gedichtsammlung kann man ihn ergründen
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31.05.2026 / FULDA - Deutschlands poetisches Gedächtnis



Es gibt Bücher, die einen ein Leben lang begleiten. Man nimmt sie immer wieder zur Hand und entdeckt ständig etwas Neues. Zu diesen Büchern zählt "Der ewige Brunnen", vielleicht die berühmteste Sammlung deutscher Gedichte. Ich bin mit diesem Buch aufgewachsen, es ist eines meiner lyrischen Lieblingsbücher.

Die Republik im Spiegel ihrer Gedichte

1955 erschien die Sammlung zum ersten Mal, blieb fast fünf Jahrzehnte unverändert und verkaufte sich in einer Gesamtauflage von mehr als einer halben Million Exemplaren. Für Lyrik ist das eine Sensation, denn Dichter wissen nur zu genau: Ihr Werk bleibt, rein ökonomisch gesehen, meist Subventionsware. Verlage verdienen damit kaum Geld, die Autoren leider auch nicht. Dabei lieben weit mehr Menschen Gedichte, als der Literaturbetrieb oft glaubt. Der Reiners wurde zum Hausbuch, weil man darin schmökern und entdecken kann, weil man sich treiben lassen oder gezielt suchen kann. Man muss sich nicht durch Epochen kämpfen, sondern kann sich von einem Thema ansprechen lassen, seiner inneren lyrischen Stimme oder der jeweiligen Gemüts- und Lebenslage folgen.

Die Anthologie versammelt deutsche Lyrik aus nahezu zwölf Jahrhunderten. Anlässlich des 50. Jubiläums überarbeitete August von Schirnding die Sammlung 2005, veränderte aber nichts an ihrem konservativen Grundton. Die nächste große Neuausgabe erschien 2021 unter der Herausgeberschaft von Dirk von Petersdorff, und diesmal mit deutlichen Veränderungen. Es hilft nichts: Wenn Sie Gedichte lieben, brauchen Sie alle drei Ausgaben! Denn jede Ausgabe hat ihren eigenen Ton, ihre eigenen blinden Flecken und ihre eigene Wahrheit.

Vom Geist der 50er Jahre in die Moderne

Die erste Ausgabe des "Ewigen Brunnens" von 1955 atmet den Geist ihrer Zeit. Nach Krieg, Zusammenbruch und moralischer Verwüstung sehnten sich viele Menschen nach Ordnung, Schönheit und geistiger Kontinuität. Man suchte Halt bei den Klassikern, bei dem, was als dauerhaft und bewährt galt. Ludwig Reiners verstand seine Anthologie deshalb nicht als literaturwissenschaftliche Bestandsaufnahme, sondern als geistiges Hausbuch. Seine Auswahl folgt konsequent einem klassischen Ideal von Bildung, Humanität und kultureller Kontinuität. Moderne Brüche, Expressionismus oder die literarischen Erschütterungen nach 1945 bleiben weitgehend ausgespart. Gerade dadurch aber wird die Sammlung zum Zeitdokument: Sie zeigt, wonach sich die junge Bundesrepublik sehnte – nach Ruhe, Schönheit und kultureller Selbstvergewisserung.

2005 überarbeitete August von Schirnding die Sammlung behutsam. Zwar wurden zahlreiche Gedichte ausgetauscht und neuere Texte aufgenommen, doch der Grundton blieb konservativ, die Lyrik des 20. Jahrhunderts führte weiterhin ein Schattendasein. Erst die Ausgabe von 2021 unter Dirk von Petersdorff veränderte die Perspektive deutlicher. Nun öffnete sich die Anthologie stärker für Gegenwartslyrik, für jüdische Stimmen, für Autorinnen, für Songtexte und literarische Nebenwege. Der lyrische Kanon wurde nicht abgeschafft, aber deutlich erweitert. So spiegelt sich auch in dieser dritten Ausgabe des "Ewigen Brunnens" der gesellschaftliche Wandel: Es geht nicht länger um einen festen Bildungskanon, sondern um ein offeneres Verständnis für kulturelle Erinnerung.

Die Macht der Poesie

Reiners verfolgte mit seiner Anthologie eine ganz eigene Art des geistigen Wiederaufbaus. Ihm ging es darum, das Gute, Wahre und Schöne zu bewahren – also einem zutiefst klassischen Ideal zu folgen. Vielleicht erklärt das auch, warum er keinen streng literaturhistorischen Durchgang durch die Lyrik wählte, sondern die Gedichte thematisch gruppierte. Für Reiners war das Gedicht eine "tiefere Daseinsform", etwas, das nicht belehrt, sondern erhellt und entrückt. Er war überzeugt: Ohne Gedichte wäre die Menschheit ärmer. Und ihm war zugleich klar, dass jede Anthologie auswählen muss – und damit immer auch Streit provoziert.

Entstaubt man Reiners’ Gedanken und legt ihren Wesenskern frei, zeigt sich die eigentliche Kraft des "Ewigen Brunnens": Sie bewahrt die Stimmen der Vergangenheit und macht sie der Gegenwart zugänglich. Gedichte begleiten Menschen seit Jahrhunderten – und sie wirken oft tiefer, als jede analytische Sprache es vermag.

Eine großangelegte Studie des Max-Planck-Instituts zeigte 2017, dass Gedichte tatsächlich körperliche Reaktionen auslösen können: Gänsehaut, erhöhte emotionale Aktivität, intensive Erinnerungseffekte. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Lyrik. Sie bringt Erfahrungen auf engstem Raum zum Leuchten. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler formulierte es einmal so: "Gedichte sind kleine Widerstandsnester gegen die riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt."

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

Wer die drei Ausgaben des "Ewigen Brunnens" betrachtet, liest nicht nur deutsche Gedichte aus fast 1.200 Jahren. Dieser Brunnen ist auch die Geschichte des eigenen Landes: die Sehnsucht nach Ordnung in den 50er Jahren, die vorsichtige Öffnung späterer Jahrzehnte und schließlich den Versuch unserer Gegenwart, Stimmenvielfalt und neue Perspektiven sichtbar zu machen.

Fast ist man geneigt, den ersten Satz aus Thomas Manns Joseph-Tetralogie zu zitieren: "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, sollte man ihn nicht unergründlich nennen?"

Mann meinte damit die kaum auslotbaren Tiefenschichten menschlicher Geschichte. Für die Literatur gilt das nicht minder. Auch sie bewahrt Erfahrungen, Sehnsüchte, Hoffnungen und Erschütterungen über Jahrhunderte hinweg. Der "Ewige Brunnen" ist dafür ein kostbarer Wegbegleiter – keiner, der bevormundet oder belehrt, sondern einer, der Entdeckungen ermöglicht.

Über alle Veränderungen hinweg bleibt in allen drei Ausgaben etwas konstant: die Erfahrung, dass ein Gedicht plötzlich einen Satz formuliert, für den man selbst nie Worte gefunden hätte. Poesie zeigt manchmal klarer, wer wir waren und wer wir sind – und warum manche Verse über Generationen hinweg lebendig bleiben.
(Jutta Hamberger)+++

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