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Carol Burke, Yesteryear - Mein ach so perfektes Leben

Ach, wie schön ist doch die Vergangenheit !
© Pixabay / Artsybee

12.07.2026 / FULDA - Wer in den letzten Jahren auf Instagram oder TikTok unterwegs war, ist sicher schon einmal über die "Tradwives" gestolpert – Frauen, die sich bewusst für ein Lebensmodell entscheiden, das an vor-emanzipierte Zeiten erinnert. Als Hausfrau, Mutter, Köchin und Ehefrau sehen sie ihre Erfüllung darin, ganz für Mann und Familie da zu sein. Berufstätigkeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit oder Gleichberechtigung lehnen viele von ihnen als moderne Irrwege ab. Caro Clair Burke hat darüber eine bissige Sozialsatire geschrieben. "Yesteryear" schoss unmittelbar nach Erscheinen an die Spitzen der Bestsellerlisten in den USA und Deutschland.



Sehr fies und sehr unterhaltsam

"Yesteryear" erzählt die Geschichte von Natalie Heller Mills. Sie wächst bei ihrer alleinerziehenden Mutter in einem eher konservativen, aber keineswegs rückwärtsgewandten Milieu auf und beginnt nach dem Schulabschluss ein Studium in Harvard. Schnell merkt sie, wie wenig sie mit ihren Kommilitoninnen verbindet. Trinken, Drogen, Sex, Mode oder ein ausschweifendes Studentenleben interessieren sie nicht. Natalie fühlt sich als Außenseiterin – und sie ist eine. Sie zieht sich immer weiter zurück.

Dann begegnet sie Caleb. Er stammt aus einer wohlhabenden und politisch bestens vernetzten Familie. Sein Vater sitzt im Kongress, Caleb selbst ist nicht sonderlich ehrgeizig, eher einfältig und ohne jedes erkennbare Lebensziel – aus Natalies Sicht nahezu ideales Ehemann-Material. Auch seine Eltern haben gegen die Verbindung nichts einzuwenden, solange Caleb die politische Karriere seines Vaters nicht gefährdet und Natalie möglichst viele Enkelkinder bekommt. Die Ehe beginnt holprig. Selbst das gemeinsame Sexualleben funktioniert kaum. Alles deutet darauf hin, dass Natalie sich in eine Sackgasse manövriert hat.

Die Konstruktion einer perfekten Welt

Den Wendepunkt markiert eine Idee, die Natalie für genial hält: Eine Farm soll die Grundlage ihres neuen Lebens werden. Geld spielt dank des Schwiegervaters keine Rolle, also wird ein Anwesen gekauft und aufwendig renoviert.

Zunächst noch unbeholfen, später mit beeindruckender Professionalität dokumentiert Natalie ihr Farmleben in den sozialen Medien. Innerhalb kurzer Zeit entsteht eine perfekt vermarktete Lifestyle-Marke mit Millionenumsätzen und einer riesigen Fangemeinde. Ihre Selbstvermarktung ist perfekt organisiert. Jeder in der Familie weiß genau, was zu tun ist, sobald die Kamera läuft: Caleb in Cowboystiefeln, die Kinder idyllisch zwischen Blumenbeeten oder beim Backen in der Küche, Natalie beim Ansetzen von Sauerteig oder beim Einkochen selbst geernteter Früchte.

Sie inszeniert sich als liebevolle Ehefrau und hingebungsvolle Mutter, stets weichgezeichnet und makellos. Tatsächlich aber ist Natalie kühl, berechnend und häufig zynisch. Sie ist eine äußerst geschickte Geschäftsfrau, die mit ihrer perfekten Farmidylle viel Geld verdient. Souverän steuert sie die Reaktionen ihrer Millionen Follower – von den glühenden Bewunderern bis zu den von ihr verächtlich als "Wütende Weiber" bezeichneten Kritikerinnen.

Zwei Ichs im Konflikt

Burke schreibt raffiniert. Von der ersten Seite an wissen wir, dass Natalie eine Wirklichkeit erschafft, die mit ihrem tatsächlichen Leben kaum etwas zu tun hat. Zwei Nannys kümmern sich um die Kinder, Erntehelfer erledigen die eigentliche Farmarbeit, eine Assistentin organisiert den Alltag, viele Lebensmittel stammen schlicht aus dem Supermarkt. Von der angeblich so authentischen Bio-Idylle bleibt hinter den Kulissen kaum etwas übrig.

Die Kluft zwischen Realität und Inszenierung könnte größer kaum sein. Natalie spricht konsequent von ihrem öffentlichen und ihrem privaten Ich. Sie weiß genau, dass sie eine Rolle spielt. Burke gewährt herrlich zynische Einblicke in die Perfektion, mit der Tradwives ihre digitale Traumwelt erschaffen. Dabei bleibt sie nicht bei diesem Phänomen stehen. Auch Verschwörungstheorien, Manosphere, politischer Rechtsruck und religiöser Fundamentalismus in den USA spielen eine wichtige Rolle.

Erzählt wird nicht linear. Burke springt geschickt zwischen drei Ebenen: Natalies Kindheit und Studienzeit, der surreal perfekten Instagram-Farmwelt und einer tatsächlich existierenden Farm des 19. Jahrhunderts – ohne Komfort, ohne Luxus und ohne jede romantische Verklärung.

Die Entlarvung der Inszenierung

Dass Burkes Roman keine Liebeserklärung an die Tradwife-Bewegung ist, wird früh deutlich. Von Beginn an hat Natalies Welt Risse, das gilt auch für die perfekt inszenierte Welt auf der Farm. Da ist die Schwiegermutter, die ihren machtbesessenen Ehemann nur mit Alkohol und Beruhigungsmitteln erträgt. Oder ihre Schwester, die ein Kind nach dem anderen bekommt, weil es sich so gehört, obwohl sie ihren Mann längst verachtet. Und natürlich Caleb, der im Leben zu nichts zu gebrauchen ist, sogar beim Sex mit Natalie versagt und sie schließlich mit ihrer Assistentin betrügt.

Natalie verliert die Kontrolle – und plötzlich kippt der Roman in eine völlig andere Realität. Sie erwacht auf ihrer Yesteryear-Ranch, doch nun ist nichts mehr Kulisse. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Medien, sondern kratzige Kleidung, Waschzuber, harte körperliche Arbeit und ein prügelnder Ehemann bestimmen ihren Alltag. Mehrfach versucht sie zu fliehen, doch sie scheitert. Wie Burke diese Geschichte schließlich auflöst, kommt unerwartet und trifft mit voller Wucht.

Die Diktatur der Perfektion

Caro Clair Burkes Roman dürfte viele Leserinnen und Leser provozieren. Sie traut sich, eine radikal unsympathische Frau ins Zentrum ihrer Geschichte zu stellen – von "Heldin" mag man hier gar nicht sprechen. Sie zerlegt die Lügen der sozialen Medien ebenso genüsslich wie die vermeintliche Idylle eines perfekten christlichen Familienlebens. Und sie zeigt auf, was mit einem Menschen geschieht, der sich in der selbstgeschaffenen Scheinwelt rettungslos verläuft. Gleichzeitig spielt Burke raffiniert mit ihren Leserinnen und Lesern: Erlebt Natalie das alles tatsächlich, oder handelt es sich um einen Fiebertraum?

Natalie möchte keineswegs die perfekte Hausfrau sein, die sie spielt. Sie will absolute Kontrolle. Sie möchte bestimmen, lenken und beherrschen. "Yesteryear" erschöpft sich nicht in einer Satire auf den Tradwife-Hype, sondern zeigt, wie einengend Rollenbilder sein können – ganz gleich, ob sie progressiv oder konservativ daherkommen. Burke erzählt, wie Menschen an solchen Rollenbildern scheitern, egal, ob sie diese übernehmen oder selbst geschaffen haben. Frauen trifft das besonders hart – doch verschont werden auch die Männer nicht.

Vor allem aber entlarvt Burke die Verführungskraft eines Traums, der weit über die Tradwife-Bewegung hinausreicht: die Sehnsucht nach dem einfachen, natürlichen und vermeintlich perfekten Leben, das für jede Lebensfrage eine vorgeblich einfache Antwort liefert. In den sozialen Medien wirkt dieses Leben mühelos und romantisch – ausschließlich schön, konfliktfrei, glückselig und immer richtig ausgeleuchtet. Es blendet mit aller Kraft aus, was jedes Leben ausmacht – Anstrengung, Konflikte, Zweifel und Scheitern. Nur: Ein solches Leben gibt es nun einmal nicht. Jedes Leben verlangt seinen Preis – ganz gleich, wie modern oder traditionell wir es führen. Gerade in der Sehnsucht nach dieser unerreichbaren Idylle liegt die eigentliche Verführung – und Burkes bitterböse Abrechnung mit ihr.
(Jutta Hamberger)+++

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