Was wir lesen, was wir schauen (149)

Noah Gordon, Der Medicus - Wissen ist gefährlich

Die Qeyssarie-Pforte des Bazars von Isfahan
© Wikipedia / Fabienkhan, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=737839 / Fabien Dany at www.fabiendany.com

26.07.2026 / FULDA - Warum eigentlich wurde Noah Gordons Roman "Der Medicus" (1987) zu einem der erfolgreichsten Bücher überhaupt und verkaufte sich allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Mal? Warum war ihm kein ähnlicher Erfolg in seinem Heimatland USA beschieden? Man kann mit Zahlen und Fakten das ein oder andere beantworten, auf die zentrale Frage erhält man so aber keine Antwort: Warum lieben Menschen diesen Roman bis heute?



Kein Historienroman

Vielleicht sollte man deshalb besser fragen: Warum lesen Menschen fast vierzig Jahre nach Erscheinen Gordons Roman immer noch mit großer Begeisterung? In deutschen Medien wurde nach Erscheinen des Buchs oft gemutmaßt, das deutsche Bild des Mittelalters sei wesentlich durch Gordons "Medicus" geprägt worden. Tatsächlich lesen und lieben viele Leser den "Medicus" als Historienroman. Dabei ist das gar nicht seine eigentliche Stärke. Gordon hat keinen Historienroman geschrieben, sondern einen Bildungsroman, der sich als Abenteuerroman tarnt.

Historiker haben dem Roman von Anfang an historische Ungenauigkeiten vorgeworfen, die Gordon immer wieder mit dem Hinweis pariert hat, er habe kein Sachbuch über Medizin im Mittelalter schreiben wollen. Natürlich geht es im "Medicus" um Medizin, um tödliche Krankheiten wie die Pest, natürlich wird es mit all den Karawanen, Königen und Gelehrten immer wieder auch pittoresk. Gordon schreibt plastisch, seine mittelalterliche Welt – ob nun in England oder in Isfahan – ersteht vor unserem Auge. Man riecht die Gassen Londons, friert auf den verschneiten Pässen, zieht mit Karawanen durch die Wüste, staunt über die fremde Welt und sitzt schließlich selbst in Avicennas Hörsaal. Hinter jeder Tür scheint eine neue Welt zu warten. Gordon erklärt sie nicht, er lässt sie uns erleben.

Dabei erlaubt er sich viele historische Freiheiten. Manche Entwicklungen werden verkürzt oder weggelassen, manches zugespitzt. Gordon hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er immer dort, wo die Quellen endeten, seine Fantasie beginnen ließ.

Reise zur Erkenntnis

Man wird dem Roman gerechter, wenn man das Mittelalter als Bühne versteht, auf der Gordon ein zeitloses Thema besonders kontrastreich entfaltet – das der menschlichen Neugier und des Wissensdurstes. Sein Held weigert sich, die Welt so hinzunehmen, wie sie ihm erklärt wird. Und auch seinen Platz in der Welt will er sich nicht zuweisen lassen.

Der Waisenjunge Rob Cole will nicht deshalb Arzt werden, weil Ärzte angesehen sind. Der Tod seiner Mutter hat ihn bis ins Mark erschüttert, noch mehr, dass niemand ihr helfen konnte. Rob will verstehen: Warum sterben Menschen? Warum überleben manche? Woher kommen Krankheiten? Welche Antworten beruhen auf Erfahrung – und welche auf Glauben? Wissen ist für ihn kein Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg, sondern Leidenschaft. Dafür nimmt er alles auf sich – die lange und beschwerliche Reise, den Religionswechsel.

Denn das Zentrum medizinischen Wissens liegt im 11. Jahrhundert nicht im christlichen Europa, sondern im persischen Isfahan. Dort lehrte Ibn Sina, den wir besser unter seinem latinisierten Namen Avicenna kennen. Sein "Kanon der Medizin" prägte die Heilkunde über Jahrhunderte und blieb bis weit ins 18. Jahrhundert hinein das medizinische Standardwerk Europas. Dorthin führt Rob Coles Weg.

Wissen kennt keine Grenzen

Dieser Perspektivwechsel ist spannend. Europa ist noch von Aberglauben und religiösen Verboten geprägt, im Orient hingegen wird geforscht, beobachtet und gelehrt. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse gelangen erst durch arabische Gelehrte und Übersetzer nach Europa. Fortschritt entsteht dort, wo Kulturen einander begegnen und sich austauschen. Mit dem Blick aus dem Jahr 2026 staunt man und fragt sich: War das nun hellsichtig, oder ist es einfach heute so aktuell wie damals? Heute wird gern so getan, als seien Europa und der Orient seit jeher Gegensätze gewesen. Gordons Roman erinnert daran, wie eng beide Welten historisch miteinander verbunden sind. Austausch und gegenseitige Einflüsse gehörten schon im Mittelalter zur Geschichte unseres Kontinents.

Isfahan ist dennoch kein Wissenschaftlerparadies auf Erden, ganz ohne Konflikte geht es auch dort nicht ab. Die berühmte Medizinschule ist fortschrittlich, doch die Religion setzt ihr enge Grenzen. So ist das Sezieren von Leichen verboten, obwohl sich daraus medizinischer Fortschritt gewinnen lassen würde. Deshalb übertritt Rob Cole dieses Verbot. Es ist keine Abenteuerlust, er will seine Beobachtungen überprüfen. Er möchte nicht glauben. Er möchte wissen.

Damit wird aus dem angehenden Arzt beinahe ein Revolutionär. Gordon erzählt in der spannenden Geschichte einen Grundkonflikt der Menschheit: den zwischen Denken und Gehorchen, zwischen Erkenntnis und Dogma. Gordon lässt keinen Zweifel daran, wo seine Sympathien liegen: nicht bei den Hütern von Gewissheiten, sondern bei den Suchenden. Denn Wissen entwickelt sich nicht dort, wo Antworten feststehen oder verboten sind. Wissen lebt vom Fragen. Es misstraut einfachen Gewissheiten.

Der eigentliche Held des Romans

Vielleicht erklärt gerade das den bis heute anhaltenden Erfolg des Romans. "Der Medicus" lebt nicht von überraschenden Wendungen oder spektakulären Enthüllungen. Man erinnert sich später nicht unbedingt an einzelne Szenen. Aber man erinnert sich an dieses Gefühl, mit Rob Cole gereist zu sein. Es geht in diesem Roman weniger um Medizingeschichte, sondern um Wissensdurst und Neugier.

Rob Cole ist kein Held im klassischen Sinn, seine Stärke liegt woanders: Er gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden, er sucht nach Erkenntnis. Er lernt, er scheitert, er gibt nicht auf, er sucht erneut. In dieser Suche öffnet er sich anderen Kulturen und Religionen. Als er zurückkehrt, ist er ein anderer geworden. Beim Lesen begleiten wir diesen Entwicklungsprozess – staunend, begeistert, am Ende vielleicht auch leise enttäuscht, weil Rob Cole sich für eine sehr private Form des Happy Ends entscheidet. Denn trotz all seines Wissens kann er als Arzt nicht so leben und arbeiten, wie er es sich erträumt hat. Er muss sein Wissen verbergen, gibt es aber an seine Nachfahren weiter, genauso wie auch seinen unstillbaren Wissensdurst. Auf dass bessere Zeiten für die Wissenschaft anbrechen. Rob Cole verändert nicht die Welt, nur im Stillen einen sehr kleinen Teil von ihr. Das ist realistischer und berührender, als jede Heldengeschichte es sein könnte.

Vielleicht lesen wir Gordons Roman deshalb so gerne, weil er uns etwas über uns selbst erzählt. Große Bücher erzählen von Fragen, die nie aus der Mode kommen. Noah Gordon erinnert uns im "Medicus" daran, dass jede große Erkenntnis mit unbequemen Fragen beginnt.
(Jutta Hamberger)+++

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