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Was wir lesen, was wir schauen (154)

Friderike Schilbach, Die Damentoilette – Pinkelpause vom Patriarchat

Eistoilette in Saskatchewan, Kanada
© Wikipedia / Vn daryl_mitchell from Saskatoon, Saskatchewan, Canada, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79892293

04.10.2026 / FULDA - Wirklich jetzt? Ein Text über Damentoiletten als Buchempfehlung! Aber ja, und na klar. Erstens, weil die Schlangen vor "unseren" Toiletten immer viel länger sind als die bei den Männern – was den meist männlichen Planern ziemlich egal zu sein scheint. Zweitens, weil Damentoiletten längst nicht nur der Notdurft dienen. Sie sind Begegnungs- und Rückzugsorte, manchmal auch Schutzräume. Und deshalb unverzichtbar. Es war also höchste Zeit, der Damentoilette eine Liebeserklärung zu machen. Friderike Schilbach hat das gemeinsam mit 22 Autorinnen getan.



Warum geht ihr immer zusammen aufs Klo?

Man muss nur einige Texte lesen, um sofort zu begreifen: Männer verstehen es einfach nicht. Weder, warum Frauen oft gemeinsam aufs Klo gehen, noch, warum sie dort so lange bleiben. Der Grund ist sehr einfach: Männer waren da noch nie. Sie wissen nicht, was auf einer Damentoilette abgeht. Wohl ist ihnen dabei offenbar nicht. Sie vermuten – vermutlich –, dass dort Verschwörungen und Geheimbünde entstehen könnten, von denen sie ausgeschlossen sind.

So ganz falsch liegen sie damit nicht. Claire Beermann, die den Stilbereich des ZEIT-Magazins leitet, sagt: "Die Toilette ist ein Ort, an dem Frauen Luft schnappen. Wir tauchen dort ab, aber eigentlich tauchen wir auf. Es ist ein Ort nur für Frauen, aber zugleich der Ort, an dem man mal kurz nicht Frau sein muss, sondern Mensch sein darf." Weil wir wissen, dass uns das leichter fällt, wenn wir unter uns sind.

Die Damentoilette ist aber auch ein Ort des Lernens und der Solidarität. Kein Tampon? Klemmender Reißverschluss? Welche Lippenstiftfarbe? Taschentuch für Heulanfälle, Lifehacks und Sozialkompetenzen – all das gibt es dort. So jedenfalls beschreibt es Autorin Marlene Sørensen.

The Female Gaze – was wollen Frauen?

Das ist auch der Grund, warum die meisten Frauen einen Vorschlag der Bauministerkonferenz ablehnen: die Pflicht zu getrennten Frauen- und Männertoiletten aufzuheben und künftig nur noch Unisex-Toiletten anzubieten. Der offizielle Grund der Minister: Die Warteschlangen würden kürzer. Der vermutlich inoffizielle: Es senkt die Kosten. Kleine Rückfrage: Wäre es nicht sehr viel klüger, die Bauministerkonferenz fragte einfach mal Frauen, was sie sich in Sachen Klo wünschen?

Ja, ich weiß, das ist ungewohnt. Wo kämen wir denn hin, wenn man Frauen immer fragt, was sie brauchen und wollen? Mansplaining ist doch recht nett, und es gibt einfach mehr männliche Architekten. Das hat, wie so vieles, historische Gründe. Nicht vergessen: Noch im 19. Jahrhundert wurden im öffentlichen Raum überhaupt keine Damentoiletten gebaut, weil die "ehrbare" Frau zu Hause war. Und blieb. Wozu also Toiletten? Für die kurzen Gänge außer Haus, die sie selbstverständlich nur in männlicher Begleitung machen durfte, brauchte es das nicht. Befand Mann. Mann hingegen brauchte Toiletten. Mann war ja wichtig und ständig unterwegs. Die ersten öffentlichen Toiletten, "Pissoirs" genannt, waren daher exklusiv für Männer. Sie sollten vor allem in den Städten das Wildpinkeln eindämmen. Die Dinger waren einfach und platzsparend zu bauen.

Ist halt doof, dass Frauen im Sitzen pinkeln wollen. Pinkeln müssen! Dafür braucht es geschlossene Kabinen. Machen Sie eine kurze Gedanken-Zeitreise und rufen Sie sich in Erinnerung, wie Frauen im 19. Jahrhundert gekleidet waren: aufwendig, mit Korsetten, Krinolinen, Unterröcken und Turnüren. Schnell ging da gar nichts. Und sie brauchten Platz, viel mehr Platz als Männer. Auch, weil sie manchmal kleine Kinder im Schlepptau haben.

Für das Patriarchat war diese "sanitäre Leine" allerdings großartig, denn sie half dabei, den Freiraum von Frauen klein zu halten und quasi unsichtbare Barrieren zu errichten.

Danke, Kaufhaus!

Das änderte sich erst, als Frauen zunehmend arbeiteten, das Wahlrecht erhielten und ihr Recht auf Bildung und Mobilität einforderten. Die ersten, die reagierten, waren die großen Kaufhäuser. Die verstanden von Anfang an: Wenn du willst, dass Frauen gern und ausgiebig shoppen, dann sieh zu, dass du ihnen auch eine exzellente Damentoilette bietest. Wer je in den Restrooms bei Harrod’s oder Jenner’s war, weiß, wovon die Rede ist. Als neuer toiletärer Hotspot wird gerade die Oodi-Bibliothek in Helsinki gefeiert. Sie sei ein wahrer "Dritter Ort" – und das schließt ausdrücklich die Toiletten mit ein.

Wobei – wir wären ja schon froh, wenn die Hygiene stimmt, Toilettenpapier da ist, der Mülleimer nicht überläuft, gutes Licht vorhanden ist und man sich ohne blaue Flecken umdrehen könnte, oder? Eigentlich sind das alles Basisanforderungen an eine Toilette, nur: Sie werden bei weitem nicht immer erfüllt. Und dann gibt es da noch Sonder-Erschwernisse: Wenn etwa Trennwände zu niedrig oder Kabinen oben oder unten offen sind. Die schmälern unser Gefühl von Sicherheit, denn in solchen Toiletten kann man unbemerkt von oben oder unten fotografieren und filmen.

Der ist schuld dran!

Ein Kerl ist übrigens schuld daran, dass es dieses Buch gibt: der Literaturkritiker Denis Scheck. Er ist bekanntlich von seinem guten literarischen Geschmack überzeugt und verriss in seiner Sendung "Druckfrisch" den Roman "Alt genug" von Ildikó von Kürthy als "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette". Das von ihm verdammte Buch warf er, wie bei ihm üblich, in eine Tonne.

Er blieb sich damit treu: Bücher von Frauen verreißt Scheck nämlich signifikant öfter als solche von Männern – 44,9 gegenüber 29,8 Prozent. Das ergab eine ZEIT-Analyse aller 29 "Druckfrisch"-Sendungen in der ARD-Mediathek. Es sind aber nicht nur die Zahlen, sondern mehr noch seine persönlichen Angriffe auf Autorinnen. "Stillose Altherren-Zoten auf dem Niveau bierseliger Stammtische" nannte das "Börsenblatt" das in einem Artikel vom 16. April 2026. Dort wurde gefragt, ob nicht vielleicht Denis Scheck in die Tonne gehöre. Schecks Angriff auf von Kürthys Roman war nicht nur erbärmlich sexistisch. Er offenbarte auch bemerkenswerte Unkenntnis darüber, was Frauen wichtig ist.

Schilbachs Toiletten-Anthologie ist eine kluge und charmante Replik auf Schecks Sexismus. Sie macht zugleich klar, dass die Damentoilette zu allen Zeiten ein politischer Ort war. Denn es geht um den kleinsten öffentlichen Raum, den man uns zugesteht – oder den wir uns nehmen. Und wenn Ihnen das als Begründung nicht reicht, dann schauen Sie sich doch mal Wim Wenders’ "Perfect Days" an: ein Hohelied auf schöne und gepflegte Toiletten. Und vor allem auf die Menschen, die dafür sorgen, dass wir dort gern hingehen.
(Jutta Hamberger)+++

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