Was wir lesen, was wir schauen (153)
Sara Dellabella & Alessio Lo Manto, Die Irrfahrt der St. Louis - Die Ungewollten
© Knesebeck Verlag
20.09.2026 / FULDA -
Am 13. Mai 1939 legt der Luxusliner St. Louis in Hamburg ab – an Bord sind 937 Passagiere, fast alles jüdische Frauen, Kinder, Männer auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Das Ziel der Reise ist Havanna. In der Heimat haben sie alles aufgeben müssen. Der junge Fritz Buff (1923–2017) schreibt über die Reise: "Mit gemischten Gefühlen nahm jeder einzelne Abschied von Deutschland und schloss gleichzeitig mit seinem bisherigen Leben ab (…), ein Gedanke aber erfüllte all unsere Herzen gleichstark, der Gedanke an die Zukunft."
Die gelöste Stimmung der Passagiere an Bord – mit gutem Essen, aufmerksamem Service und vielen Ablenkungen – gleicht der einer Urlaubsfahrt. Denn die St. Louis ist ein nobles Passagierschiff mit Salons, Tanzkapelle, Kino und Luxus. Man kann Sport treiben (Tischtennis, Boxen, Schwimmen), Einkäufe tätigen. Zuversicht und Optimismus herrschen unter den Passagieren. Auch auf der St. Louis gibt es eine erste und eine zweite Klasse, aber alle Räume sind allen zugänglich. Der Kapitän hat angeordnet, dass alle Passagiere zuvorkommend und mit Respekt behandelt werden. Die St. Louis ist also wie eine Insel im Meer des nationalsozialistischen Judenhasses. Man kann sich unschwer vorstellen, wie sich das für die Passagiere anfühlen muss.
Proceed to Hamburg, full speed
Am 6. Juni muss Kapitän Schröder die Rückfahrt nach Europa mitteilen – mit noch ungeklärtem Zielhafen. Verzweiflung, Wut, Schockstarre und Angst herrschen nun auf dem Schiff. Der Kapitän lässt Rundgänge organisieren, um zu verhindern, dass verzweifelte Passagiere sich das Leben nehmen.
Schröder lässt sich nicht entmutigen und spielt weiter auf Zeit. Das gibt den jüdischen Hilfsorganisationen Zeit, mit europäischen Regierungen über die Aufnahme der Passagiere zu verhandeln. Schließlich findet sich ein Hafen – Antwerpen. Die St. Louis kommt dort am 17. Juni 1939 an. Die Passagiere werden auf die Länder verteilt, die sie aufnehmen: 181 kommen in die Niederlande, 224 nach Frankreich, 288 nach Großbritannien und 214 nach Belgien.
Kapitän Schröder schreibt nach dem Krieg seine Memoiren, die Geschichte der jüdischen Passagiere der St. Louis habe ihn nie mehr losgelassen: "Niemals möge die Mahnung vergessen werden, die das tragische Schicksal der schwergeprüften Passagiere für die gesamte Menschheit bedeutet: damit sich Grausamkeit und Unmenschlichkeit nie wieder breitmachen können." Kapitän Schröder wird für seinen Einsatz 1957 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und 1993 postum in Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.
Mehr als zwei Drittel der Passagiere der St. Louis überleben die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Schröders Mut hat dazu entscheidend beigetragen. Doch für viele ist die Zuflucht nur eine Rettung auf Zeit: 254 der nach Europa zurückgekehrten Passagiere werden im Holocaust ermordet.
Die italienische Journalistin Sara Dellabella erzählt gemeinsam mit dem Zeichner Alessio Lo Manto die Geschichte der St. Louis in ihrer Graphic Novel "Die Irrfahrt der St. Louis" in Bildern, die sofort verständlich sind. Die Texte sind reduziert, sie konzentrieren sich auf die Emotionen der Reisenden. Die Erzählung beginnt im November 1938. Die Novemberpogrome sind gerade geschehen – die Angst der Jüdinnen und Juden in Deutschland ist mit Händen greifbar. Sie versuchen verzweifelt, aus Deutschland herauszukommen.
Bilder vor der kubanischen Botschaft, im Pfandhaus, die Gier derer, die sich jüdischen Besitz aneignen, Abschiede von Angehörigen – Dellabella muss nicht viel sagen, wir sehen, wie Juden in Deutschland behandelt werden. Wir sehen den Abschiedsschmerz, das Erstaunen darüber, an Bord gut behandelt zu werden, die Trauer über den Verlust der Heimat und die Unbeschwertheit auf dem Luxusliner.
Sara Dellabella erzählt nicht die tatsächlichen Lebensgeschichten der Passagiere nach, sondern erfindet für ihre Figuren eigene Geschichten. Eine Ausnahme unter ihren Figuren ist der junge Sol Messinger, der tatsächlich an Bord der St. Louis war und mit dem es am Ende der Graphic Novel auch ein Zeitzeugeninterview gibt.
Der Fokus von Dellabellas Graphic Novel liegt auf den Passagieren und den extremen Situationen, denen sie ausgesetzt sind. Die Autorin erklärt das nicht aus, sie lässt Lo Mantos Bilder wirken. Und wir verstehen. Zum Vertiefen und Weiterlesen gibt es noch einige Vorworte, in denen die Geschichte dieser Irrfahrt ausführlicher beleuchtet wird.
Heute begehen Juden in aller Welt Jom Kippur – den Versöhnungstag. Das kann uns Anlass dazu sein, darüber nachzudenken, welche Verantwortung wir für Menschen tragen, die bei uns Schutz suchen. Denn die Frage von Fritz Buff lässt einen auch heute nicht los: "Kann es denn so schwierig sein, 1000 Menschen unterzubringen?"
(Jutta Hamberger)+++
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