Was wir lesen, was wir schauen (152)

Erich Kästner, Fabian – Geschichte eines Moralisten - Die Welt im Zerrspiegel

Oranienbrücke über den Luisenstädtischen Kanal in Berlin
© Wikipedia / Waldemar Franz Hermann Titzenthaler, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8350647

06.09.2026 / FULDA - Erich Kästner verbinden die meisten Menschen mit seinen Kinderbüchern wie "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton" oder "Das doppelte Lottchen" – mit sehr klugen Kindern, deutlich weniger klugen Erwachsenen, ein bisschen Berlin und ganz viel Herz. Und dann nimmt man "Fabian" zur Hand und merkt: Kästner kann auch ganz anders. In "Fabian" hält er seiner Gesellschaft einen Zerrspiegel vor.



Zeit der Umbrüche

"Fabian" ist ein wütendes, trauriges und bissiges Buch, manchmal auch eines, das seine eigene Bitterkeit kaum noch im Zaum hält. Und es ist erstaunlich modern. Kästner erzählt von einer Gesellschaft, die sich beim Untergehen zusieht und dennoch weitermacht, als wäre alles nur eine Party, die ein bisschen zu lange gedauert hat.

Die Titelfrage war 1931 umkämpft. Kästner erwog unter anderem "Saustall" und "Jugend im Vacuum", der Verlag entschied sich schließlich für "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" – das ist hübsch harmlos und ungefährlich. Die rekonstruierte Fassung von Sven Hanuschek trägt den Titel "Der Gang vor die Hunde", den Kästner später selbst als seinen ursprünglichen Titel bezeichnete. Die Neuausgabe zeigt, was der Verlag 1931 gekürzt und entschärft hatte – aus Angst vor Zensur, vor Sittenwächtern und vor einem Skandal.

"Fabian" erschien in den letzten fiebrigen Jahren der Weimarer Republik. Die große Katastrophe ist noch nicht da, aber sie liegt in der Luft. Die Weltwirtschaftskrise hat Millionen Menschen arbeitslos gemacht, die NSDAP gewinnt an Macht, auf den Straßen kämpfen Nationalsozialisten und Kommunisten gegeneinander. Hitler und die NS-Führungsriege stehen bei Kästner nicht im Zentrum. Kästner erzählt von Müdigkeit und Anpassung. Von Leuten, die sich täglich mehr daran gewöhnen, dass es bergab geht. Das ist viel beunruhigender. Denn die meisten Menschen in diesem Roman sind nicht böse. Sie sind beschäftigt. Mit dem Überleben, dem Vergnügen, der nächsten Liebschaft, dem Geld, der Karriere oder damit, sich selbst möglichst wenig zuzumuten.

Ein anständiger Mensch in unanständiger Zeit

Mittendrin lebt Dr. Jakob Fabian, Germanist und Werbetexter. Talentiert, klug, aber ohne wirklichen Plan. Er trinkt, hat Liebschaften, diskutiert mit seinem Freund Labude über den Zustand der Welt und zieht nachts durch Bars, Bordelle, Künstlerateliers, Redaktionen und Wartezimmer. Ein Held ist Fabian nicht. Kästner macht aus ihm keinen Widerstandskämpfer, keinen aufrechten Mann, der die anderen beschämt.

Aber Fabian merkt, was falsch läuft. Er ist Pessimist und Moralist, eine nicht gerade erquickliche Mischung. Denn was hilft die Moral, wenn alle anderen beschlossen haben, darauf zu pfeifen? Fabian widerspricht und spottet, zieht sich zurück. Er durchschaut die Welt, aber er verändert sie nicht. Das ist seine Stärke und seine Schwäche zugleich. Man kann ihn deshalb bewundern. Man kann sich aber auch über ihn ärgern. Denn seinen Scharfsinn nutzt er immer wieder für Alibis. Fabian hält sich für zu klug, um mitzumachen. Der Roman lässt die unangenehme Frage offen, ob dieses Abseitsstehen nicht auch eine Form von Mitmachen ist.

Der Gestank unter dem Glitzer

Kästners Berlin ist nicht das Berlin der Goldenen Zwanziger. Es ist eine Stadt, die an manchen Stellen noch glitzert, aber der Lack ist längst ab. Darunter öffnen sich Risse. Viele Menschen hungern, während andere Champagner trinken. Es wird getanzt, gelacht, geflirtet und betrogen. Kästner beschreibt das wie mit einem Seziermesser. Seine Sätze sind scharf und schnell, oft komisch und im nächsten Moment brutal. Ein Dialog, ein Blick, eine kleine Gemeinheit genügen, und man weiß, wie es um diese Welt steht. Kästner schreibt in schnellen Schnitten. Schnelle und kurze Dialoge, umgangssprachliche Ausdrücke, Überschriften wie aus Zeitungen und satirische Beobachtungen treiben den Roman voran wie eine hektische Großstadtzeitung. Das passt zur Großstadt Berlin – und lässt den Leser kaum zur Ruhe kommen.

Kästner will witzig, böse und genau sein. Manchmal dienen ihm seine Figuren ein wenig zu stark dazu, eine Pointe unterzubringen, und geraten zu Typen: der zynische Intellektuelle, der verzweifelte Idealist, der korrupte Chef, die schöne Frau mit Ambitionen. Auch das gehört aber zu diesem Roman. "Fabian" will die Welt nicht mit all ihren Zwischentönen abbilden, sondern eine Zeit zeigen, die aus den Fugen gerät.

An das Glück glaubt Fabian nicht. Das ändert sich, als er Cornelia Battenberg trifft. Sie will zum Film, sie will aus ihrem Leben etwas machen und hat keine Lust, auf bessere Zeiten zu warten. Vorwerfen kann man ihr das nicht. Auch nicht, dass sie nicht bereit ist, mit Fabian gemeinsam arm und klug zu sein. In der Filmbranche entscheiden Männer über Verträge, Rollen und Karrieren. Für Cornelia ist ein Produzent ein möglicher Weg zum Ruhm. Das ist tatsächlich eine Schwäche des Romans: Kästner will Cornelia ernst nehmen, aber er sieht sie fast nur durch Fabians Augen. Wir verstehen, was sie gewinnt. Wir erfahren aber zu wenig über das, was sie dafür aufgibt.

Fabian und Labude verbindet eine der schönsten und traurigsten Freundschaften der deutschen Literatur. Labude glaubt zunächst noch daran, dass Bildung und Geist etwas bewirken könnten. Fabian erlaubt sich diese Illusion schon lange nicht mehr. Wo Fabian sich in Ironie rettet, hält Labude die Erkenntnis nicht aus. Sein Selbstmord ist einer der erschütterndsten Momente des Buches. Das hätte ins Melodram abrutschen können, aber Kästner rettet die Szene, weil das Grauen durch Dummheit, Gleichgültigkeit und eine Gemeinheit kommt, die für denjenigen, der sie begeht, vermutlich nicht mehr als eine kleine Fußnote im eigenen Leben ist.

Ein genauer Beobachter

Nach 1933 wurde oft gesagt, Kästner habe den Untergang der Weimarer Republik vorausgesehen. Das stimmt nur halb. Er war kein Prophet. Er war jemand, der hinsah, als viele andere lieber wegschauten.

Er sah die Verachtung für Schwäche. Den Hass auf alles angeblich Komplizierte. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Den Zynismus jener, die sich aus allem heraushalten wollen, weil sie sich für klüger halten als die anderen. Kästner zeigt, welchen Preis es hat, wenn zu viele Menschen zu lange zuschauen und nicht eingreifen.

1933 verbrannten die Nationalsozialisten Kästners Werk, der Autor galt als Vertreter der "dekadenten Asphaltliteratur". Er selbst stand auf dem Berliner Opernplatz und sah zu, wie seine Bücher in die Flammen geworfen wurden. Dennoch blieb er in Deutschland. Das macht ihn nicht automatisch zu einer moralischen Instanz. Aber es erklärt etwas von der Härte, die in seinem Schreiben steckt.

Ein Buch gegen die Gleichgültigkeit

Fabian scheitert. Labude scheitert. Fabians Liebe scheitert. Aber Kästner verweigert sich der bequemen Haltung, dass man halt leider nichts machen könne. Sein Roman zeigt, wie gefährlich Gleichgültigkeit wird, wenn sie sich als Klugheit verkleidet.

Man muss "Fabian" nicht in allem mögen. Man darf Kästners Lust am scharfen Satz gelegentlich zu geschniegelt finden. Man darf sich wünschen, dass manche Figuren mehr sein dürften als ein treffendes Bild ihrer Zeit. Trotzdem oder erst recht sollte man diesen Roman lesen, denn Kästner zeigt etwas Alltäglicheres und deshalb Gefährlicheres: Menschen merken, dass etwas nicht stimmt. Sie machen Witze darüber, sie zucken mit den Schultern, sie erklären sich für unzuständig. So lange, bis es zu spät ist. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem Witze, Achselzucken und kluge Ausreden nicht mehr harmlos sind, sondern Teil der Katastrophe.
(Jutta Hamberger)+++

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