Was wir lesen, was wir schauen (151)

Christopher John Sansom, Pforte der Verdammnis - Zerstörung aller Gewissheit

Glastonbury Abbey. Die einst mächtige Benediktinerabtei wurde 1539 aufgelöst
© Wikipedia / Steve Slater, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114715637

23.08.2026 / FULDA - Reisen Sie mit ins England des Jahres 1537. Auf dem Thron sitzt Heinrich VIII., die Reformation ist in vollem Gange, der König hat mit dem Papst und Rom gebrochen. Thomas Cromwell lässt Kommissare durchs Land reisen und die Klöster inspizieren. In dieser bewegten Zeit spielt C. J. Sansoms Shardlake-Serie, der Auftakt der Reihe ist "Pforte der Verdammnis". Wenn Sie Lust auf Geschichte haben, sind Sie hier genau richtig.



Ein buckliger Held

Der Rechtsanwalt Matthew Shardlake wird von Thomas Cromwell ins Kloster Scarnsea an der Südküste Englands beordert, denn dort ist einer von Cromwells Kommissaren ermordet worden. Shardlake soll die Sachlage klären. Er merkt schnell: Jede Spur in diesem Fall führt tiefer in politische Intrigen, religiöse Konflikte, wirtschaftliche Not, menschliche Abgründe und Machtspiele. Und natürlich bleibt es nicht bei dem einen Mord. Wir ahnen beim Lesen, dass jedes weitere Puzzleteil nichts Gutes enthüllen wird.

Shardlake ist ein Außenseiter der Gesellschaft. So blitzgescheit er auch ist, so gute Dienste er Thomas Cromwell auch leistet – seine Missbildung macht ihn zu jemandem, der von anderen mit Argwohn und Spott betrachtet wird. Er leidet darunter, sieht aber auch nicht, wie er das verändern könnte. Shardlake versucht, sich seinen Sinn für Gerechtigkeit in einer Welt voller Fanatismus und politischer Brutalität zu bewahren. Er unterstützt die Anliegen der Reformation, ohne dabei zum Eiferer zu werden. Er ist klug, verletzlich und behält seinen moralischen Kompass, auch wenn er sein Leben leichter machen würde, ihn gelegentlich zu ignorieren.

Sansom stellt ihm in dem Schreiber Mark Poer einen Gefährten an die Hand, der ganz anders tickt und "über einen wachen Verstand und starke Arme" verfügt. Das führt zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen, bei denen Shardlake auch einmal den Kürzeren zieht. Die Gespräche zwischen beiden bringen Shardlake immer wieder zum Nachdenken – nicht nur über den Fall in Scarnsea, sondern über Cromwells Politik und seine eigene Haltung dazu.

Ein gieriger König

Der Bruch Heinrichs VIII. mit Rom hatte zunächst nichts mit theologischen Fragen zu tun. Der König wollte seine Ehe mit Katharina von Aragón annullieren lassen, um Anne Boleyn zu heiraten und mit ihr endlich einen männlichen Thronfolger zu zeugen. Papst Clemens VII. verweigerte die Annullierung – nicht zuletzt aus Rücksicht auf Katharinas mächtigen Neffen, Kaiser Karl V. 1534 erklärte das englische Parlament Heinrich VIII. mit dem "Act of Supremacy" zum Oberhaupt der Kirche von England. Der Bruch mit Rom war vollzogen.

Was als Eheproblem des Königs begonnen hatte, veränderte innerhalb weniger Jahre das ganze Land. Religiöse Traditionen wie Wallfahrten und Reliquienverehrung wurden bekämpft, Klöster überprüft und schließlich aufgelöst. 1535 ließ Cromwell mit dem "Valor Ecclesiasticus" den kirchlichen Besitz und seine Einkünfte erfassen. Bei den Visitationen der Klöster wurden anschließend tatsächliche oder vermeintliche Verfehlungen gesammelt, die Argumente für deren Auflösung lieferten. Obwohl sich im Land Widerstand regte, wurde dieser gebrochen und die "freiwillige" Aufgabe vieler Klöster erzwungen.

Für die Krone war das ein äußerst einträgliches Geschäft. Klosterbesitz und Vermögen fielen an sie, große Teile des Landes wurden anschließend verkauft oder an neue Besitzer vergeben – damit füllte der König seine Kassen und schuf zugleich neue Loyalitäten. Obwohl die englische Reformation anders begann als die von Luther angestoßene Reformationsbewegung auf dem Kontinent, gab es auch in England ähnliche Debatten über kirchliche Macht, Glauben und religiöse Erneuerung.

Eine Welt gerät ins Wanken

Das ist in etwa die Gemengelage, in der Matthew Shardlake mit der Aufklärung eines Mordfalls in der fiktiven Scarnsea Abbey beauftragt wird. Sansom erzählt historisch präzise und emotional packend, ohne dabei mit endlosen Details zu langweilen. Alles, was es in der Welt draußen gab, fand auch hinter Klostermauern statt. Sansom romantisiert diese Welt nicht. Die Mönche sind keine Heiligen oder besonders fromme Menschen, auch im Klosterleben gab es Trunksucht, Völlerei, Sex, Grausamkeit und Gier.

Aber Sansom zeigt auch die andere Seite. Wir verstehen, was geschieht, wenn Klöster zu Ruinen werden, Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren und jahrhundertealte Sicherheiten plötzlich nicht mehr gelten. Denn die Klöster waren nicht nur religiöse Orte. Sie waren Arbeitgeber, Grundbesitzer und Zentren der Versorgung. Mit ihrer Auflösung veränderten sich wirtschaftliche und soziale Strukturen tiefgreifend.

Wir erleben bei Sansom eine zerrissene Gesellschaft zwischen Reformation, Intrigen, Aberglauben, Angst und Gewalt. Was bisher sicher war, wird infrage gestellt oder zerstört. Institutionen, die jahrhundertelang unverrückbar schienen, verschwinden. Alte Wahrheiten gelten plötzlich nicht mehr, neue werden mit Macht und oft brutaler Gewalt durchgesetzt. Niemand weiß, was als Nächstes kommt. Vielleicht ist das einer der zentralen Gründe, warum Sansom Romane uns so faszinieren. In seinen Büchern ist uns das 16. Jahrhundert gar nicht mehr so fremd und wir entdecken Ähnlichkeiten zu der Zeit, in der wir leben.

Natürlich dachten die Menschen damals anders als wir heute. Ihre Vorstellungen von Gott, Gesellschaft und Herrschaft unterschieden sich fundamental von unseren. Was uns aber mit ihnen verbindet, ist das Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der Gewissheiten verloren gehen. Wir kennen die Verunsicherung, wenn politische und gesellschaftliche Ordnungen ins Wanken geraten, wenn sich die Welt schneller verändert, als Menschen sie begreifen können. Noch etwas ist erschreckend vertraut: Auch damals suchten Menschen nach einfachen, fassbaren Antworten auf Phänomene, die sie nicht erklären konnten. Aberglaube erfüllte dabei mitunter eine ähnliche Funktion wie heute Verschwörungserzählungen und Fake News.

Weltsichten – damals und heute

Zumindest beim Blick in den historischen Rückspiegel haben wir Heutigen einen entscheidenden Vorteil gegenüber Shardlake und seinen Zeitgenossen: Wir wissen, wie es weiterging. Wir nennen diese Zeit Reformation und Frühe Neuzeit, wir kennen die Folgen und betrachten das alles als Teil eines abgeschlossenen historischen Prozesses. Für die Menschen, die damals lebten, war das aber nicht Geschichte, sondern ihre Gegenwart – eine Gegenwart, die unübersichtlich und widersprüchlich war.

Das Gefühl, dass eine vertraute Ordnung zerbricht und niemand weiß, was danach kommt, gehört keineswegs nur der Vergangenheit an. Geschichtliche Umbrüche mit nicht absehbaren Folgen gab es zu allen Zeiten. Das ist nicht unbedingt tröstlich. Aber vielleicht hilft es, die eigene Gegenwart ein wenig gelassener zu betrachten.

Sansom selbst formulierte das 2010 in einem Interview mit dem Guardian so: "Diese Zeit fasziniert mich, weil damals die mittelalterlichen Gewissheiten, die über Jahrhunderte Bestand gehabt hatten, auf den Kopf gestellt wurden. Es war eine Zeit außerordentlicher Unruhe und Bewegung (…) Je mehr ich darüber las, desto stärker wurde mir bewusst, wie sehr diese Zeit in ihrer Angst und Unsicherheit dem 20. Jahrhundert ähnelte – obwohl die Menschen damals ganz anders dachten. (…) Genau das ist das Interessante daran, über diese Epoche zu schreiben: Um sie zu verstehen, muss man sich in eine völlig andere Weltsicht hineinarbeiten."

Vielleicht brauchen wir gerade deshalb historische Romane: Andere Weltsichten machen die Welt nicht einfacher. Aber sie helfen uns, ihre Komplexität auszuhalten.
(Jutta Hamberger)+++

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