Was wir lesen, was wir schauen (150)
Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan - Dieser Tag, ein Leben
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09.08.2026 / FULDA -
Wer gern liest, ist früher oder später der berühmtesten Schriftstellerin Schwedens begegnet. Kommen Sie mit mir in den Stockholmer Schärengarten, wo das Meer glitzert, der Himmel strahlend blau ist, kleine ochsenblutrote Häuser zwischen Felsen stehen und eine Familie mit vier Kindern einen unvergesslichen Sommer erlebt. Astrid Lindgrens "Ferien auf Saltkrokan" ist für mich das schönste Sommerbuch überhaupt – und deshalb genau die richtige Lektüre, um die Sommerferien mit leiser Wehmut zu verabschieden.
"Vi på Saltkråkan" ist das einzige Buch Astrid Lindgrens, das aus einer Fernsehserie hervorging. Sie entwickelte aus ihrem Drehbuch den Roman. Die deutsche Fassung hieß zunächst "Ferien auf der Kräheninsel", eine durchaus treffende Übersetzung des Originaltitels (saltkråkan = Salzkrähe). 1964 erschienen Film und Buch.
Der Originaltitel "Wir auf Saltkrokan" trifft den Ton des Romans viel besser als der etwas nüchterne deutsche Titel. Denn nicht um Ferien, sondern um dieses "Wir" geht es. Schon bei der Ankunft am Fähranleger begegnen die Melkerssons ihren künftigen Nachbarn. Der kleine Per schließt sofort Freundschaft mit Stina und ihrem Papagei, mit Tjorven und ihrem riesigen Bernhardiner Båtsman sowie mit Eltern, Großeltern und allen, die sonst noch zur Inselgemeinschaft gehören.
Astrid Lindgren entwirft eine Welt, die von Gemeinschaft, Freundlichkeit und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Erwachsene und Kinder begegnen sich auf Augenhöhe. Alle dürfen so sein, wie sie sind. Die Kinder streifen über die Insel, entdecken die Welt, erleben kleine und große Abenteuer und begegnen Menschen, die ihnen Geschichten erzählen – Erinnerungen ebenso wie Seemannsgarn und Märchen.
Malin hingegen ist zwar ihrer Familie herzlich zugetan, möchte aber gern heiraten und schreibt darüber auch in ihrem Tagebuch. Tjorven und Stina sind überzeugt, dass nur ein Prinz gut genug für Malin wäre. Also küssen sie kurzerhand einen Frosch – sicher ist sicher! Tatsächlich erscheint kurz darauf der Naturforscher Petter Malm, zwischen Malin und ihm entwickelt sich tatsächlich Liebe. Auch Tod und Vergänglichkeit blendet Lindgren nicht aus, etwa als Pers geliebtes Kaninchen Jocke totgebissen wird.
Von Kindern und Vätern
Astrid Lindgren nimmt Kinder genauso ernst wie Erwachsene. Besonders schön zeigt sich das in der Beziehung zwischen Tjorven und Melker, die vielleicht symptomatisch dafür ist, dass Erwachsene Kinder nicht nur umsorgen und erziehen, sondern viel von ihnen lernen können. Die Kinder genießen große Freiheiten – und lernen ganz selbstverständlich, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet. Darin liegt der große Reiz der Erzählung Lindgrens: Ohne Pädagogik und Zeigefinger spüren Kinder, dass Freiheit, Verantwortung und Miteinander zusammengehören.
Vor allem aber ist Melker einer der liebenswertesten Väter der Kinderliteratur – nicht nur bei Astrid Lidgren. Melker ist kein Held, der alles kann, sondern ein liebevoller Vater, der Fehler macht, Hilfe braucht und sie ohne falschen Stolz annimmt. Seine Kinder lachen über ihn und mit ihm, helfen ihm und lieben ihn mit all seiner Ungeschicklichkeit. Denn sie wissen eins sehr genau: Ihr Vater ist immer für sie da. Und so ist auch das eine zentrale Lindgren-Botschaft: Stärke zeigt sich nicht darin, keine Schwächen zu haben. Sie zeigt sich darin, trotz seiner Schwächen für andere da sein zu wollen.
Deshalb ist auch Melkers Lieblingssatz so bedeutsam: "Denna dagen, ett liv" (Dieser Tag, ein Leben).
Das Zitat stammt von Thomas Thorild, einem schwedischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. Astrid Lindgren entdeckte es bei einem Besuch im Haus der Frauenrechtlerin Ellen Key und machte es zu Melkers Lebensmotto. Genieße jeden Tag, wie er kommt. Verschwende ihn nicht mit Missmut oder Neid. Tue Dinge, die dir und anderen guttun. Das Zitat ist aber kein Beglückungssatz fürs Poesiealbum, denn es meint auch, das ganze Leben anzunehmen – mit Freude und Liebe ebenso wie mit Trauer, Wut, Angst und Zweifeln.
Wie der Schriftstellerin Lena Gorelik, die "Vi på Saltkråkan" als das "Buch meines Lebens" bezeichnete, geht es auch mir: Dieser Roman tröstet und richtet auf. Man taucht in diese Inselwelt ein und möchte eigentlich gar nicht mehr fort. Gorelik formulierte es so: "Ich habe das so genau vor Augen, als wäre ich heute dort gewesen. Ich weine immer noch an denselben Stellen. Ich lache immer noch an denselben Stellen. Bücher, die eine solche Menschlichkeit ausstrahlen, sind selten." Da sind wir uns sehr einig: Dieser Roman hat seit seinem Erscheinen nichts von seiner Kraft verloren.
P.S.: Für meine 150. Kolumne in der Reihe "Was wir lesen, was wir sehen" bat mich Carla Ihle-Becker von ON um ein absolutes Lieblingsbuch. (Nicht zufälligerweise, es ist auch meins!" ci) Davon gibt es einige, und manche werden Teil des eigenen Lebens – so wie "Vi på Saltkråkan".
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