Profis bei der Arbeit (128)

"Immer parteiisch für das Kind" - Familienrichterin Angela Winkler verurteilt nicht

Seit 17 Jahren Richterin am Fuldaer Familiengericht: Angela Winkler
Fotos: Julius Böhm

10.08.2018 / FULDA - Im Sitzungssaal des Fuldaer Familiengerichts hängt ein mit Buntstiften gemaltes Bild. Es zeigt ein Kind, das von Vater und Mutter rechts und links am Ärmchen gepackt und fast in zwei Teile gerissen wird. Die Situation, die vielen Scheidungskindern leider sehr vertraut ist, beschäftigt auch Familienrichterin Angela Winkler in ihrem Berufsalltag. "Egal, ob Sorgerechtsstreit oder Umgangsrecht - wir sind immer parteiisch - auf der Seite des Kindes", erklärt sie. Viele Scheidungen gehen fast geräuschlos und einvernehmlich über die Bühne, doch wenn darüber entschieden werden soll, bei welchem Elternteil ein Kind künftig leben soll, wird häufig mit harten Bandagen gekämpft und auch vor Schlammschlachten nicht zurückgeschreckt. Vor Gericht werden weit zurückliegende Kränkungen und verletzte Gefühle ausgebreitet und der Ex-Partner beschimpft und beschuldigt. "Ein vom Partner Verlassener sieht sich als Opfer und glaubt, der Familienrichter werde dem anderen 'ordentlich die Leviten lesen' und ihn verurteilen. Doch das ist ein fundamentaler Irrtum: ich bin kein Strafrichter, es geht nicht um Schuld, sondern um die Lösung, die am besten für das Kind ist", klärt die 49-Jährige auf.

"Wir müssen bei der Entscheidung, welcher Elternteil das Sorgerecht bekommt, auch perspektivisch denken, also zum Beispiel im Auge haben, wie sich die momentane Situation verändern kann." Nach dem Gesetz soll in Familiensachen möglist eine Einigung zwischen den Beteiligten erzielt werden - auch wenn es manchmal fast unüberbrückbare Gräben gibt. "Es ist ja zum Beispiel nachvollziehbar, dass ein Elternteil, das Unterhalt zahlen muss, nicht verstehen kann, wenn es kein Umgangsrecht bekommt." Aber das Kindeswohl hat für Angela Winkler und ihre sechs Kollegen oberste Priorität, ganz gleich, ob es um Umgangs- und Sorgerecht, Inobhutnahme oder Adoptionen gehe.

"Bei den Verfahren vor dem Familiengericht gibt es keine Gewinner oder Verlierer - es geht um eine gemeinsame Lösung." Dass manche Eltern ihre Kinder im Ehekrieg als Waffe benutzen, es auszuhorchen und zu manipulieren versuchten, sei zwar menschlich verständlich, aber grundfalsch. "Nach meiner Erfahrung rächt sich solches Verhalten - die Kinder werden größer und wenden sich ab oder interessieren sich erst recht für den schlecht gemachten Elternteil."

Viel Zeit für Kindesanhörungen

Angela Winkler nimmt sich Zeit für die betroffenen Kinder und hört ihnen genau zu - in ihrem Zimmer ohne Robe. Oft seien diese froh, über die belastete Situation mit einer neutralen Person sprechen zu können. "Die Kinder machen sich zum Teil Gedanken über Dinge wie Unterhaltszahlungen, die sie in ihrem jungen Alter noch gar nicht wissen sollten." Die Richterin fragt bei den Kleinen auch nicht, ob sie zu Vater oder Mutter wollen - das würde sie überfordern. "Es gibt ganz unterschiedliche Charaktere, aber alle Kinder wünschen sich, dass sich ihre Eltern vertragen - auch nach der Trennung." Zum Glück gibt es professionelle Hilfestellung, um die Schwierigkeiten einer Trennung für die Kinder zu erleichtern. Bei der Erziehungsberatung können Eltern beim Kurs "Kinder im Blick" lernen, wie sich ihr Umgang miteinander für ihr Kind anfühlt und sie es besser machen können. Beim Fuldaer Familiengericht gibt man sich Mühe, aus dem Ende einer Ehe kein Drama, sondern eine für alle akzeptable Veränderung werden zu lassen. (Carla Ihle-Becker)+++