Nach Missbrauchsvorwürfen

Weber-Skulpturen vom Gelände der Landesgartenschau entfernt

Eines der Kunstwerke Webers, die auf der Landesgartenschau in Fulda gezeigt wurden.
Fotos: Landkreis Fulda

05.07.2023 / FULDA - Auf Anregung der Kunststation Kleinsassen waren auf dem FuldaAcker der Landesgartenschau Kunstwerke von Dr. Claus Weber aufgestellt. Diese wurden inzwischen entfernt. Der Grund: Gegen den katholischen Priester und Künstler, der in Reichlos (Gemeinde Freiensteinau im Vogelsbergkreis) lebte und 2020 verstarb, gibt es mehrere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs.



Bei einer Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen vor einigen Jahren lernten die dort Verantwortlichen Dr. Claus Weber als Künstler kennen. Dieser gestaltete Skulpturen aus landwirtschaftlichen Werkzeugen, weshalb er prädestiniert für die Landesgartenschau in Fulda auf dem FuldaAcker erschien. "Claus Weber war freier Kunstschaffender und schuf Kunstwerke aus landwirtschaftlichen Geräten. Die Formen der bäuerlichen Werkzeuge bieten dem Betrachter in ihrer ungewöhnlichen Anordnung neue ästhetische Qualitäten. Demjenigen, für den die Geräte einst geschaffen wurden, entlocken sie nur ein Seufzen im Gedenken an Schwielen und Schweiß der ländlichen harten Arbeit", so die Kunststation bei der Ankündigung des "Kunstspaziergangs auf der Landesgartenschau".

"Hätten auf Beteiligung verzichtet"

In der vergangenen Woche hat die Leitung der LGS aus der Bild-Zeitung von den Vorwürfen gegen Weber erfahren. "Wäre uns ein solcher Vorwurf bekannt gewesen, hätten die Kunststation und auch wir auf eine Beteiligung von vornherein verzichtet. Es wäre undenkbar gewesen, eine Bühne für einen Künstler zu bereiten, der sich – wenn auch verstorben – einem solchen Verdacht ausgesetzt sieht", so LGS-Pressesprecherin Patricia Bickert gegenüber O|N. Vor dem Hintergrund der Vorwürfe gegen Claus Weber hat die LGS in Abstimmung mit der Kunststation Kleinsassen die relevanten Kunstobjekte vom Gelände und in der LGS-Außendarstellung entfernt, "da wir unabhängig von dem Ergebnis der Recherchen des Bistums Trier, uns nicht an öffentlichen Diskussionen beteiligen wollen", so Bickert. Die Kunstobjekte sind eingelagert und werden nach der LGS wieder an den Nachlassverwalter übergeben.

Stellungnahme der Kunststation Kleinsassen

"Auf die Vorwürfe im Netz wurden wir vor wenigen Tagen durch einen Anruf hingewiesen. Informationen haben wir nach diesem Anruf ausschließlich aus aktuellen Internet-Recherchen erhalten. Laut Informationen aus dem Netz gab das Bistum Trier erst jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, seinen Namen, verbunden mit Missbrauchsvorwürfen bekannt", so Monika Ebertowski, die Leiterin der Kunststation Kleinsassen auf Nachfrage von O|N. "Claus Weber kann sich gegen diese Vorwürfe nicht mehr verteidigen. Die Kunststation Kleinsassen empfiehlt Zurückhaltung - im Sinne unseres rechtsstaatlich hohen Prinzips 'Im Zweifel für den Angeklagten'. Dem Bistum Trier wäre vorzuwerfen, dass erst jetzt nach dem Tod des Künstlers und Jahrzehnte nach Aufkommen der Vorwürfe die Öffentlichkeit informiert wird - und auch das nur äußerst ungenau, sodass eine seriös begründete Stellungnahme nicht möglich ist."

"Grundsätzlich halte ich 'Bildersturm' für keine Lösung. Immer sind künstlerische oder literarische Werke in einem gesellschaftlichen Kontext entstanden, der zur Auseinandersetzung einlädt oder auch provoziert und den man eh nicht wegretuschieren kann, indem ein Werk zerstört wird. Immer transportieren Werke auch Aussagen und Botschaften, die für sich stehen und nicht auf die Vita des Künstlers / der Künstlerin Bezug nehmen. - Luther werden antisemitische Positionen vorgeworfen, Goethe menschenverachtende Urteile - und doch haben beide einen festen Platz bezüglich weltanschaulicher und literarisch-poetischer Orientierung. Soweit meine grundsätzliche Haltung zum Bildersturm", so Ebertowski.

"Abbau als Schutz der Kunstwerke"

"Im aktuellen Fall sehe ich den Abbau der ausgestellten Kunstwerke als Schutz für diese. Denkbar wäre schließlich, dass die berechtigte öffentliche Empörung über das Ausmaß von Missbrauch im kirchlichen und gesamtgesellschaftlichen Kontext und die jahrzehntelange Vertuschung solcher Straftaten durch Verantwortliche der Institution Kirche aufgebrachte Besucher zum Beschmieren oder Zerstören der Arbeiten provoziert hätte. Auch kann bzw. konnte man nicht absehen, welche Rolle der Fall Claus Weber in der Wahrnehmung der Besucher insgesamt einnehmen würde und welche Auswirkungen dies auf die Stimmung und Wertschätzung der Landesgartenschau und auf das Kunstkonzept 'Kunst und Natur im Dialog' hätte. Insofern halte ich es zum aktuellen Zeitpunkt für richtig, die Arbeiten aus der Landesgartenschau herauszunehmen. Meine Wertschätzung diesen Kunstwerken gegenüber bleibt", sagt die Leiterin der Kunststation.

Sie behalte "Claus Weber auch als Mensch wertschätzend in Erinnerung". "Hätten die kirchlichen Würdenträger vor rund 40 Jahren korrekt reagiert, wäre er entweder verurteilt und bestraft oder rehabilitiert worden. Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, den Fall aufzurufen und Betroffene von damals in Bolivien zu suchen, halte ich für äußerst fragwürdig", so Ebertowski.

Kirchlicher Werdegang Webers

Weber hatte einen Lehrauftrag an der katholischen Universität Cochamba in Bolivien. Dort lebte er von 1970 bis 1975 und von 1986 bis 1995. Er war am Aufbau der beiden Waisenhäuser "Arco Iris" und "Muyurina" beteiligt, die er auch zeitweise leitete. Im Jahr 1994 flüchtete Weber nach Paraguay, laut dem Bistum Trier sei er erpresst worden und entziehe sich durch Flucht, weil er glaube, sich Vorwürfen sexuellen Missbrauchs nicht erwehren zu können. 1995 kehrte Weber nach Deutschland zurück, wo seit 1997 gegen ihn ermittelt wurde. Das Verfahren wurde im Jahr 2000 eingestellt. 2002 meldet sich eine betroffene Person, die Weber sexuellen Missbrauch in dessen Zeit als Pfarrer in Koblenz-Metternich vorwirft. Die Staatsanwaltschaft Koblenz stellte das Verfahren wegen Verjährung ein. Im Herbst 2019 wurde ihm die öffentliche Ausübung des priesterlichen Dienstes untersagt. Dem vorangegangen war ein kirchenrechtliches Strafverfahren.

Weber arbeitete anschließend bis 2003 beim Katholischen-Akademischen Ausländer-Dienst (KAAD) in Bonn. "Mit Erschütterung haben wir die Informationen über Taten sexualisierter Gewalt an Minderjährigen aufgenommen, deren Claus Weber in Bolivien und in Deutschland bezichtigt wird. Zudem sind wir darüber irritiert, dass der KAAD vor und während der Tätigkeit von Dr. Claus Weber vom Bistum Trier keine einschlägigen Informationen erhielt. Wir werden alles zur Aufarbeitung beitragen, was uns möglich ist. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns keine Hinweise darüber vor, dass sexuelle Übergriffe im Rahmen seiner Tätigkeit für den KAAD verübt worden sind. Personen, die Informationen haben, sind gebeten, sich unter intervention@kaad.de zu melden", so der KAAD. (Christopher Göbel) +++

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