"Ich konnte es gar nicht glauben"

Schauspieler Thieß Brammers Reise vom Tiefpunkt zum gefeierten "Parzival"

Thieß Brammer steht seit Ende Juni als Parzival auf der Ruinenbühne
Fotos: Carina Jirsch/Hans-Hubertus Braune

14.08.2026 / BAD HERSFELD - "Hallo. Thieß Brammer", erklingt sympathisch und warm die rauhe Stimme des jungen Mannes, den man in Bad Hersfeld derzeit eher als den "Star" kennt. Doch mit diesem Begriff kann er selbst sich so gar nicht identifizieren. Seit Juni steht Brammer in "Parzival" als gleichnamige Hauptfigur auf der Bühne der Bad Hersfelder Festspiele. Was ihn dabei aber besonders berührt, ist nicht die Bedeutung dieser großen Rolle, sondern vielmehr der Geist des Ensembles, des gesamten Teams, das das Stück von Wolfram von Eschenbach in der Inszenierung von Michael Schachermaier lebendig werden lässt. OSTHESSEN|NEWS hat mit dem 36-Jährigen über seine Rolle als Parzival, den Moment, in dem er von seinem Engagement erfahren hat und das, was ihn abseits der Bühne bewegt, gesprochen.



Geboren 1990 in Berlin, wuchs Brammer zunächst in Schleswig-Holstein auf. Später studierte er an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin hat seither als festes Ensemblemitglied an mehreren Theatern - zuletzt in Freiburg - sowie Filmproduktionen mitgewirkt. Neben seinem aktuellen Engagement bei den Bad Hersfelder Festspielen reist er, wenn er gerade nicht auf der Bühne steht, regelmäßig für Dreharbeiten nach Prag.

Für seine Darbietung in Parzival erntet Brammer derzeit nicht nur großes Lob der Kritiker, sondern wurde kürzlich auch mit dem großen Hersfeldpreis ausgezeichnet. Damit reiht er sich neben vielen bekannten Namen wie Charlotte Schwab, Rufus Beck, Helen Schneider oder Mario Adorf ein, die ihn in der Vergangenheit erhielten. Eine Auszeichnung, die den Künstler berührt, doch vielmehr noch habe ihn der Blick in die Gesichter seiner Kollegen, deren aufrichtige Freude bei der Verleihung berührt. "Nur als Team kann man auf der Bühne so eine gewisse Energie erzeugen, die größer ist als das, was man selbst ist und ich glaube, das ist uns gelungen und darauf bin ich am meisten stolz. Dass wir das gemeinsam gewuppt haben", sagt der Schauspieler über die Zusammenarbeit mit all den Menschen auf und hinter der Festspielbühne. "Dankbarkeit ist für mich gerade das überwiegende Gefühl."

Parzival! Aber welche Rolle denn nun?

Der Moment, an dem diese große Reise begann berührt Thieß Brammer ebenfalls bis heute erkennbar. Erst kurz vorher habe er erfahren, dass nach einem Intendanzwechsel am Theater Freiburg sein Engagement nicht verlängert wurde. Für ihn ein emotionaler Tiefpunkt. Während der Proben für ein Gastspiel in Bregenz sei dann die Nachricht aus Bad Hersfeld gekommen. "Ich konnte es erst gar nicht glauben. Er (Anm. der Redaktion: Regisseur Michael Schachermaier) hat angerufen und gesagt, er hätte mich gern dabei beim Stück Parzival", erzählt Brammer mit einem Lachen. "Dann sagte ich: 'okay, ja cool und welche Rolle?'" Woraufhin Schachermaier "Parzival" gesagt habe. Brammer habe dann bejaht und sich erneut erkundigt, welche Rolle er denn spielen solle und habe erst nach Schachermaiers erneuter Bestätigung realisiert, dass dieser ihm gerade die Hauptrolle anbot. "Und dann war große Freude, dann ein kurzer Moment der Überforderung und dann wieder große Freude und dann kam sehr schnell danach schon die erste Aufregung."

Schon wenig später begannen dann die Vorbereitungen für die Festspiele. Das erste Lesen des Skripts, ein vorsichtiges Einfühlen in die Figur. Dieses funktioniert bei Thieß Brammer zuerst über einen Klang. "Das erste, was bei mir nach dem Lesen dann einsetzt, ist die Stimme. Habe ich einen inneren Klang? Und so ein bisschen ein Gefühl, wie redet der Mensch?", erklärt er diesen Prozess des Findens. Danach folge das Lernen des Textes, die Detektivarbeit und die Suche nach dem, was ihn berührt und die Überschneidungen und Differenzen mit der Figur. Um dann, bei Probenbeginn, all das wieder über Bord zu werfen und die Rolle - gemeinsam mit dem Ensemble - wieder ganz frisch zu denken und aufzubauen.

"Ich reiche aus und das ist herrlich!"

Einen besonders großen "Klick-Moment" in diesem Prozess habe er gehabt, als er realisierte, wie sehr er versuchte, mit Kraft durch die Rolle des Parzival zu kommen. "Das war für mich so eine schöne Erfahrung, weil ich beschlossen habe: Ich mach jetzt das, was bei mir da ist. Heute, an diesem Tag. Mal schauen, was dann passiert. Und dann zu erfahren, ich reiche aus, mit dem was ich heute kann und bin, das war wirklich eine herrliche Erfahrung."

Mittlerweile hat Brammer seinen Parzival eindeutig gefunden und darüber auch seine Rituale abseits der Bühne. Bevor es auf die Bühne gehe, gehe er hinunter in die Krypta und mache ein kleines Warm Up und versuche, in den Körper der Figur zu kommen. Den Kopf auszuschalten. "Und ich spiele dann mit einem imaginären Ball Basketball, weil ich hab lange Basketball gespielt", erklärt er hörbar schmunzelnd. "Ich glaube, das sieht immer ein bisschen komisch aus." Im Anschluss komme das gesamte Team noch einmal zusammen, ein Ritual, dass er besonders schön finde.

Steht Brammer gerade nicht auf der Festspielbühne oder vor der Kamera, genießt er vor allem die Zeit mit seiner Partnerin Sabrina, von der er hofft, dass sie in den nächsten Jahren auch seine Frau wird. Mit ihr genießt er Wanderungen, Reisen an ihren gemeinsamen Sehnsuchtsort Italien oder einfach nur das Kuscheln - das ist es, was ihn erfüllt und erdet. Und dann sind da noch die Philosophie, die ihn reizt, und das Lesen - das auch bei ihm abseits von Drehbüchern und Stücken für die Bühne leider immer wieder zu kurz kommt. Dafür würde er sich mehr Zeit wünschen. Aber derzeit genießt er einfach erstmal den Moment. Auf dieser magischen Bühne der Stiftsruine. Mit diesem besonderen Ensemble. Und mit seiner Version des Parzival. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++

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