Wo Theater-Zauber wetterfest wird
"Tetris" hinter den Kulissen: Maskenwerkstatt von Stephanie Hanf
Alle Fotos: Jürgen Böthig
08.06.2026 / BAD HERSFELD -
Wenn man die Maskenwerkstatt von Stephanie Hanf betritt, riecht es nach einer betörenden Mischung aus Haarspray, frischem Kaffee, Puder und einem Hauch von Hollywood. Mittendrin steht eine Frau, die pure Energie ausstrahlt: Stephanie Hanf, seit 2014 staatlich geprüfte Maskenbildnerin und Chefmaskenbildnerin der 75. Bad Hersfelder Festspiele. Wer glaubt, ihr Job bestehe nur darin, ein bisschen Puder aufzulegen, der hat die logistische und künstlerische Naturgewalt dieses Open-Air-Theaters noch nicht miterlebt.
"Wenn die Zuschauer im Publikum sitzen und von deinem Handwerk absolut gar nichts bemerken, weil alles
perfekt mit der Rolle verschmilzt – ist das dann das größte Lob oder manchmal auch schade?", frage ich sie
zum Einstieg. Stephanie lacht herzlich. "Es ist das allergrößte Lob! Das Publikum erkennt unsere Arbeit vielleicht nicht
immer bewusst als "Maskenbild", aber sie spüren die Figur. Wenn das Make-up eins wird mit dem Schauspieler, haben wir alles richtig gemacht. Der Applaus am Ende gilt uns allen."
Ihr aktuelles "Zuhause" für gut vier Monate ist Bad Hersfeld und die historische Stiftsruine – die größte romanische Kirchenruine der Welt. Eine Traumkulisse, die dem Team allerdings alles abverlangt. "Das Wetter ist hier Fluch und Segen zugleich", erzählt sie, während sie eine opulente Perücke für das Musical "Something Rotten!" zurechtrückt. "Wir kämpfen gegen Starkregen, Luftfeuchtigkeit und Sommerhitze von über 30 Grad." Ihr Geheimrezept? Ein Arsenal an Spezialprodukten, wasserfestem Make-up, Sonnenspray und kühlenden Ventilatoren. Alles muss extremen Bedingungen trotzen und das bitteschön nachhaltig. Nachhaltigkeit im Rampenlicht? "Einwegprodukte gibt es bei uns fast gar nicht mehr", erklärt Stephanie Hanf stolz. "Zum Abschminken nutzen wir spezielle, wiederverwendbare Mikrofasertücher. Bei den Produkten setzen wir überwiegend auf Naturkosmetik und vegane Linien. Da hat sich in den letzten Jahren
wahnsinnig viel zum Positiven verändert."
Eine weitere Herausforderung ist das Licht. Die Stiftsruine atmet das Vergehen der Zeit. Ein Stück beginnt in der hellen Abenddämmerung und endet in tiefster Nacht. "Das ist ein wunderbares Zusammenspiel mit der Beleuchtungstechnik", schwärmt sie. Um den perfekten Spagat zwischen der Sichtbarkeit in Reihe 30 und der Natürlichkeit für die vorderen Reihen zu finden, sitzt Stephanie Hanf regelmäßig selbst im Zuschauerraum. "Mal ganz vorne, mal ganz hinten. Bei den Proben feilen wir an der Ästhetik. Mal real, mal bewusst überzogen."
Hinter den dicken Mauern der Ruine herrscht bei den Massenszenen absolute Präzision. Besonders in dieser Spielzeit verlangen die Produktionen dem Team logistische Höchstleistungen ab. Bei den großen Produktionen stehen Dutzende Darsteller zeitgleich auf der Bühne und haben zeitgleich Umzüge. "Bei den schnellen Wechseln hat alles seine feste Ordnung. Da darf kein Handgriff schiefgehen", sagt sie. Doch die größte logistische Nuss, die Stephanie Hanf jeden Tag knacken muss, ist nicht etwa das Kleben einer Glatze, sondern der Dienstplan: "Das ist wie Tetris! Eine gewaltige Aufgabe, die mich manchmal echt verzweifeln lässt", gesteht sie schmunzelnd. Bei einem riesigen Ensemble, einem sehr abwechslungsreichen Spielplan und Doppelvorstellungen kein Wunder.
Wer Stephanie Hanf erlebt, spürt sofort ihre Nahbarkeit. Sie ist eine Frau in ständiger Bewegung. Leipzig, Dresden, Bad Hersfeld, zwischendurch große Filmsets. Heute hier, morgen dort. Ein viermonatiges Engagement in Bad Hersfeld ist da schon fast ein Luxus, ein echtes "zweites Zuhause". Ihr Maskenstuhl ist dabei weit mehr als ein Arbeitsplatz – er ist ein Schutzraum. "Der Maskenstuhl ist für die Darsteller der letzte Rückzugsort vor dem Auftritt, wenn das Lampenfieber steigt", weiß die Chef-Maskenbildnerin. Wie viel Psychologin und Seelentrösterin muss sie sein? "Eine positive Ausstrahlung ist das Wichtigste. Wir gehen respektvoll und professionell miteinander um, so schaffen wir Vertrauen und
darüber können auch langjährige Verbindungen und Freundschaften entstehen. Man wird zu einer Art Festspiel-Familie."
Stephanie Hanfs Vita liest sich wie das Who's Who der Kulturlandschaft. Ob Theatererfolge in den Vorjahren wie 'A Chorus Line' oder Schillers 'Die Räuber' (mit Musik von den Toten Hosen), TV-Serien wie Oderbruch oder internationale Blockbuster. Als Zusatzmaskenbildnerin wirkte sie bereits bei Mega-Produktionen wie 'The Hunger Games – Sunrise on the Reaping' oder der Netflix-Miniserie 'The Boys from Brazil' mit. Trotz der glitzernden Kinowelt und dem Trubel der Festspiele verliert sie nie die Bodenhaftung. Um nach der absoluten Hochspannung der Festspielmonate wieder neue Energie zu tanken, zieht es sie an ihren ganz persönlichen Rückzugsort: "Meine Auszeiten finde ich am liebsten bei meiner Mutter auf dem Land. Einfach abschalten, die Ruhe genießen, den Kopf freibekommen."
Und was kommt nach dem Festspiel-Sommer 2026? Stephanie Hanf lächelt geheimnisvoll. Eine neue Filmproduktion steht eventuell ins Haus, aber da möchte sie noch nicht zu viel verraten. Nur so viel ist sicher: Wo auch immer sie als Nächstes ihre Pinsel auspackt, ein bisschen Hersfelder Theater-Zauber wird definitiv im Gepäck sein. (Jürgen Böthig) +++
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