Albern, absurd, aber achtsam

Gefeierte Premiere von "Achtsam morden" in intimer Kulisse am Eichhof

Dirk Hoener (links) als Björn Diemel und Chantal Hallfeldt in einer ihrer vielen Rollen der Produktion: Bandenmitglied Sascha
Fotos: André Söllner

25.07.2026 / BAD HERSFELD - Sie können ja über Achtsamkeitstrainings denken, was Sie wollen. Aber für Björn Diemel und die Zuschauer des Stückes "Achtsam morden" bei den Bad Hersfelder Festspielen hat es eindeutige Effekte: Es hebt die Stimmung, sorgt für innere (Un-)Ausgeglichenheit und kann sogar auf ungeahnte Weise unterhaltsam sein. So geschehen bei der Premiere im Schloss Eichhof am Freitagabend.



"Achtsam morden" nach dem Roman von Karsten Dusse ist als Gastspiel des Altonaer Theaters Hamburg unter der Regie von Axel Schneider bis Mitte August in der intimen Kulisse des kleinen Schloss Eichhofs zu sehen. Dort passt es hin, wie die Faust auf's Auge: Näher kann man bei den Bad Hersfelder Festspielen kaum an den Darstellern sein, kaum besser mitfiebern - und mitzufiebern gibt es bei dieser Produktion einiges.

Drei Darsteller schlüpfen in der Produktion in einer rasend schnellen und perfekt koordinierten Abfolge in insgesamt 19 Rollen. Im Zentrum des Stückes: Dirk Hoener als Protagonist Björn Diemel. Ein gestresster Anwalt, Fachgebiet Strafrecht und verantwortlich für die Vertreter der organisierten Kriminalität. Auch privat ist sein Leben derzeit kein Zuckerschlecken. Man könnte sagen, seine Work-Life-Balance ist etwas aus den Fugen geraten. Das Verhältnis mit seiner Frau ist ebenso angespannt wie seine Nerven und zu allem Überfluss stellt sie ihm ein Ultimatum. Björn muss ein Achtsamkeitstraining besuchen und sich schließlich als Ehepartner, aber vor allem als Vater der gemeinsamen Tochter Emily beweisen.

Hoener überzeugt als Diemel in jeder Hinsicht. Mit seinem anfänglich stets etwas zu drückenden Ton, dem stressig-angespannte Habitus aber ebenso - Achtsamkeit sei Dank - später der geradezu absurden Gelassenheit, während um ihn herum gefühlt alles in Flammen steht, machen seine Figur zu einem komödiantischen Höhepunkt.

Drei Darsteller in 19 Rollen

Perfekt ergänzt wird Hoener von seinen beiden Ensemblekollegen Chantal Hallfeldt und Georg Münzel. Alle Rollen, in die die beiden Schauspieler an diesem Abend schlüpfen zu nennen, ist kaum möglich. So wird Hallfeldt neben Diemels Ehefrau und Tochter zeitweise unter anderem auch Bandenmitgliedern, einer Prostituierten, Polizistin. Bei all ihrer Gegensätzlichkeit gelingt es Hallfeldt dennoch, all diesen Figuren - die teils nur für wenige Sekunden erscheinen und mittels eines einfachen Requisitentauschs wechseln - auf begeisternde Weise Leben einzuhauchen. Sie ist derb, kindlich, autoritär und all das unter Einhaltung einer perfekten Choreohraphier gemeinsam mit ihren Kollegen auf dem engen Raum der Bühne im Schloss Eichhof.

Münzel brilliert ebenso wie Hallfeldt, begeistert und amüsiert das Publikum zudem aber noch mit seinem herausragenden sprachlichen Talent. Er arbeitet sich durch die unterschiedlichsten Dialekte und Akzente und brilliert als unter anderem als russischer Gangsterboss, österreichischem Bandenmitglied und Achtsamkeitscoach mit perfektem Hochdeutsch und dazu einer Monotonie, dass sich einem so manches Mal kribbelnd die Nackenhaare aufstellen.

Im Verlauf des Stückes, wird Björn Diemel nicht nur deutlich achtsamer, sondern auch deutlich schlagfertiger. Während er sich anfangs noch kaum gegen seinen kriminellen Klienten Bandenboss Dragen behaupten kann, wird er schließlich nicht nur zu dessen Mörder, sondern übernimmt am Ende sogar zu einem Teil dessen Position - und lässt bei alle dem seine Bande gekonnt in dem Glauben, der Boss lebe noch. Wie das gelingt? Durch absolut wahnwitzige Verstrickungen, absurd anmutende Pläne und vor allem: Ganz viel Achtsamkeit.

Rasend schnell und perfekt choreographiert

Die drei Darsteller sind ein wahrhaft eingespieltes Team: Hier sitzt jedes noch so kleinste Muskelzucken. Anders wäre ein solches Spieltempo kaum möglich. Sie fegen über die Bühne, stimulieren mit Körper- und Situationskomik die Lachmuskeln des Publikums, verstehen es perfekt, Spannung und Entspannung zu schaffen, sind durch mehrfaches Durchbrechen der vierten Wand teils ganz nah an ihrem Publikum, dann wieder so schnell und fern, dass man nur mit offenem Mund zusehen kann.

Das Publikum gewöhnt sich in den etwa zwei Stunden Spielzeit so sehr an das Tempo, dass es die Darsteller unter begeistertem Beifall unzählige Male zurück auf die Bühne bittet. Bis diese auch einmal so langsam aus der Puste kommen und ein unterhaltsamer Abend sein Ende findet. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++

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