Frech, frei und furchtlos
Willkommen in der Welt von Pippilotta: Laura Dittmann spielt Pippi Langstrumpf
Archivfotos: O|N / Moritz Rös
24.06.2026 / BAD HERSFELD -
Wenn man das Café Capulus betritt, wird man nicht nur von dem Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen empfangen, sondern von einer Atmosphäre, die einen Moment lang die Welt vor der Tür vergessen lässt. Es ist ein Ort, der nach Beständigkeit und ein wenig Wiener Kaffeehauskultur schmeckt – und ein passender Rahmen für eine Begegnung mit Laura Dittmann.
Schließlich hat Dittmann ihr Handwerk am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien gelernt. "Es war eine Zeit des Wachsens, ein absoluter Segen", erinnert sie sich und lässt den Blick kurz in der dampfenden Tasse vor ihr ruhen. Noch bleibt die Schauspielerin im Café von den meisten Gästen unentdeckt. Sie sitzt OSTHESSEN|NEWS-Reporter Jürgen Böthig nicht als klassische Absolventin gegenüber, die ihre Karriere akribisch plant, sondern als die wohl berühmteste Rebellin der Weltliteratur. In diesem Jahr übernimmt sie die Titelrolle im Familienstück Pippi Langstrumpf bei den Bad Hersfelder Festspielen. Wer Laura im Gespräch erlebt, braucht keine roten Perücken-Zöpfe und keine aufgemalten Sommersprossen, um zu spüren: Hier sitzt Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminzia Efraimstochter Langstrumpf persönlich.
Ein Funkeln, das ansteckt
Ihre Augen scheinen eine eigene Geschichte zu erzählen. Sie ist in ihren Gedanken herrlich sprunghaft, ein flirrendes Hin und Her zwischen Ernst und Leichtigkeit. Wenn sie über ihre Rolle spricht, ist sie absolut fokussiert. Oder so fokussiert, wie man eben sein kann, wenn man Pippi Langstrumpf im Blut hat. Dazu gehört auch ein ganz besonderes Accessoire: ihre feuerroten Zöpfe."Ich liebe meine Perücke!", schwärmt sie und ihre Augen leuchten. "Stephanie Hanf, unsere Maskenbildnerin, hat da ein wahres Meisterwerk vollbracht. Diese Zöpfe haben ein Eigenleben, sie sind quasi meine Antennen für alles, was im Theater passiert."
Auf einem Rad durch den Alltag
Doch Laura beherrscht nicht nur das schauspielerische Handwerk, sie hat sich für die Rolle auch in eine echte Artistin verwandelt. "Ich habe für das Stück extra Einradfahren gelernt", erzählt sie stolz, und man sieht ihr an, dass das Training mehr als nur eine sportliche Herausforderung war. "Am Anfang war es ein bisschen wie Pippi in der Schule: Man will alles gleichzeitig, aber das Einrad hat seinen eigenen Kopf."Inzwischen beherrscht sie das Gefährt jedoch so meisterhaft, dass sie schmunzelnd ergänzt: "Eigentlich ist das Einrad die logische Konsequenz für jemanden wie Pippi. Warum auf zwei Rädern durch die Welt fahren, wenn man auch mit einem die Statik der Realität herausfordern kann? Es ist die perfekte Fortbewegung für jemanden, der findet, dass man auch mal rückwärts gehen sollte, wenn einem danach ist."
Laura strahlt. Das Funkeln in ihren Augen wird zu einem herzlichen Lachen, als sie den Stift zückt und geduldig die Widmung schreibt. Es ist dieser Moment der Verbundenheit, der zeigt: Laura spielt Pippi nicht nur. Sie versteht, was diese Figur für die Menschen bedeutet.
"Wir beflügeln uns gegenseitig"
"Wir lachen viel, wirklich unverschämt viel", erzählt Laura weiter und ihre Begeisterung für das Ensemble ist beinahe physisch greifbar. "Es ist kein bloßes Arbeiten, es ist ein beflügelndes Miteinander."Sie schwärmt von ihren Kollegen wie Uriel Jung und Simone Müller, mit denen sie auf der Bühne zu einem unschlagbaren Team verschmilzt. Es ist ein inniges Spiel von Herz zu Herz, getragen von der Ausstattung durch Judith Leikauf und Karl Fehringer sowie der mitreißenden Musik von Stephanie Hacker.
Vom Jakobsweg zu den Sprachen der Welt
Um die nötige Energie für ihre akrobatischen und schauspielerischen Eskapaden zu tanken, wanderte Laura vor dem Probenstart 15 Tage auf dem Jakobsweg. Doch die erhoffte Stille wurde schnell zum Treffpunkt der Kulturen. Überall traf sie auf Pippi. Ob als Fifi Brindacier oder Pippi Långstrump. Für Laura war das eine wichtige Erkenntnis: Pippi ist eine universelle Identifikationsfigur."Pippi passt in kein System", sagt sie. "Sie ist wie das Einradfahren: Man muss erst einmal die Balance finden, bevor man richtig durchstarten kann. Aber wenn man es einmal raus hat, will man nicht mehr absteigen."
Der Spagat: Von der taffen Tochter zur Freigeistin
Der Kontrast zur Rolle der Lucy Brown aus der Dreigroschenoper, die sie vor zwei Jahren in Bad Hersfeld spielte, könnte nicht größer sein. Lucy kämpfte mit Strategie und gesellschaftlichen Zwängen; Pippi hingegen sprengt diese Ketten einfach. Ihr Credo lautet: "Kann ich nicht, gibt es nicht!" Und wer sie auf dem Einrad durch die Stiftsruine flitzen sieht, glaubt ihr das sofort."Pippi lässt im Moment ein bisschen von ihrer Freiheit bei mir", gesteht die Schauspielerin lächelnd. Wie sieht ihr persönlicher Pippi-Traum aus? Sie lacht laut auf, so unbeschwert, dass sich die Gäste am Nebentisch schmunzelnd umdrehen: "Mit einem richtig guten Buch in einer Konditorei sitzen, die Perücke als bequemes Kopfkissen nutzen und den ganzen Tag einfach nur Torte essen! Das wäre ein sehr erfolgreicher Arbeitstag, findest du nicht auch?"
Der Blick auf die Uhr verrät, dass die Zeit im Flug vergangen ist. Ein weiterer Termin ruft. Laura verabschiedet sich herzlich, schwingt sich dynamisch auf ihr Fahrrad – zwar diesmal mit zwei Rädern, aber mit der Energie einer Pippi – und saust davon.
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