Hr-Sinfonieorchester in der Festspielstadt

Zwischen Ruinenecho und Menagerie – wenn der Zoo die Stiftsruine erobert

Das hr-Sinfonieorchester begeisterte bei seinem ersten Gastspiel in der Bad Hersfelder Stiftsruine mit einem außergewöhnlichen Konzert.
Fotos: Moritz Rös

30.06.2026 / BAD HERSFELD - Es gibt Orte, die Musik nicht einfach nur erklingen lassen - sie fordern sie heraus. Die ehrwürdige Stiftsruine in Bad Hersfeld ist ein solches steinernes Monument: ein geschichtsträchtiger Raum, der sich unter dem schützenden Zeltdach dem Himmel öffnet und in jeder Fuge Erinnerungen atmet.



Wer am Sonntagnachmittag die alten Mauern betrat, spürte womöglich noch das elektrisierende Nachbeben des Vorabends. Da hatte das Musical Something Rotten! unter der Regie von Matthias Davids eine umjubelte Premiere gefeiert und das ehrwürdige Gemäuer in einen pulsierenden Broadway-Tempel verwandelt.

Doch am Sonntag schlug das Pendel in eine andere Richtung: Die Bad Hersfelder Festspiele feierten ihr 75-jähriges Bestehen mit bereits der vierten Premiere innerhalb einer einzigen Woche. Als exklusives Gastgeschenk gab sich das hr-Sinfonieorchester, jüngst mit dem Hessischen Kulturpreis geadelt, erstmals in der Festspielstadt die Ehre und lieferte den glanzvollen Auftakt für die "Sternstunden" des Rahmenprogramms.

Intendantin Elke Hesse lud das Publikum bereits mit ihrer Begrüßung zu einer Reise ein: "Schließen Sie die Augen und lassen Sie sich entführen."

Unter der feinfühligen Stabführung von Chefdirigent Alain Altinoglu eröffnete das Orchester den Nachmittag mit Maurice Ravels träumerischer Suite Ma mère l’Oye. Es war eine Wanderung durch die Welt der Märchen und Mythen: von Dornröschens Schlaf über die Irrfahrten des Däumlings bis zur melancholischen Schönheit von Die Schöne und das Biest.

Anschließend öffnete sich das "musikalische Bilderbuch" des Karnevals der Tiere. Camille Saint-Saëns schuf mit diesem Werk weit mehr als einen bloßen Scherz; es ist eine virtuose Demonstration orchestraler Meisterschaft.

Vom impressionistischen Traum zum musikalischen Bilderbuch

Schauspieler Jona Mues begleitete diese Reise durch die Menagerie mit rezitierten Texten, die den hintergründigen Witz und die kompositorische Tiefe des Werkes subtil unterstrichen.
Die Akustik der Stiftsruine, jenes einzigartige Zusammenspiel aus historischem Stein und freiem Himmel, verlieh dem Konzert eine fast magische Räumlichkeit. Jeder Klang schien von den alten Mauern absorbiert, sanft modelliert und mit neu gewonnener Resonanz zurückgeworfen zu werden. Die Musiker überzogen den Raum mit einem schimmernden Netz aus Tönen; die filigranen Holzbläser und die atmosphärischen Klangfarben des Orchesters verwandelten die Ruine in einen Feengarten.

Wie würden Tiere klingen, wenn sie musizierten? Das hr-Sinfonieorchester lieferte die Antwort in 75 Minuten voller Hochgenuss. Die Musiker zelebrierten die reiche Orchestrierung mit einer Präzision, die das Bildhafte greifbar machte: Der majestätische Löwe ließ sein musikalisches Brüllen durch das Kirchenschiff hallen, als wolle er die alten Steinbögen selbst erzittern lassen. Kurz darauf flatterten Hühner und Hähne gackernd und schnatternd durch das Orchester und so lebendig und pointiert, dass man unwillkürlich schmunzeln musste.

Der Kontrabass lieh dem Elefanten seine Schwere, das Cello dem Schwan seine Anmut. Und für den Kuckuck - wer hätte es anders erwartet? - zeichnete die Klarinette verantwortlich, die wirkungsvoll im bogenförmigen Fenster der Ruine positioniert, ihren Ruf in die Weite sandte.

Auch die Natur spielte dem Ensemble einen charmanten Streich: Eine unerwartete Windbö ließ einige Notenblätter von den Ständern wirbeln, doch die Darbietung blieb unbeeindruckt. Das Geister Duo (David Salmon und Manuel Vieillard) interpretierte die ironische Persiflage mit einer so augenzwinkernden Grandezza, dass das Publikum in begeisterten Jubel ausbrach.

Ein tierisches Gipfeltreffen

Die Klasse des Klangkörpers war in jeder Sekunde präsent. Vor einem zwar nicht ganz ausverkauften, aber umso enthusiastischeren Haus wurde die Stiftsruine zum Resonanzraum für große Emotionen. Als das großartige Finale den 75-minütigen Konzertreigen krönte, gab es kein Halten mehr: Standing Ovations und ein minutenlanger Applaus honorierten die Darbietung.

Dass das hr-Sinfonieorchester erstmals in Bad Hersfeld gastierte, erwies sich als wahrer Glücksfall für das Jubiläumsfestival. Die Besucher verließen die Ruine mit der beschwingten Leichtigkeit dieses tierischen Gipfeltreffens. Es war ein Auftakt, der die Messlatte für die kommenden Wochen der 75. Festspiele spürbar noch ein bisschen höher gelegt hat. Eines wurde an diesem Tag deutlich: Wenn dieses Orchester spielt und die Ruine ihre Tore öffnet, beginnt der Sommer in Bad Hersfeld erst richtig zu leuchten. (Jürgen Böthig)

Bad Hersfelder Festspiele 2026 - weitere Artikel

↓↓ alle 51 Artikel anzeigen ↓↓

X