Ein Klassiker, der brennt
Macht ist, wo die Bärte sind: Premiere "Die Schule der Frauen"
Fotos: Andre Söllner
06.07.2026 / BAD HERSFELD -
Auch in diesem Stück der Hersfelder Festspiele geht es um Frauenbilder und um die Vorstellungen von Männern, wie eine Frau zu sein habe. Ganz oben auf der männlichen Wunschliste stehen Schönheit, Gehorsam, Geduld und ein möglichst bescheidenes Bildungsniveau. Glänzen und herrschen wollen schließlich die Herren. Und wenn schon betrogen wird, dann bitte nur von ihrer Seite.
Die Ehe ist gefährlich
Arnold, die Hauptfigur von Molières Erfolgskomödie "Die Schule der Frauen" (1662), vertritt diese Ansichten besonders vehement. Bislang hat er sich geweigert, den Bund der Ehe einzugehen. Für Ehemänner – besonders für gehörnte – hat er nur Spott übrig. Nun aber will er doch heiraten und hat diesen Plan seit Jahren vorbereitet. Denn: "Es ist gefährlich, verheiratet zu sein mit einer Frau", verkündet er im Brustton der Überzeugung.Tiefes Misstrauen bestimmt seine Ansichten über Frauen und die Ehe. Seine zukünftige Braut hat er als Vierjährige in ein Kloster gegeben und fern der Welt als sein Mündel aufziehen lassen. Jetzt aber ist Agnes im heiratsfähigen Alter, und Arnold ist überzeugt, sich in ihr die perfekte Ehefrau herangezogen zu haben: unschuldig, unwissend und unterwürfig. Er hat sie in die Stadt holen lassen und praktisch in einem Haus eingesperrt, wo sie von zwei ausgesprochen tumben Dienern bewacht wird. Denn Agnes soll mit Bildung oder eigenständigem Denken gar nicht erst in Berührung kommen.
Agnes wiederum weiß zunächst selbst kaum, was mit ihr geschieht. In aller Unschuld berichtet sie Arnold von ihren Begegnungen mit Horazius und treibt ihn damit fast in den Wahnsinn. Es beginnt ein herrliches Ränkespiel: Arnold versucht mit aller Macht, seinen Plan zu retten, während Agnes und Horazius nichts weiter wollen, als ihrem Herzen zu folgen.
Versmaß auf Südhessisch
Im Schloss Eichhof wird die von Wolfgang Deichsel – nicht ohne Grund auch der "hessische Molière" genannt – geschriebene Mundartfassung gespielt. Ein Kunstgriff, der dem französischen Meister vermutlich gefallen hätte. Deichsel gelingt es, Molières Eleganz und Sprachwitz zu bewahren, durch den südhessischen Dialekt neu aufzuladen und ihm so eine überraschende Unmittelbarkeit zu verleihen. So rücken die Figuren erstaunlich nah an die Gegenwart.Anders als seine berühmten Zeitgenossen Racine und Corneille, die sich vor allem der Tragödie widmeten, lernte Molière auf der Bühne und im unmittelbaren Umgang mit Menschen aller Gesellschaftsschichten. Das Lebensnahe, das seine Komödien bis heute auszeichnet, kommt nicht von ungefähr. Und ebenso wenig ist es Zufall, dass wir noch immer mit seinen Figuren lachen – und über uns selbst. Die Eitelkeiten und Widersprüche der französischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts unterscheiden sich erstaunlich wenig von denen des 21. Jahrhunderts. Gier und Geiz, Eifersucht, Heuchelei, Standesdünkel und Machtmissbrauch sind keine historischen Phänomene, sondern sehr menschlich.
Wer geht hier eigentlich in die Schule?
Man kann, ja man soll sich fragen, wer hier eigentlich in die Schule geht – die Frauen oder vielleicht doch eher die Männer? Wahrscheinlich beide – wobei die Männer den größeren Nachholbedarf haben. Wer Sätze von sich gibt wie "Abhängigkeit ist das Los der Frauen, Macht ist, wo die Bärte sind" oder "Nur durch mich sind Sie ebbes!", muss wohl selbst noch einmal die Schulbank drücken.Die Natur triumphiert am Ende über jede Form von Zwangserziehung und Cupido erweist sich als die stärkere Lehrmeisterin. Die Liebe lässt Agnes erwachen und macht aus dem bewusst ungebildet gehaltenen Mädchen innerhalb weniger Tage eine selbstbewusste, kluge junge Frau. Auch Horazius wächst über die Rolle des leichtfüßigen Verführers hinaus. Und Arnold muss erkennen, dass männlicher Kontrollwahn und Allmachtsphantasien zum Scheitern verurteilt sind. Agnes begreift am eigenen Leib, was selbstständiges Denken und Handeln bedeutet. Am Ende gewinnen alle Hauptfiguren.
Mit großer Lust am Spiel
Das Barock am Main-Ensemble aus Frankfurt spielte mit sichtbarer Lust und großer Präzision. Michael Quast war ein großartiger Arnold, Jochen Döring ein herrlich unbeholfen verliebter Horazius, Pirkko Cremer eine Agnes, die gekonnt mit ihrer Unschuld spielte. Derb-komisch agierte das tumbe Dienerpaar Ulrike Krinbach und Alexander J. Beck als Babette und Albert. Wohltuend war zudem, dass die Bühne nahezu ohne Requisiten auskam und sich der Blick ganz auf die temporeichen Dialoge und pointierten Schlagabtausche richten konnte.Der einzige kleine Kritikpunkt betrifft das Alter der beiden Hauptfiguren. Im Original ist Arnold ein Mann in den Vierzigern, Agnes dagegen gerade einmal siebzehn Jahre alt. Dieser enorme Altersunterschied macht die Schändlichkeit von Arnolds Plan besonders deutlich. Durch das tatsächliche Alter von Michael Quast (*1959) und Pirkko Cremer (*1973) ließ sich dieser Aspekt naturgemäß nicht glaubhaft herstellen. Das schmälert die Qualität der Aufführung kaum, nimmt Molières Gesellschaftskritik an dieser Stelle aber etwas von ihrer Schärfe.
Ein wunderbares Stück in der charmanten Atmosphäre von Schloss Eichhof – wie geschaffen für einen lauen Sommerabend. Das Premierenpublikum feierte das Ensemble mit langem und begeistertem Applaus. (Jutta Hamberger)+++
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