"Mein Leben ist ein Jazzstück"

Von der Wiener Disziplin zum Rhythmus der Welt: Gioia Osthoff im Portrait

Gioia Osthoff übernimmt bei den Bad Hersfelder Festspielen die Titelrolle in "Lysistrata".
Archivfotos: O|N

07.08.2026 / BAD HERSFELD - Es gibt Momente im Leben einer Schauspielerin, in denen es gilt, den eigenen Horizont zu erweitern, vertraute Wege zu verlassen und sich neu zu erfinden. Genau diesen Schritt wagte Gioia Osthoff im Jahr 2022. Nach fünf intensiven Jahren am renommierten Theater in der Josefstadt in Wien war das Bedürfnis nach einem erweiterten Blick auf die Welt groß. Sie nahm sich eine Auszeit und ging auf Weltreise. "Während der Pandemie wurde diese innere Stimme, etwas verändern zu wollen, immer deutlicher", erinnert sie sich.



Der anspruchsvolle Theateralltag mit seinen Proben und Vorstellungen ließ nur wenig Raum für andere Erfahrungen. Deshalb entschied sie sich bewusst für einen Richtungswechsel. Heute steht Gioia Osthoff wieder auf der Bühne – kraftvoller, freier und mit einer neuen Haltung. Die Frau, die in diesem Sommer bei den Festspielen in Bad Hersfeld die Titelrolle in Lysistrata übernommen hat, ist eine andere als noch vor wenigen Jahren. Sie verbindet Disziplin mit Leichtigkeit und technische Präzision mit großer Spielfreude.

Ein Theaterereignis, das überrascht und verbindet

Wer bei den Namen Aristophanes und Lysistrata an verstaubten Schulstoff oder schwer zugängliches Theater denkt, wird in Bad Hersfeld eines Besseren belehrt. "Die Stiftsruine schreit förmlich nach dieser Geschichte", sagt Gioia Osthoff. Lysistrata ist für sie weit mehr als nur eine antike Figur. Sie verkörpert eine Frau, die Menschen zusammenbringt, klare Haltung zeigt und unerschütterlich daran glaubt, dass echte Veränderung möglich ist. Regisseurin Marlene Anna Schäfer macht aus der mehr als 2.400 Jahre alten Komödie keinen musealen Klassiker, sondern einen hochlebendigen, humorvollen und musikalischen Theaterabend.

Die Entstehung dieses Werkes beschreibt Osthoff als einen tiefen, vertrauensvollen Prozess. Die Regisseurin habe ihr von Beginn an unglaublich viel Freiraum bei der Gestaltung der Figur geschenkt – sowohl bei der intensiven Textarbeit mit Übersetzungen wie denen von Erich Fried als auch auf der Probebühne. Hier zeigt sich, wie organisch Theater wächst. Es entsteht eben nicht nur auf dem Papier, sondern aus dem Zusammenspiel von Schauspiel, Regie, Publikum und dem ganz besonderen Ort. Das Publikum bleibt dabei niemals außen vor, sondern wird bewusst in das Geschehen hineingezogen. So entstehen immer wieder wunderbar spontane, unplanbare Momente.

Wenn im Stück die Frage aufkommt, ob denn wirklich alle Frauen bedingungslos am Streik teilnehmen, schallt es mittlerweile wie selbstverständlich aus den Zuschauerreihen: "Alle, ja, alle!" "Das Publikum muss keine Angst vor dem antiken Stoff haben", betont Gioia Osthoff. "Es ist ein Abend, der berührt, begeistert, zum Lachen bringt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt." Die historische Vorlage verbindet feinen Humor gekonnt mit drängenden Fragen über Krieg, Frieden und unsere gesellschaftliche Verantwortung.

Antike trifft Gegenwart

Wenn Gioia Osthoff in die Rolle der Lysistrata schlüpft, bringt sie weit mehr mit als nur ihr handwerkliches Können. Nach mittlerweile drei Sommern in der Stiftsruine ist eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort gewachsen. "Jetzt im dritten Jahr merke ich auch, wie das wirklich Teil von mir ist. Ich fühle mich total zu Hause auf dieser Bühne", schwärmt die Darstellerin.

Die einzigartige Atmosphäre dieses historischen Spielorts verleiht der Inszenierung eine ungeheure, spürbare Kraft. In der Bearbeitung von Amanda Lasker-Berlin wird die Komödie zu einer erstaunlich aktuellen Parabel über Zusammenhalt. Inspirieren ließ sich Osthoff bei ihrer Vorbereitung unter anderem von der Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee, deren gewaltfreier Widerstand im liberianischen Bürgerkrieg sie nachhaltig beeindruckte.

"Lysistrata kämpft mit Mut, Intelligenz und Humor. Gerade diese Mischung macht sie heute so modern", sagt Osthoff. Die Inszenierung spannt so einen Bogen von Leichtigkeit zu ernster politischer Relevanz und zeigt, dass die Sehnsucht nach Frieden keine naive Utopie ist.

Zwischen Schwarzwald, Ecuador und Wien

Osthoffs Spiel speist sich aus unterschiedlichen Welten. Aufgewachsen zwischen Deutschland und Ecuador, ausgebildet in der traditionsreichen Wiener Theaterlandschaft, verbindet sie technische Präzision mit südamerikanischer Lebensfreude. "Diese kulturelle Doppelnatur ist mein größtes Kapital", sagt sie.

Rhythmus, Körperlichkeit und reine Improvisationsfreude treffen auf klassische Schauspielkunst. Dass dieser persönliche Weg der richtige war, zeigte sich eindrucksvoll bei ihrer Rückkehr nach Bad Hersfeld, als sie für ihre Rolle der Polly in der Dreigroschenoper mit dem Hersfeldpreis 2024 ausgezeichnet wurde.

Musik als Herzschlag der Inszenierung

Gioia Osthoff ist neben ihrer Schauspielkunst auch leidenschaftliche Musikerin – ein Element, das den Abend maßgeblich prägt. "Ich suche immer nach dem inneren Rhythmus einer Figur." Die Musik fungiert hier nicht als bloße Untermalung, sondern trägt die Handlung, verbindet die Szenen und lässt magische Momente entstehen, in denen das Publikum sogar zum Mitsingen eingeladen ist.

Ein Leben wie ein Jazzstück

Fragt man Gioia Osthoff, ob ihr Leben eher einer Oper oder einem Jazzstück gleiche, muss sie nicht lange überlegen: Jazz. Spontan. Offen. Leidenschaftlich. Voller überraschender Wendungen.

Genau diese mitreißende Energie bündelt sich nun auf der Bühne der Stiftsruine. Getragen von Mut, Zusammenhalt und der Gewissheit, dass echte Emotionen jede Grenze überwinden, ist eine Inszenierung entstanden, die noch lange nachhallt – ein Theaterabend, der nachwirkt, lange nachdem der Applaus längst verklungen ist. (Jürgen Böthig) +++

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