Vom sakralen Ort zum Pubilukumsmagnet

75 Jahre Festspiele: Wie aus einer Ruine ein einzigartiges Kulturgut wurde

Die Stiftsruine in Bad Hersfeld wird seit 75 Jahren zur Bühne eines der bekanntesten Theaterfestivals Deutschlands.
Archivfoto: O|N / Carina Jirsch

08.04.2026 / BAD HERSFELD - Es ist schon beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, was aus der Stiftsruine in Bad Hersfeld geworden ist. Wo einst eine historische Kirchenruine stand, findet heute eines der bekanntesten Theaterfestivals Deutschlands statt. Im Jahr 2026 feiern die Bad Hersfelder Festspiele ihr 75-jähriges Bestehen - ein Jubiläum, das nicht nur zurückblickt, sondern auch zeigt, wie viel Entwicklung in dieser Zeit steckt.



Die eigentliche Geburtsstunde der Festspiele liegt im Sommer 1951. Doch die Idee, die Ruine kulturell zu nutzen, reicht noch weiter zurück. Schon im 19. Jahrhundert wurde der besondere Ort für Veranstaltungen entdeckt. Mit der offiziellen Gründung nahm die Erfolgsgeschichte dann richtig Fahrt auf. Johannes Klein, der erste Intendant, brachte seine Erfahrungen aus Salzburg ein und legte damit den Grundstein für ein Festival, das schnell überregional Aufmerksamkeit bekam.

Traditionen in der Stiftsruine verändern sich

In den Anfangsjahren dominierten klassische Stoffe das Programm. Stücke wie "Jedermann" oder "Das Salzburger Große Welttheater" prägten die Bühne. Doch schon früh wurde das Angebot erweitert. Bereits Anfang der 50er Jahre kamen neue Inszenierungen hinzu, und mit Goethes "Faust" etablierte sich eines der zentralen Werke im Spielplan. Bis heute ist genau diese Mischung aus Klassik, Unterhaltung und Musical ein Erfolgsrezept.

Spannend ist auch der Blick auf die Entwicklung rund um die Aufführungen selbst. Was heute selbstverständlich wirkt, war früher ganz anders. Lange Zeit wurde in der Stiftsruine nicht applaudiert, da sie als sakraler Raum galt. Erst Mitte der 60er Jahre änderte sich das - ein Schritt, der die Atmosphäre nachhaltig geprägt hat.

Mehr als Kultur: Teil der Identität der Stadt

Ein echtes Markenzeichen ist seit 1968 das bewegliche Zeltdach. Die Konstruktion gilt als architektonische Besonderheit und sorgt dafür, dass Vorstellungen unabhängig vom Wetter stattfinden können. Gleichzeitig bleibt der offene Charakter der Ruine erhalten - genau das macht den besonderen Reiz aus.

Heute ziehen die Festspiele Jahr für Jahr rund 100.000 Besucher an. Sie sind nicht nur kulturell bedeutend, sondern auch wirtschaftlich ein wichtiger Faktor für die Stadt. Schauspieler, Teams und Gäste prägen den Sommer in Bad Hersfeld und machen die Festspiele zu einem festen Bestandteil des Stadtlebens.

Mit Blick auf diese Entwicklung wird deutlich: Die Festspiele sind weit mehr als eine Veranstaltungsreihe. Sie sind ein Stück Identität - gewachsen über Jahrzehnte und immer wieder neu gedacht.

Aufbruch zum Jubiläum: Elke Hesse bringt neue Energie in die Festspiele

Mit dem 75-jährigen Bestehen richtet sich der Blick nicht nur zurück - sondern ganz klar nach vorne. Und dieser Blick ist eng mit einer bekannten Persönlichkeit verbunden: Elke Hesse. In der Stiftsruine in Bad Hersfeld übernimmt sie erneut die künstlerische Leitung - und bringt frischen Schwung mit.

Für Hesse ist die Rückkehr mehr als nur ein beruflicher Schritt. Sie beschreibt sie selbst als Heimkommen. Die Verbindung zur Stadt, zur Bühne und zu den Menschen ist geblieben - doch ihr Ansatz ist klar nach vorne gerichtet. Ihre Rolle geht dabei weit über die künstlerische Leitung hinaus. Hesse gestaltet Programme, sucht Sponsoren, stellt Ensembles zusammen und treibt Netzwerke voran. Besonders wichtig ist ihr, dass Künstler nicht nur für eine Saison nach Bad Hersfeld kommen, sondern sich mit dem Ort identifizieren.

Langfristig denkt Hesse groß. Ihr Ziel ist es, die Bad Hersfelder Festspiele auf eine Stufe mit bedeutenden europäischen Festivals zu heben. Gerade im Jubiläumsjahr wird deutlich: Die Festspiele stehen nicht nur für Tradition, sondern für einen klaren Anspruch an die Zukunft. (Constantin von Butler) +++

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