Widersacher und Mentor bei den Festspielen

"Wie nach Hause kommen": Künstler Markus Gertken zurück in der Stiftsruine

Die Bad Hersfelder Festspiele verströmen eine besondere Magie, die den erfahrenen Schauspieler Markus Gertken zurückgezogen hat.
Archivfotos: O|N/Carina Jirsch/Rene Kunze/Moritz Rös/André Söllner

20.07.2026 / BAD HERSFELD - Für viele bedeutet der Sommer Entspannung, doch für einige beginnt jetzt erst die harte Arbeit - und ihre Leidenschaft erwacht. Diese besonderen Wochen verwandeln die Bad Hersfelder Stiftsruine in einen Ort, an dem Geschichten aufglühen und die Zeit stillsteht. Die beliebten Festspiele sind zurück - mit zahlreichen, talentierten Schauspielern, die den Theaterzauber lebendig werden lassen. Auch die Festspiele selbst verströmen eine besondere Magie, die den erfahrenen Schauspieler Markus Gertken zurückgezogen hat.



Egal ob vor der Kamera in Fernseh- oder Kinoprojekten oder auf der Bühne - Markus Gertken ist überall bekannt. Nach zahlreichen Theatererfahrungen in Berlin, München, Hamburg, Köln, Wien und weiteren Städten ist er bereits seit 40 Jahren in der Schauspielszene zu Hause. Vor Jahren war der Berliner bereits Teil der beliebten Festspiele und nach einer zwölfjährigen Pause zog es ihn zurück in die Stiftsruine. So kann man sagen: Der Akteur kann zwar die Festspiele verlassen, aber die Festspiele verlassen niemals den Akteur - und genau diese Magie macht es für Gertken so einzigartig.

Im exklusiven OSTHESSEN|NEWS-Gespräch gab der 60-Jährige Einblicke in seine Gefühlswelt und verriet wertvolle Tipps aus seinem Schauspielerleben.

Nach Jahren wieder Teil der Festspiele - "Das ist wie nach Hause kommen"

Von 2008 bis 2014 stand er jedes Jahr auf der Bühne - auch damals schon mit Intendantin Elke Hesse und Michael Schachermaier, heute Oberspielleiter und stellvertretender Intendant. So machte er gegenüber O|N voller Freude klar: "Das ist wie nach Hause kommen. Es ist schön zu sehen, dass die Festspiele an ihrer Bekanntheit wachsen und mittlerweile überregional bekannt sind - das spricht für die Arbeit und Leidenschaft aller." Und genau diese Gefühle scheinen alle Schauspieler miteinander zu verbinden. So sei es kein Problem gewesen, dass die Darsteller in diesem Jahr "aufeinander losgelassen" worden seien. Denn genau das beschrieb Gertken als "lustvolles Kennenlernen" und später als "angenehmes Arbeiten und gute Stimmung". Für ihn von großer Bedeutung für ein gutes Zusammenspiel.

Widersacher und Mentor auf der Bühne - Ratgeber auch im echten Leben

Der erfahrene Künstler ist in diesem Jahr ein sogenannter "Doppler" - er schlüpft also in zwei Rollen. In Aristophanes' Komödie "Lysistrata" spielt er den kriegswütigen Ratsherrn. In "Parzival", für ihn ein klassisches Heldendrama, verkörpert er den Ritter Gurnemanz, Parzivals Mentor und Ratgeber. Scheinbar zwei Rollen, die komplett unterschiedlich sind - auf der einen Seite der Bösewicht, auf der anderen der Berater. "Das sind zwei sehr unterschiedliche Spielweisen in sehr unterschiedlichen Genres." Doch warum der Widersacher? Darauf hat der Akteur keine genaue Antwort, er lachte nur: "Im echten Leben komme ich hoffentlich nicht so rüber."

Da scheint die Rolle des Mentors deutlich passender zu sein. So ist er immer bereit, seinen Schauspielkollegen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Besonders seine Einstellung und sein Umgang zum Thema Lampenfieber sind eine Inspiration: "Ich selbst habe kein Lampenfieber, das hat sich so über die Jahre entwickelt. Oft kommt das mit der Zeit. Aktuell hilft es mir, mich vorher hinzulegen, den Alltag hinter mir zu lassen und dann frei ins Theater zu starten. Entscheidend für mich ist dabei die innere Offenheit. Man sollte auf alle Impulse vorbereitet sein, einen Zustand der Offenheit annehmen." Dabei gehe das Theater dann in Fleisch und Blut über. "Ich habe mich einfach daran gewöhnt. Im Grunde ist es wie Bungeejumping - man muss es einfach wagen." Sein Tipp: sich auf den inneren Fahrplan verlassen, keine Angst vor Fehlern haben und sowohl offen als auch weniger streng mit sich selbst sein.

"Jede Rolle wird dann zu MEINER Rolle"

Auch wenn er privat kein Bösewicht und eher ein Mentor ist, spielt er gerne unterschiedlichste Charaktere. "Jede Rolle wird dann zu MEINER Rolle", sagte er schmunzelnd gegenüber O|N. Dass er seine Rollen vollkommen einnimmt und lebt, zeigte sich auch bei der Premiere von Parzival. "Hier bringe ich Parzival den Kodex der Ritterschaft bei und bin komplett in meiner Figur, das heißt, ich reagiere auch wie sie. In der Szene soll ich ihm dann einen Stock geben. Das hatte ich an einer späteren Stelle vorgesehen. Sein Darsteller Thieß Brammer dachte dann scheinbar, ich hätte das vergessen, und nahm sich den Stock selbst. Das konnte ich aber als ritterlicher Mentor nicht zulassen und habe ihm den Stock aus der Hand geschlagen", erinnerte sich Gertken lachend zurück. Im Nachgang wurde er genau dafür gelobt - als diese Rolle zu denken und zu handeln. "Ich war im positivsten Sinne im Tunnel", schmunzelte er.

Da noch zahlreiche Auftritte von Gertken im Rahmen der Festspiele bevorstehen, richtete er abschließend einige Worte an künftige Zuschauer. "Ich sage so viel: Die Leute können auf jeden Fall neugierig und gespannt sein. Das gesamte Team hofft darauf, die Vorfreude und Spannung belohnen zu können. Über positives, aber auch negatives Feedback freuen wir uns immer und können damit arbeiten", fasste der 60-Jährige zusammen. Für ihn sei entscheidend, dass die Besucher in die Stücke eintauchen können und hinterher ins Gespräch kommen.

Auch in Zukunft steht der Künstler nicht still. So wird er am Renaissance-Theater in Berlin mit "Kalter, weißer Mann" und am Berliner Kleintheater mit "Was war und was wird" auf der Bühne zu sehen sein.

Bei seinen verschiedensten Auftritten wird klar, warum Markus Gertken seit Jahrzehnten im Theater zu Hause ist: Er lebt jede Rolle, jede Szene, jeden Moment - und genau diese Hingabe macht ihn zu einem der prägenden Gesichter der diesjährigen Festspiele. (Mia Schmitt) +++

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