Öffentliche Probe "Something Rotten!"

Herzlich, herrlich, verrückt: Ein Vorgeschmack auf die 75. Festspiele

Die erste gemeinsame Probe Mitte Mai.
Archivfoto: O|N/ Carina Jirsch

05.06.2026 / BAD HERSFELD - Was macht ein Genie, das seiner Zeit voraus ist? Und was tun zwei Brüder, die im Schatten des übermächtigen William Shakespeare verzweifeln? Sie erfinden einfach das Musical! Am Dienstagabend öffneten Intendantin Elke Hesse und Regisseur Matthias Davids die Pforten der Bad Hersfelder Stiftsruine für ein ganz besonderes Ereignis: eine für das Publikum frei zugängliche Probe zu "Something Rotten!".



Wer dachte, Theaterproben seien eine steife Angelegenheit, wurde binnen Sekunden eines Besseren belehrt. Theateralltag pur. Improvisation, Jogginghose und ein Hauch von Genie. Noch wird ohne schwere Samtroben und opulente Kostüme geprobt. Das Ensemble steht ganz bodenständig "in Zivil" auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Probe voller Energie und Improvisation

Es ist eine ganz normale Probe. Versprecher gehören dazu, Szenen brechen ab, alles beginnt von vorne. Das Team steht erst seit Kurzem auf dieser gewaltigen Open-Air-Bühne, und man spürt die prickelnde Konzentration, während sich die Magie langsam entfaltet. "Manche Musicals sind eben auch sehr tiefgründig", scherzt Nancy Nostradamus (gespielt von Gayle Tufts). Aber vor allem macht dieses Stück eines: verdammt viel Spaß.

Unter der choreografischen Leitung von Kim Duddy erwacht die Renaissance im Zeitraffer zum Leben. Ihr unnachahmlicher Regie-Mix aus Deutsch und Englisch hallt durch die ehrwürdigen Mauern: "Niklas, du musst more machen!" Und Nicolas Tenerani liefert. Rhythmus, der ansteckt: "Ta ti ta Ta, tam tam." Was dann folgt, ist pure Energie. Dynamik setzt ein. Bewegung und Tanz: Die ersten Schritte sitzen bereits verblüffend sicher. Steppeinlagen: Der Rhythmus geht sofort ins Bein. Gesang und Minnegesang: Ein gewaltiger Sound.

Feinjustierung mit Witz und Tempo

Das Ensemble harmoniert, während Regie und Choreografie Szene für Szene, Schrittfolge für Schrittfolge feinjustieren. Als Darsteller Klaus Brantzen in der Hitze des Gefechts ein Requisit vergisst, kommt die prompte, humorvolle Korrektur von Matthias Davids: "Klaus, das Tuch musst du schon mitnehmen. Schön, dass du es runtergeworfen hast!" Das Publikum lacht, das Ensemble schmunzelt und dieses harmonische Miteinander ist echt, cool und absolut ansteckend. Kim Duddys Fazit nach einer rasanten Nummer: "Super, okay!" Der Mythos Shakespeare wird komplett auf den Kopf gestellt.

Immer wieder geht es um ihn: den großen Barden. Doch "Something Rotten!" bricht radikal mit den Konventionen. Warum hat Shakespeare eigentlich Richard II. geschrieben, obwohl er doch schon mit Richard III. fertig war? Wer arbeitet sich bitteschön historisch von hinten nach vorne durch? Das Stück stellt die alles entscheidende Frage: "Warum ist alles, was ich an Shakespeare hasse, so krass?" Die Antwort lautet: "Eine neue Idee!" "Jetzt beginnt die Renaissance! Die ganze Welt wird neu!" "…und so was mögen die Leute?"

Gegen Ende der Probe bringt Nancy Nostradamus das Dilemma des brandneuen Genres auf den Punkt: "Es ist ein Musical, ein Musical" – "… und so was mögen die Leute?" Die Antwort gibt sich das Stück selbst: "Nein, die lieben es! Und warum auch nicht?!" Nach diesem Dienstagabend steht fest: Wer erleben will, wie aus dem bunten Proben-Chaos ein meisterhaftes, energiegeladenes Spektakel wird, darf diesen Sommerbesuch in der Stiftsruine nicht verpassen. Kim Duddy brachte es perfekt auf den Punkt: "Really, I am so neugierig!" Wir sind es auch. Und das Beste? Das Beste haben wir Ihnen hier noch gar nicht erzählt, das müssen Sie schon selbst erleben! (Jürgen Böthig)+++

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