Kritik zu "Something Rotten"

Volltreffer zum Jubiläum: "Das lustigste Musical seit 400 Jahren" begeistert

Riccardo Greco sorgt als selbstverliebter William Shakespeare für zahlreiche Lacher und großen Applaus.
Fotos: Moritz Rös

28.06.2026 / BAD HERSFELD - Es gibt Premieren, die "einfach nur" gefallen. Und es gibt Premieren, die das Publikum von der ersten Minute an mitreißen und den gesamten Abend in ein einziges großes Fest verwandeln. Genau das gelingt "Something Rotten!" bei seiner Erstaufführung in deutscher Sprache in der Stiftsruine. Als Musical-Eröffnung der 75. Bad Hersfelder Festspiele setzt die Produktion nicht nur ein Ausrufezeichen - sie ist die Handschrift der Jubiläumssaison.



Selten hat man das Hersfelder Publikum so erlebt. Schon mit den ersten Szenen wird gelacht, geklatscht und gejubelt. Es vergeht kaum eine Minute ohne Szenenapplaus oder schallendes Gelächter. Die Zuschauer sind vom ersten Augenblick an Teil dieses verrückten Theaterkosmos. Und genau darin liegt eine der größten Stärken des Abends: Das Stück nimmt sich nie zu ernst - und gerade deshalb steckt in ihm erstaunlich viel Wahrheit.

Eine Liebeserklärung an das Theater

Denn hinter all dem Wortwitz, den absurden Einfällen und den zahllosen Musical-Anspielungen verbirgt sich eine kluge Liebeserklärung an das Theater selbst. Es geht um Neid, Ehrgeiz, Kreativität und den Mut, neue Wege zu gehen. Dass ausgerechnet dieses Stück die erste große Musical-Neuproduktion unter Intendantin Elke Hesse eröffnet, wirkt fast symbolisch. Hesse hatte angekündigt, Tradition zu bewahren und gleichzeitig neue Impulse zu setzen. Genau das gelingt mit dieser Produktion auf beeindruckende Weise. Shakespeare bleibt präsent - aber er wird augenzwinkernd auf den Kopf gestellt. Das Ergebnis ist modern, mutig und unglaublich unterhaltsam.

Tempo, Timing und ganz viel Spielfreude

Regisseur Matthias Davids beweist einmal mehr sein außergewöhnliches Gespür für Tempo und Timing. Nahezu jede Pointe sitzt, jede Szene greift nahtlos in die nächste. Dabei verliert die Inszenierung nie ihren Rhythmus. Die über zweistündige Aufführung vergeht wie im Flug. Immer wieder entdeckt das Publikum neue Gags, kleine Anspielungen und raffinierte Details. Viele Lacher kommen überraschend, manche entwickeln sich erst auf den zweiten Blick. Genau das macht den besonderen Reiz dieses Musicals aus.

Auch musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss. Christoph Wohlleben und sein Orchester liefern einen satten, kraftvollen Sound, während Kim Duddys Choreografien die Bühne nahezu explodieren lassen. Die Stiftsruine wird zur riesigen Musicalbühne, auf der jeder Zentimeter genutzt wird. Und sogar Stepptanz gibt es! Andrew D. Edwards' Bühnenbild und die fantasievollen Kostüme von Adam Nee schaffen dazu den perfekten Rahmen.

Ein Ensemble in Bestform

Vor allem aber lebt "Something Rotten!" von seinem großartigen Ensemble. Christopher Bolam und Benjamin Sommerfeld harmonieren als Nick und Nigel Bottom hervorragend. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher kaum sein - der eine voller Ehrgeiz und Verzweiflung, der andere verträumt und voller Idealismus. Gerade dieses Gegenspiel macht ihre Figuren so liebenswert. Beide überzeugen nicht nur gesanglich und tänzerisch, sondern auch mit feinem komödiantischem Gespür. Man nimmt ihnen jede Szene, jede Emotion und jede noch so absurde Situation ab.

Ein echtes Glanzlicht setzt Riccardo Greco als William Shakespeare. Sein Shakespeare ist kein ehrwürdiger Dichterfürst, sondern ein selbstverliebter Popstar der Renaissance. Mit überbordendem Charisma, beeindruckender Stimme und herrlicher Selbstironie dominiert er jede Szene, ohne sie an sich zu reißen. Greco spielt diese Rolle mit sichtbarer Freude und macht aus Shakespeare einen Rockstar, den man gleichzeitig bewundert und belächelt.

"Na, weil es Spaß macht"

Und dann ist da Gayle Tufts. Warum macht Nancy Nostradamus eigentlich all diesen Wahnsinn? Ihre herrlich einfache Antwort lautet: "Na, weil es Spaß macht." Kaum ein Satz beschreibt diesen Abend besser. Tufts stiehlt mit ihrer unverwechselbaren Bühnenpräsenz immer wieder Szenen, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Ihre Mischung aus Wortwitz, Charme und pointierter Komik ist schlicht grandios.

Es würde kaum überraschen, wenn man in einigen Jahren auf diese Premiere zurückblickt und sagt: Hier begann etwas Neues. "Something Rotten!" besitzt alles, was große Festspielproduktionen ausmacht - und ist eben doch ganz anders als das klassische Stück Theatergeschichte in der Stiftsruine. Humor, musikalische Klasse, Tempo und Herz. Vor allem aber besitzt es den Mut, anders zu sein.

Kommentar: Ich habe selten erlebt, dass eine Premiere das Publikum derart geschlossen mitnimmt. Von der ersten bis zur letzten Minute wurde gelacht, applaudiert und mitgefiebert. Dabei war es nie billiger Klamauk. Im Gegenteil: Viele Pointen wirken zunächst herrlich albern, entfalten aber erst später ihre eigentliche Tiefe. Genau diese Mischung macht das Stück für mich so besonders. Vor allem zeigt dieser Abend etwas, das ich in dieser Form in Bad Hersfeld lange nicht erlebt habe: Das Publikum ist bereit für Neues. Es lässt sich auf verrückte Ideen ein, feiert Selbstironie und genießt ein Musical, das mit den Regeln des Theaters spielt, statt sie einfach nur zu erfüllen. Genau dafür stehen die Bad Hersfelder Festspiele seit 75 Jahren - und genau diesen Gedanken führt Elke Hesse konsequent weiter. Wenn dieses Musical ein Vorgeschmack auf ihre Handschrift ist, dann dürfen sich die Besucher auf spannende Jahre freuen. (Constantin von Butler) +++

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