Kritik zu "Pippi Langstrumpf"
Im besten Sinn respektlos: Diese Festspiel-Premiere begeistert Jung und Alt
Fotos: Moritz Rös
23.06.2026 / BAD HERSFELD -
Das war sicher die fröhlichste Premiere der diesjährigen Hersfelder Festspiele - und das lag vor allem am Publikum. Herrlich, inmitten all der KiTa-Gruppen und Schulklassen zu sitzen, die aufgeregt und begeistert auf den Moment warteten, in dem es dann endlich losging. Mit "Pippi Langstrumpf" eröffnete die Festspielzeit 2026, einem Stück für Kinder. Moment mal - für Kinder? Auch, aber nicht nur, denn Astrid Lindgren bietet jedem Lebensalter etwas.
Auf eine gute Stunde Spieldauer hatte Christian Schönfelder Lindgrens "Pippi Langstrumpf" verdichtet und sich dabei laut Programmheft vor allem an der Ur-Pippi orientiert. Lindgren schrieb diese erste Fassung 1944, auf Deutsch erschien sie zu Lindgrens 100. Geburtstag 2007. Pippi ist in dieser Fassung lauter, schriller, frecher, anzüglicher, unverschämter und ungebärdiger als in der späteren Fassung. Lindgren selbst arbeitete diese Version um und veränderte dabei fast 40 Prozent des Textes. Die Veränderungen zielten darauf ab, die Geschichte besser ans kindliche Verständnisniveau anzupassen und allzu große Schärfen herauszunehmen.
Die wilde Ur-Pippi und die vertraute Heldin
In Hersfeld musste sich keiner sorgen - denn de facto folgt das Stück in der Figurenzeichnung dann doch deutlich stärker der späteren Welterfolgs-Version. Und das ist gut so. So, wie auch Lindgren das wollte, wird Pippi als selbständiges, starkes Mädchen gezeigt. Sie weiß, was sie will (und was nicht), sie entscheidet für sich selbst, ihre Freiheit geht ihr über alles, Ungerechtigkeiten lehnt sie ab und die Freundschaft zu Annika und Tom bedeutet ihr viel. Autoritäten gegenüber ist sie freundlich-respektlos, Kindern gegenüber ansteckend fröhlich, ihrem Vater in tiefer Liebe verbunden und immer in der Lage, den wahren Kern eines Menschen schnell zu entdecken.Energiegeladene Inszenierung
Das war ein äußerst spielfreudiges Ensemble! Besonders gelungen ist die Besetzung der Kinderrollen, die durchweg von Erwachsenen gespielt wurden. Alle drei überzeugten: ganz besonders natürlich Laura Dittmann (*1990) in der Hauptrolle, genauso aber auch Simone Müller-Pradella (*1990) und Uriel Jung (*1999) als Annika und Tommy. Anne Lebinsky warf sich geradezu in ihre Rolle als Fräulein Prysselius und schuf mit deren Prüderie, Bigotterie und dem Pochen auf den Buchstaben des Gesetzes genau das richtige Gegengewicht zu Pippis Natürlichkeit. Als Lehrerin war sie vielleicht ein wenig zu allesverzeihend und auch ein bisschen zu nett - aber wer wollte das einer Lehrerin vorwerfen? Nils Benedikt Höddinghaus und Andrés Mendez torkelten als Polizisten Kling und Klang und als Einbrecher Blom und Donner Karlsson durchs Stück und wurden von Pippi liebevoll daran erinnert, was sie alles nicht können, aber eigentlich tun sollten.Die Inszenierung in Bad Hersfeld greift bekannte und vertraute Pippi-Szenen auf: natürlich das Kennenlernen der drei Kinder, der kleine Onkel und Herr Nilsson sind selbstverständlich mit von der Partie, Fräulein Prysselius" Versuch, Pippi unbedingt ins Waisenhaus zu verfrachten, die Diebe, die ihr die Goldstücke abnehmen wollen, der starke Mann auf dem Jahrmarkt, der nicht glauben kann, dass ein Mädchen stärker ist als er, und natürlich auch Pippi als Sachensucherin, die in allem etwas Wertvolles sieht.
Zum Regelnbrechen ist man nie zu klein
Lindgrens "Pippi Langstrumpf" ist, wie eigentlich alle ihre Romane, von geradezu abgründiger Doppelbödigkeit. Man kann die Bücher rein auf der Handlungsebene lesen und sich an der frechen Göre und allem erfreuen, was sie anstellt und mit dem sie die Welt in Unordnung bringt. Verzeihung, die Welt endlich in Ordnung bringt! Man kann aber auch eins tiefer lesen. Micke Bayart hat das einmal wunderschön formuliert: "Zum Regeln brechen und zum großartig sein ist man nie zu klein."Und genau darum geht es Lindgren ja. Sie will keine artigen Kinder, die nicken und alles tun, was man ihnen befiehlt. Sie will selbstständige Kinder, die denken, die Entscheidungen treffen, die für sich selbst einstehen können, die aber auch empathisch sind und Ungerechtigkeiten als solche benennen. Weil Lindgrens Bücher auch diese Ebene haben und uns Erwachsenen einen Spiegel vorhalten, faszinieren sie uns eben auch jenseits des Kinderzimmers.
Und mal ehrlich: Gegen scheinbar eherne Regeln aufbegehren, Dinge anders sehen und neu bewerten - ist das nicht genau das, was jede Gesellschaft braucht? Uns allen stünde ein wenig mehr von Pippis Selbstvertrauen gut an: "Das habe ich noch nie probiert, also müsste ich es können." Einfach mal machen. Mehr Pippi, mehr Mut, mehr Eigensinn - das ist eine ziemlich bekömmliche Mischung. Das junge, das ältere und das junggebliebene Premierenpublikum sah es offenbar genauso: Es jubelte, sang und klatschte begeistert mit. (Jutta Hamberger) +++
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