Lustspiel von Aristophanes
Premiere Lysistrata bei den Festspielen - Wer lacht, ist einfach klüger
Fotos: Rene Kunze
04.07.2026 / BAD HERSFELD -
Wer hätte gedacht, dass ein Lustspiel aus dem Jahr 411 v. Chr. im Jahr 2026 kein bisschen veraltet wirkt? Auch wer Aristophanes' "Lysistrata" nie gelesen oder gesehen hat, kennt den berühmten Einfall des bedeutendsten Athener Komödiendichters: Die Frauen Athens und Spartas haben den seit Jahrzehnten tobenden Peloponnesischen Krieg gründlich satt. Um ihre Männer zum Frieden zu zwingen, beschließen sie das Einzige, was diese wirklich trifft: no more sex, bis die Waffen endlich schweigen.
Damals wie heute bestimmten Männer über Krieg und Frieden, damals wie heute litten Frauen und Kinder am stärksten unter den Folgen. Gerade deshalb hat Aristophanes' Komödie nichts von ihrer Kraft verloren. Sie verbindet eine geniale Idee mit einer Sprache, die derb, poetisch und politisch zugleich ist.
Seine Lösung war ebenso kühn wie provokant: Nicht Feldherren oder Politiker sollten den Frieden bringen, sondern eine Frau. Eine, die im patriarchalen Athen keinerlei politische Macht besaß. Gerade darin liegt bis heute die Sprengkraft des Stücks. Wer Macht hat, unterschätzt oft jene, die scheinbar machtlos sind. Doch Macht kann bröckeln, wenn Menschen sich ihr gemeinsam verweigern. Für die Mächtigen kommt das oft so unerwartet, dass sich daraus genug Momentum für den Umsturz entwickelt.
Amanda Lasker-Berlin hat den antiken Stoff für Bad Hersfeld neu überschrieben, Regisseurin Marlene Anna Schäfer entwickelt daraus eine temporeiche Revue zwischen Antike und Gegenwart. Besonders der erste Teil besitzt Witz, Tempo und ein feines Gespür für Situationskomik. Dabei hilft auch die musikalische Ebene. Viele bekannte Antikriegssongs schauen kurz vorbei: "Sag mir, wo die Blumen sind", "Ein bisschen Frieden" kommt zumindest mit der weißen Gitarre vor, und auch Lennons "Give Peace a Chance" fehlt nicht. Griechenland wird mit der Titelmelodie aus "Alexis Sorbas" angetickt, T. Rex' "Get It On" zum Auftakt ist die augenzwinkernde Pointe zum angekündigten Sexstreik, und das Friedensfest am Ende wird mit der Beatles-Hymne "All you need is love" gefeiert.
Vor allem aber lebt dieser erste Teil vom spielfreudigen Ensemble. Gioia Osthoff führt die Frauen als entschlossene Lysistrata an, Gesine Cukrowski als Lampito ist ein wunderbarer Gegenpart. Varia Sjöström als Kalonike, Kristin Steffen als Myrrhine sowie Anne Lebinsky, Bijan Zamani, Markus Gertken und Jörg Thieme werfen sich mit sichtbarer Lust in Slapstick, Überzeichnung und Wortwitz. Immer wieder entstehen Momente, in denen das Premierenpublikum laut auflacht. Zudem wird es von der Bühne herab immer wieder spielerisch ins Geschehen einbezogen.
Zu wenig Vertrauen in Aristophanes
Hinzu kommt, dass Marlene Anna Schäfer der "Lysistrata" weitgehend die Erotik austreibt. Der Sexstreik wird fast ausschließlich zum politischen Instrument und verliert jene lustvolle Frechheit, die das Original bis heute so anstößig und komisch macht. Auch sprachlich geht einiges verloren. Aristophanes spielt virtuos mit Tonlagen, Dialekten und doppelten Böden, verbindet derbe Komik mit poetischer Präzision. Von dieser sprachlichen Lust bleibt in der Hersfelder Überschreibung vergleichsweise wenig übrig. Statt Ambivalenz dominiert zunehmend die Botschaft.
Das Premierenpublikum feierte den Abend mit lang anhaltendem Applaus. Und tatsächlich besitzt diese "Lysistrata" viele Qualitäten: starke Schauspielerinnen und Schauspieler, zahlreiche kluge Einfälle und eine erste Stunde voller Tempo und Situationskomik. Gerade deshalb ist es schade, dass die Inszenierung dem Original am Ende zu wenig vertraut. Aristophanes wusste schon vor über zwei Jahrtausenden: Wer Menschen zum Lachen bringt, muss ihnen die Pointe nicht mehr erklären. (Jutta Hamberger)+++
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