Magie hinter den Kulissen

Exklusive Backstage-Führung: Wenn die Stiftsruine ihre Geheimnisse preisgibt

Die Bad Hersfelder Festspiele bieten regelmäßig Einblicke in ihre Arbeit.
Fotos: Jürgen Böthig

08.07.2026 / BAD HERSFELD - Wo normalerweise Scheinwerfer die Akteure in Szene setzen und das Publikum den Atem anhält, herrschte an diesem Nachmittag ein ganz anderes, geschäftiges Treiben. Eine Reisegruppe aus Düsseldorf und Wuppertal genoss ein Privileg, das normalerweise nur den Theatermachern vorbehalten bleibt: Eine exklusive Backstage-Führung durch die imposante Stiftsruine. Den Ort, an dem die Bad Hersfelder Festspiele Jahr für Jahr Theatergeschichte schreiben.


Hochbetrieb im Schatten der Ruine

Schon beim Betreten der Ruine wurde spürbar: Hier wird nicht nur Geschichte verwaltet, sondern gelebt. Die Vorbereitungen für die abendliche Aufführung von "Something Rotten!" waren bereits in vollem Gange. Überall wurde gewerkelt, geprüft und feinjustiert. Techniker überprüften die Scheinwerfer-Ausrichtung und Requisiteure kontrollierten den korrekten Sitz der Utensilien. Die Besuchergruppe tauchte direkt ein in die pulsierende Energie, die kurz vor dem "Opening" in der Luft liegt. Ein "Bienenstock", in dem jeder Handgriff perfekt sitzen muss.

Vom Zuschauerraum in die geheime Welt der Akteure

Unter der fachkundigen Leitung von Stadtführerin Karin Reidt tauchten die Gäste tief in die "Eingeweide" der größten romanischen Kirchenruine der Welt ein. Karin Reidt, die ihre Heimatstadt und die Festspiele wie ihre Westentasche kennt, führte die Gruppe mitten durch das wuselige Treiben hinter der prunkvollen Fassade.

"Dort, wo der Zuschauer nur das fertige Bild sieht, beginnt die eigentliche Arbeit", erklärte Reidt, während sie die Gruppe vorsichtig an den arbeitenden Technikern vorbeischleuste. Sie zeigte auf streng markierte Bodenlinien, "rote Zonen", die Statisten und Komparsen bei ihren schnellen Auftritten niemals überschreiten dürfen, um das sorgsam austarierte Bühnenbild inmitten der historischen Kulisse nicht zu stören. Die Gäste staunten nicht schlecht, als sie die versteckten Garderoben direkt unter der Bühne entdeckten, in denen die Kostümwechsel in Sekundenschnelle vollzogen werden, fernab der Blicke des Publikums.

Der "Dirigent" im Hintergrund

Ein besonderes Highlight der Führung war der Einblick in die Schaltzentrale des Geschehens: der Arbeitsplatz des Inspizienten. Karin Reidt erläuterte den Gästen, dass Johanna König (Something Rotten! & Pippi Langstrumpf) und Thomas Schäfer (Parzival & Lysistrata) während der Vorstellungen die wahren "Dirigenten" hinter den Kulissen sind.

Der Inspizient hält alle Fäden in der Hand. Von seinem Pult aus gibt er über ein komplexes Kommunikationssystem die Einsätze für Schauspieler, Statisten und Techniker. Er ist der "Taktgeber", der sicherstellt, dass jeder Lichtwechsel und jede Requisite sekundengenau sitzt. "Ohne die präzisen Kommandos des Inspizienten würde das hochkomplexe Getriebe eines Musicals wie "Something Rotten!" sofort ins Stocken geraten", so Reidt. Die Gäste erhielten einen seltenen Einblick in die hochkonzentrierte Atmosphäre, in der jede Silbe über das Gelingen eines Auftritts entscheidet.

Zwischen Historie und Theater-Mythos

Doch die Führung war weit mehr als ein Blick auf die heutige Technik. Karin Reidt verstand es meisterhaft, den Bogen von der jahrhundertealten Geschichte zur modernen Theatermagie zu spannen. Sie entführte die Reisegruppe in die Zeit des Abtes Lullus, erzählte von Martin Luther und der bewegten Vergangenheit der Ruine, bevor sie den Fokus auf die Geburtsstunde der Festspiele legte.

Mit lebendigen Anekdoten erinnerte sie an Johannes Klein, den mutigen Gründer, der 1951 mit dem "Großen Welttheater" den Grundstein für das kulturelle Herzstück Bad Hersfelds legte. "Hier haben sich die ganz Großen der Schauspielzunft die Klinke in die Hand gegeben", betonte Reidt und ließ dabei Namen fallen, die in der Theaterwelt Legendenstatus genießen.

Ein Abend, der in Erinnerung bleibt

Die Gäste aus dem Rheinland und dem Bergischen Land hingen förmlich an den Lippen der Stadtführerin. Die Verbindung aus fundiertem historischen Wissen, technischem Einblick in die aktuelle Produktion und den persönlichen "Dönekes" über den Theaterbetrieb machte die Führung zu einem Erlebnis, das die Vorfreude auf die abendliche Vorstellung noch einmal steigerte.

Als die Gruppe schließlich die Ruine verließ, um sich unter die anderen Zuschauer zu mischen, blickten sie mit ganz anderen Augen auf das historische Gemäuer. Sie wussten nun: Wenn sich am Abend der Vorhang hebt, ist das, was auf der Bühne passiert, nur die Spitze des Eisbergs. Ein sorgfältig inszeniertes Wunder, das unter der wachsamen Aufsicht des Inspizienten und inmitten der fieberhaften Vorbereitungen seinen Anfang nimmt.

Möchten Sie selbst einmal hinter den Vorhang blicken? Die Bad Hersfelder Festspiele bieten regelmäßig Einblicke in ihre Arbeit an. Weitere Informationen zu Führungen und Spielplan finden Sie auf der offiziellen Website der Festspiele. (Jürgen Böthig) +++

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