The Razzzones rocken das Buchcafé

Wenn der Autoschlüssel rappt und die Stimmbänder glühen

"The Razzzones" begeistern
Fotos: Moritz Rös

22.07.2026 / BAD HERSFELD - Manchmal braucht es im Grunde gar keine Instrumente für gute Musik, sondern nur drei Männer, die ganz genau wissen, wie man den Mund aufmacht. Dass Kays, Phil und Johannes, das steht nach diesem Abend fest, ohnehin alles andere als auf den Mund gefallen sind, bewiesen die drei Berliner Ausnahme-Beatboxer direkt bei ihrer Ankunft im leider nicht ganz ausverkauften, aber umso stimmungsvolleren Buchcafé. Im Rahmenprogramm der 75. Bad Hersfelder Festspiele schlugen The Razzzones ihre rhythmischen Zelte auf und machten diesen Abend zu einer weiteren handgemachten "Sternstunde".



Eins vorweg: Es fehlte an nichts. Dass Marvin aufgrund streikender Stimmbänder fehlte, fiel kaum ins Gewicht, denn das verbliebene Trio hielt die Fahne hoch und füllte den Raum mit purer Vokal-Energie. Das prominente Publikum bewies dabei den hohen Stellenwert dieses Abends. Neben zahlreichen Mitgliedern des Festspielensembles ließen sich auch die Schirmherrinnen, Bürgermeisterin Anke Hofmann und Festspiel-Intendantin Elke Hesse, die Beatbox-Show nicht entgehen.

Vom Autoschlüssel zum Hip-Hop

Wer glaubt, Beatboxen sei nur stoisches Bumm-Tschak, wurde eines Besseren belehrt. Das Trio deckte die gesamte Bandbreite populärer Musik ab, von feinstem Hip-Hop, Rap und Bebop bis hin zu Jazz, Klassik, Techno und sogar erdiger Blasmusik.

Besonders rasant wurde es, als das Publikum ins Spiel kam. Die Künstler agierten dabei hochgradig interaktiv. Auf Zuruf flogen Gegenstände des alltäglichen Lebens auf die Bühne, die spontan in den Rap-Style eingebaut wurden. Ob Autoschlüssel, eine vegane Gummibärchen-Verpackung, roter Nagellack oder Lippenstift, alles wurde zum ultimativen Beatbox-Rhythmus-Instrument. Sogar die Kunst des Beatboxen in Zeitlupe zelebrierten die drei Profis mit perfektem Timing.

Festspiele, Kapuzinerkresse und ein Reggae

Ein absolutes Highlight war die Entstehungsgeschichte eines neuen Festspiel-Songs: Das Publikum selbst hatte das Trio dazu inspiriert, die Einzigartigkeit der Stadt und der Festspiele musikalisch zu verarbeiten. Das Ergebnis war ein entspannter Reggae-Song, der die Bad Hersfelder Festspiele und die kulinarische Besonderheit der Kapuzinerkresse in einem völlig neuen Rhythmus feierte, ein echter Ohrwurm mit lokalem Einschlag.

Für musikalische Gänsehautmomente sorgten zudem Klassiker. Das legendäre Summertime erfuhr eine zeitgemäße, innovative Frischzellenkur, die den Jazz-Standard atmen ließ. Ein waschechter Brüller war zudem ein eigens aus Witzen aufgebauter Song, der die Lachmuskeln der Zuschauer ordentlich strapazierte.

Udo und die "TheaterLöwen"

Ein weiterer Höhepunkt war die herrlich treffende Parodie auf Udo Lindenbergs Hit Komet. Doch die größte Bühne gehörte an diesem Abend dem lokalen Nachwuchs: Die Schülerinnen und Schüler der Theater-AG der Konrad-Duden-Schule, Bad Hersfelds stolze "TheaterLöwen", hatten ihren großen Auftritt. Wie Beatboxer Phil dem jubelnden Publikum erklärte, hatten die Mädels und Jungs erst am Vormittag in einem speziellen Workshop die neue Sprache des Beatboxens gelernt, und der verdiente Lohn war tosender Applaus und frenetische Begeisterung.

Es wurde gerockt, gerappt, gestaunt und gelacht. Nach einem fulminanten Genre-Spagat war klar, dass ohne Zugaben dieses Trio die Bühne im Buchcafé natürlich nicht verlassen durfte. Ein Abend, der bewies, dass man für große Musik eigentlich nur eine gute Portion Mut, viel Talent und eben das sprichwörtliche Mundwerk am rechten Fleck braucht. (Jürgen Böthig) +++

Bad Hersfelder Festspiele 2026 - weitere Artikel

↓↓ alle 57 Artikel anzeigen ↓↓

X