Profis bei der Arbeit (74 )

Pfarrer Holger Grewe will bei den Menschen sein - wegen Oma Berta studierte er Theologie

Kirche mit Leben füllen. Pfarrer Holger Grewe gelingt es. Die "Theatersterne" vom Johannesberg und seine Söhne Manuel (auf dem Schoß sitzend) und Raphael (im blauen Pullover) halfen beim Schmücken des Weihnachtsbaumes.
Fotos: Gudrun Schmidl

24.12.2017 / BAD HERSFELD - Der Kirchenraum im Evangelischen Gemeindezentrum auf dem Johannesberg wird heute Nachmittag aus allen Nähten platzen. Die „Musikmäuse“ und viele weitere Kinder aus dem Kindergottesdienst führen unter der Leitung von Kantor Sebastian Bethge ein musikalisches Krippenspiel auf. Mitten unter kleinen und größeren Engeln, Hirten, Königen und den Weisen aus dem Morgenland nimmt Pfarrer Holger Grewe seine Position als Souffleur und Regieassistent ein. Er ist seit 2010 Pfarrer im Pfarrbezirk V der Evangelischen Stadt- und Johanneskirchengemeinde.



„Ich bin ein Kindergottesdienstkind“, erinnert sich Holger Grewe an seine zahlreichen sonntäglichen Besuche in der Stadtkirche in Schlüchtern, die inzwischen in Stadtkirche St. Michael umbenannt wurde. Zuhause war es seine geliebte, gläubige Oma Berta, die im Obergeschoss seines Elternhauses wohnte und „die ihm ihren Glauben ins Herz gelegt hat. „Sie hat mit mir gebetet und gesungen, das waren Sternstunden in meinem Leben“, äußert er sich voller Dankbarkeit. Nach seiner Konfirmation hat er selbst Kindergottesdienst gehalten, in kirchlichen Jugendgruppen prägende Jugendarbeit schätzen gelernt und bei durchgeführten Freizeiten viele Länder Europas bereist.

Nach der Realschule besuchte er das Berufliche Gymnasium in Gelnhausen mit dem Berufsziel Wirtschaftsingenieur. Vor dem Studium absolvierte er jedoch seinen Zivildienst bei der Diakonie. Durch diese intensiven zwischenmenschlichen Begegnungen wurde ihm bewusst, dass sein Berufsleben nicht von Zahlen bestimmt werden soll, sondern dass er „bei den Menschen sein will“. Latein hat er im Alleingang während des Zivildienstes gepaukt, die Prüfung mit Bravour bestanden und so stand seinem Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule in Neuendettelsau nichts mehr im Wege. Zwei Semester studierte er in Budapest, bevor er in Marburg sein Studium abschloss. „Ich habe mir viel Zeit gelassen und die Zeit auch genossen“.

In Marburg lernte er seine jetzige Frau Tamina, ebenfalls Theologiestudentin, kennen und lieben. „Sie ist mein Herzensmensch, mein größtes Wunder. Wir haben uns gefunden“. Tochter Paula (10), Sohn Raphael (7) und Nesthäkchen Manuel (1 ½) machen das Familienglück perfekt. Dass er zum dritten Mal Papa wird, erfuhr Holger Grewe im Jahr 2015 in berührender Weise, dem Wunder der Heiligen Nacht folgend. Seine Frau überreichte ihm zwei kleine Babyschuhe mit den Worten: „Mein Geschenk für dich“.

Im Jahr 2006 übernahm Holger Grewe seine erste Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Richelsdorf-Bauhaus-Süß. Diese wurde – wie von der Landessynode beschlossen – vier Jahre später aufgehoben. Die Stellenausschreibung als Pfarrer für die Johanneskirchengemeinde kam für ihn genau zur richtigen Zeit. „Mit einer Stimme Mehrheit wurde ich knapp gewählt. Ich bin sehr froh, dass ich hier bin“. Die intensive, fruchtbare und kreative Zusammenarbeit mit Pfarrerin Dagmar Scheer und Pfarrer Frank Nico Jaeger, die für die weiteren Pfarrbezirke der Evangelischen Stadt- und Johanneskirchengemeinde verantwortlich sind, schätzt Holger Grewe außerordentlich.

Vor einer Woche, am 3. Adventssonntag, wurde die Eröffnung des Gemeindezentrums auf dem Johannesberg vor 40 Jahren gefeiert. Im Laufe der Jahre wurde die Räumlichkeiten zu einem Anlaufpunkt und zu einem lebendigen Zentrum des Lebens der Menschen auf dem Johannesberg. Darauf konnte Holger Grewe mit neuen Ideen und Angeboten für alle Generationen und im Sinne eines ökumenischen Miteinanders aufbauen. Auch mit Gottesdiensten, die mit Kirchentee oder Kirchenkaffee in geselliger Runde abgerundet werden, Literaturgottesdiensten, mit Gospelvespern und mit dem jährlichen Engelsgottesdienst macht die Johanneskirche auf sich aufmerksam. Manche sind gut besucht, andere nicht.

„Ich bin froh, wenn Menschen in die Kirche kommen. Wir werden immer weniger, sollten aber nicht darüber klagen, sondern müssen die würdigen, die da sind. Es geht nicht um Masse oder Zahlen, es geht um Tiefe. Viele unterschiedliche Menschen müssen bei uns Raum haben und gestalten können, auch die kritischen Gläubigen“, bekräftigt Holger Grewe und ergänzt: „Es liegt an uns, zu widersprechen“. Er tut es, eckt damit auch an, fordert Diakonisches Handeln von der Kirche. „Glaube ohne politische Zielrichtung ist für uns tot“. Alles, was Holger Grewe tut oder lässt, tut er mit der Gewissheit: „Ich bin von Gott geliebt“.

Diese Gewissheit vermittelt er auch seinen Kindern im Gebet, in Gesprächen, mit Liedern wie „Der Mond ist aufgegangen“ aus der Feder von Matthias Claudius. Sie dürfen alle Kind gerechten Angebote der Johanneskirchengemeinde annehmen, müssen aber nicht. Sie sollen später auch völlig frei in ihrer Glaubensausrichtung entscheiden dürfen. Holger Grewe betont: „Ich bin ein Du-darfst-Mensch, ein völlig gegenwärtiger Mensch“, getragen von den Bibelworten „Fürchte dich nicht“ (Jesaja 41) und „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukasevangelium 17). Einmal im Jahr nimmt er sich eine Auszeit in der Mönchsgemeinschaft der Abtei Münsterschwarzach zur Vertiefung seiner Spiritualität.

Der 43-Jährige lässt gerade jetzt auch Schmerzhaftes zu. „Ich lasse Gott mal gucken, wie es meiner angekratzten Seele geht“. Der allgemeinen Hektik in der Adventszeit kann er sowieso nichts abgewinnen. „Advent heißt für mich, dass noch nicht alles fertig sein muss“. So halten er und seine Frau das auch in der eigenen Familie. Lediglich der aufgehängte Herrnhuter-Stern und die Adventskalender der Kinder sind freudige Vorboten für das bevorstehende Weihnachtsfest. In der Johanneskirche macht das violette Tuch am Altar bis zum Abend des 24. Dezember optisch begreifbar, dass noch immer Advent ist. Um 22.00 Uhr lädt Pfarrer Holger Grewe zur Christnacht in die Johanneskirche ein und damit geht die Adventszeit in das Weihnachtsfest über.

Wenn am 1. Weihnachtstag die Geburt Jesu gefeiert wird, schmückt auch Familie Grewe ihr gemütliches Zuhause bunt und festlich. An den beiden Weihnachtsfeiertagen hat Holger Grewe frei und kann das Familienleben genießen. Seine Gedanken sind dann bei seiner verstorbenen Oma Berta, die der festen Überzeugung war: „Was brauchen wir? Wir haben uns!“ (Gudrun Schmidl)





































































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