Profis bei der Arbeit (18)

Alte Handwerkskunst: Orgelbauer Thomas Schülken zieht alle Register

Orgelbauer Thomas Schülken präsentiert ein Stimmhorn, das berufstypische Handwerkszeug seiner Zunft.
Fotos: Stefanie Harth

04.05.2017 / ROTENBURG/F. - Das Orgelspielen liegt ihm nicht, das Konstruieren und Fertigen der Königin der Instrumente umso mehr. Thomas Schülken ist Orgelbauer, arbeitet täglich im Zehntelmillimeterbereich. Handwerkliches Geschick sowie ein Gespür für Klang, Technik und Gestaltung zeichnen den Vertreter seiner Zunft aus. „Ich habe mir keinen außergewöhnlichen Beruf ausgesucht, jede Kirche braucht schließlich eine Orgel“, sagt der gebürtige Ruhrgebietler, der seit 1995 in der alteingesessenen Rotenburger Orgelbauwerkstatt tätig ist, die von Dieter Noeske und Peter Kozeluh geleitet wird.



Eine Institution in dieser Sparte: Immerhin werden in der Fuldastadt seit über 200 Jahren die Komponenten des Instrumentes mit Fachkenntnis hergestellt. Der Name „Noeske-Orgel“ genießt in Expertenkreisen einen hohen Stellenwert. Wie Thomas Schülken berichtet, halten sich Neubauten und Restaurierungen die Waage. Ein Jahr braucht es im Schnitt, eine neue Kirchenorgel zu erschaffen. Zudem grundüberholen die Experten ein bis zwei Instrumente pro Jahr. Tausende Arbeitsstunden stecken in jeder neuen Orgel sowie in jeder sorgfältigen Restaurierung und Rekonstruktion. Höhepunkt ist, wenn sich Ton um Ton findet und sich die Klänge zu einem großen Ganzen erheben.

Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung zum Orgelbauer. Ein Beruf, der die mannigfaltigsten Betätigungsfelder in sich vereint. „Holzverarbeitung spielt ebenso eine Rolle wie die künstlerische Arbeit eines Bildhauers und Drechslers“, erläutert der Orgelbauer. „Hinzu gesellt sich eine Portion Feinmechanik, Maschinenbau, Elektrotechnik und Lederverarbeitung.“ Letztlich bilde die architektonische und klangliche Gestaltung den Gipfel, ergänzt Orgelbaumeister Dieter Noeske.

Für den Bau einer Orgel setzt die Rotenburger Werkstatt auf massives Holz allerbester Qualität. „Bevorzugt verwenden wir Eiche, aus klanglichen Gründen darf es auch mal Fichte sein“, erklärt Thomas Schülken. Sogenannte Dreischichthölzer kommen nicht zum Einsatz. „Diese entsprechen nicht den Anforderungen und Ansprüchen des künstlerischen Instrumentenbaus.“ In der Orgelbauwerkstatt werde kein einziges Brett verarbeitet, das nicht mindestens zehn Jahre lang „geruht“ hat. Holz müsse langsam trocknen, damit es ruhig im Instrument bleibe.

Beinahe andächtig streicht der Handwerker über eine Windlade – das Herzstück einer jeden Orgel. „Hier werden alle Befehle ausgeführt. Das ist wie bei Schiffe versenken oder wie bei einem Puzzlespiel“, unterstreicht er. „Zur richtigen Zeit muss die Luft in die richtige Pfeife kommen, damit sie klingt.“ Windladen sind aus edelstem bis zu 15 Jahren abgelagertem Eichenholz in klassischer Bauweise gefertigt.

Thomas Schülken greift nach einem Metall-Stab, der mit einem spitzen Kegel am einen Ende und einem Trichter am anderen Ende aufwartet. „Das Stimmhorn ist unser berufstypisches Handwerkszeug“, sagt er. „Wie sein Name bereits erahnen lässt, ist es für das Stimmen von offenen Labialpfeifen unabkömmlich.“

Allein für die Intonation seien bis zu 25 Arbeitsschritte pro Pfeife erforderlich. Das Resultat: ein optimales, erhabenes Klangerlebnis. Inzwischen hat der Orgelbauer das Stimmhorn gegen einen Bleistift ausgetauscht. Konzentriert beugt er sich über eine Konstruktionszeichnung, nimmt kleine Veränderungen an dieser vor. „Sehen Sie, mein zweitwichtigstes Werkzeug ist ein gewöhnlicher Bleistift – mein Job ist keine Hexerei“, meint der Orgelbauer augenzwinkernd. Mehr Infos: http://www.orgelbau-rotenburg.de/. (Stefanie Harth) +++

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