Ballweg: "Sie haben es in der Hand"
600 Anteile entscheiden: Kommt Tante Enso in die Rhöngemeinde?
Archivfoto: O|N
29.07.2026 / POPPENHAUSEN (WAKU) -
Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Saal, große Erwartungen und eine klare Botschaft: Bei der Bürgerversammlung im Von-Steinrück-Haus in Poppenhausen hat sich das genossenschaftliche Nahversorger-Konzept "Tante Enso" den Bürgerinnen und Bürgern vorgestellt. Am Ende stand ein Appell, der den gesamten Abend prägte: Ob der Dorfsupermarkt kommt, entscheiden nicht Politik oder Verwaltung - sondern die Menschen vor Ort selbst.
Das Interesse übertraf alle Erwartungen. Bürgermeisterin Alexandra Ballweg brachte den Andrang mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: "Wir scheinen anbauen zu müssen!" Der Abend solle vor allem eines bieten: "Wir wollen den Abend nutzen, um Informationen aus erster Hand zu erfahren." Ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung und der Selbstständigkeit - insbesondere auch für ältere Menschen: So beschrieb Ballweg, was ein Tante-Enso-Markt für Poppenhausen bedeuten könnte.
Der Dank an die Paten
Ein besonderer Dank der Bürgermeisterin galt den zahlreichen Paten, die im Vorfeld Flyer verteilt, informiert, organisiert und geplant hatten. Auch Gutberlet zeigte sich beeindruckt vom bürgerschaftlichen Engagement: "So viele Paten in einem Ort habe ich noch nie gesehen!" "Sie haben es in der Hand"
Der zentrale Appell des Abends richtete sich direkt an die Anwesenden. "Es liegt an Ihnen: Sie als Bürgerinnen und Bürger - nicht die Politik - haben es in der Hand, dieses Projekt zu einem Erfolg zu machen", betonte Ballweg. Konkret geht es um die Möglichkeit, Genossenschaftsanteile zu zeichnen und so den Markt überhaupt erst möglich zu machen. Ihr Aufruf: Jeder solle sich informieren, um am Ende das zu sichern, "was für Poppenhausen wirklich wichtig ist - nämlich eine gute Nahversorgung."Was hinter Tante Enso steckt
Hinter "Tante Enso" steht die 2016 gegründete myEnso GmbH aus Bremen. Das Unternehmen wurde von den Gründern Norbert Hegmann und Thorsten Bausch ins Leben gerufen. Seit Mitte der 2020er Jahre ist zudem der ehemalige Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet als Geschäftsführer und Gesellschafter aktiv.Das Konzept will den klassischen Tante-Emma-Laden zurück ins Dorf bringen und ihn mit moderner digitaler Technik verbinden. Wenn Personal vor Ort ist, funktionieren die Märkte wie herkömmliche Läden. Darüber hinaus sind sie rund um die Uhr geöffnet. Ist kein Personal anwesend, verschafft man sich mit einer Karte Zutritt und bezahlt an Selbstbedienungskassen.
Die Märkte seien 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche geöffnet - auch an Feiertagen -, mit einem umfangreichen Sortiment und soliden Betriebskosten. Ein praktischer Hinweis am Rande: Tegut-Bonuspunkte sollen noch bis Mitte Oktober bei Tegut eingelöst werden können.
Ein Name mit Philosophie
Woher der ungewöhnliche Name stammt, erläuterte Gutberlet mit einem Bild aus dem Zen-Buddhismus: dem "Enso", dem Kreis. Der Mönch wisse, dass er keinen perfekten Kreis zeichnen könne - deshalb zeichne er ihn jeden Morgen aufs Neue, bewusst nicht ganz vollendet. Diese Haltung will das Unternehmen auf seine Märkte übertragen: "Diese Philosophie wollen wir leben - jeden Tag ein Stück besser zu werden."In Poppenhausen sieht Gutberlet dafür beste Voraussetzungen: "Hier gibt es bereits einen passenden Laden, motivierte Mitarbeiter und Bürger, die glücklich sind, wenn die Nahversorgung weitergeführt wird."
Ein Film zeigt, was möglich ist
Ein Vorstellungsfilm des Unternehmens zeigte bereits erfolgte Markteröffnungen in anderen Dörfern - begleitet vom Slogan: "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Nahversorgung!" Endlich wieder vor Ort einkaufen zu können, lautete die zentrale Botschaft. Gutberlets Fazit dazu: "Wir haben gezeigt, was wir alles auf die Beine stellen können, wenn wir uns gemeinsam für etwas einsetzen!" Wachstum mit Tempo
Die Zahlen, die Gutberlet präsentierte, verdeutlichten die Dynamik des Projekts: Bundesweit seien bereits 90 Filialen eröffnet, 74 weitere Standorte geplant - insgesamt sollen es einmal 300 werden. "Durch die Übernahme von 36 Tegut-Märkten wird es künftig eine starke Konzentration von Tante-Enso-Märkten hier in der Region geben", so Gutberlet. Der Bedarf ist enorm: Rund 3.000 Standorte in Deutschland seien von mangelnder Nahversorgung betroffen.Als zentrale Vorteile des Konzepts nannte er die Vollversorgung, die Freiheit ("Die Möglichkeit einzukaufen, wann man möchte - abgestimmt auf die individuellen Lebenswirklichkeiten!") sowie die Nähe, also den Austausch und das Miteinander in der Nachbarschaft. Rund 3.000 Artikel zu Verbrauchermarktpreisen soll das Sortiment umfassen, mit einem besonderen Augenmerk auf regionale Produkte und Food-Alternativen.
Beim rund um die Uhr geöffneten Betrieb setzt das Unternehmen auf Datenanalyse: "Wir werden analysieren, welche Zeiten niedrig frequentiert sind, und die Arbeitszeiten der Mitarbeiter entsprechend anpassen - und gleichzeitig Jobs garantieren."
Mehr als ein Supermarkt
Tante Enso versteht sich ausdrücklich als Teil der Dorfgemeinschaft. Über ein Sponsoring stellt das Unternehmen 400 Euro pro Quartal für die Gemeinschaft bereit, beim Kommissionskauf gibt es besondere Vereinsrabatte. Die Tante-Enso-Karte - bis Ende des Jahres in 120 Märkten deutschlandweit nutzbar - fungiert unter anderem als Türöffner für den Zutritt außerhalb der Personalzeiten.Besonderen Wert legt das Unternehmen auf Regionalität: "Uns ist wichtig, dass wir möglichst viele Produkte im Sortiment haben, die in der Region produziert werden." Neben klassischen Markenartikeln sowie Discount- und Handelsmarken gibt es ein Spezialsortiment mit regionalen Produkten und den sogenannten "Enso-Helden" als Alternative zu Industrieprodukten.
Und die Bürger sollen mitreden: Per QR-Code können sie über das Sortiment abstimmen - "Stimmen Sie mit ab! Welche Produkte wollt IHR in EUREM Tante Enso?" Sogar die Logofarbe des künftigen Marktes wird gemeinsam entschieden.
Wie die Teilhaberschaft funktioniert
Kern des Modells ist die genossenschaftliche Beteiligung. Ein Markt kommt nur, wenn mindestens 600 Anteile gezeichnet werden. Als Anreiz lockt das Unternehmen mit einem "Dorfbonus": Für alle 100 Anteilseigner, die über diese Schwelle hinaus dazukommen, gibt es 500 Euro von Tante Enso für die Dorfkasse.Hinzu kommen weitere Vorteile für Teilhaber: fünf Euro Einkaufsguthaben pro Anteil jährlich, eine Rückvergütung von zwei bis vier Prozent pro Einkauf - je nach Zahl der Anteile -, besondere Sparpreisaktionen sowie Rabattangebote wie "11 Anteile kaufen, 10 bezahlen" oder 20 Euro Rabatt beim Kauf von zwei Anteilen (also 180 statt 200 Euro).
Wichtig für Interessierte: Es handelt sich nicht um ein Abo-Modell - der Anteil wird einmalig erworben. Eine Kündigung ist jährlich möglich, ebenso die Vererbung der Anteile. Ein Jahresabschluss wird allen Eigentümern zur Verfügung gestellt.
Die Tante-Enso-Karte wiederum kann unabhängig von einer Teilhaberschaft von jedem ab 18 Jahren beantragt werden. Praktisch: Wer abends die Karte vergisst, kann seine Kontaktdaten hinterlegen und den Einkauf später per Lastschrift nachbuchen.
Stimmen aus dem Dorf
Wie sehr das Thema die Menschen bewegt, zeigte auch der eigens produzierte "Willkommen Tante Enso"-Film aus Poppenhausen. Ein Gedanke zog sich dabei durch die Beiträge: nicht mehr bis nach Fulda "eiern" zu müssen. "Es gibt ja auch Leute ohne Führerschein oder ältere Menschen, die nicht mehr so weit fahren können", hieß es.Wie es weitergeht
Nun sind die Poppenhausener am Zug: Die vierwöchige Kampagne läuft, Anteile können bis zum Ende der Zeichnungsfrist erworben werden. Ob Tante Enso tatsächlich nach Poppenhausen kommt, entscheidet sich, sobald die nötige Schwelle erreicht ist. Der Appell des Abends fasste die Stimmung zusammen - halb Aufruf, halb Aufbruch: "Auf geht's! Legen wir los!" (Marvin Hucke) +++