Pläne des Goodyear-Käufers

Greift die Stadt zum Vorkaufs-Hammer? Das sagen die Fraktionen

Die W&L Logistics GmbH i.G. will nach OSTHESSEN|NEWS-Informationen das Goodyear-Areal als Umschlagsplatz für Leasingfahrzeuge nutzen. Jetzt äußern sich die Fraktionen aus dem Stadtparlament.
Foto: O|N / Hendrik Urbin / Christian P. Stadtfeld

20.01.2026 / FULDA - Greift jetzt die Stadt zum Vorkaufs-Hammer? Zumindest, wenn man sich bei den Fraktionen im Fuldaer Stadtparlament umhört, ist das gar nicht so unwahrscheinlich. In der vergangenen Woche hatte Goodyear verkündet, einen Käufer für das 16,2 Hektar große Areal in der Domstadt gefunden zu haben.

Die W&L Logistics GmbH i.G. will nach OSTHESSEN|NEWS-Informationen das Areal als Umschlagsplatz für Leasingfahrzeuge nutzen. Das entspricht nicht den von städtischen Vertretern geäußerten Hoffnungen und Vorstellungen für das weitläufige Gelände. Unsere Redaktion hat sich bei den Fraktionen im Stadtparlament umgehört - wie stehen Sie zu den Plänen des Investors?

Union will echten Mehrwert - und sieht Pläne kritisch

"Das Goodyear-Areal ist eine zentrale Entwicklungsfläche für Fulda und bietet großes Potenzial für die wirtschaftliche Zukunft unserer Stadt. Die aktuell diskutierten Pläne der W&L Logistics, das Gelände als Umschlagsplatz für Leasingfahrzeuge zu nutzen, sehen wir kritisch. Dies insbesondere mit Blick auf die tatsächliche Wertschöpfung vor Ort und die langfristigen Perspektiven für sichere Arbeitsplätze", antwortet Patricia Fehrmann.

Für die CDU-Fraktionsvorsitzende sei demnach wichtig, dass die Nutzung des Areals in einem sinnvollen Verhältnis zu den Belastungen für Infrastruktur und Umgebung steht, und einen echten Mehrwert für den Standort Fulda schafft. "Deshalb halten wir es für richtig, dass die Stadt zunächst aktiv den Dialog mit dem Unternehmen sucht und sich die Pläne konkret erläutern lässt."

Fehrmann: "Gleichzeitig sehen wir auch die Option, dass die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht und zunächst selbst in den Erwerb des Geländes eintritt. Langfristig ist es jedoch nicht Aufgabe der Stadt, das Areal allein zu entwickeln."

Dafür brauche es starke Partner. Das Ziel bleibe klar: Auf dem Goodyear-Gelände sollen Gewerbe und Industrie angesiedelt werden, die langfristige Arbeitsplätze schaffen und den Wirtschaftsstandort Fulda stärken. Das konkrete Vorgehen werde zeitnah innerhalb der CDU-Fraktion, den Fraktionsspitzen und dem Magistrat erörtert.

Grüne: Vorkaufsrecht nicht voreilig aus der Hand geben

Das ehemalige Goodyear-Gelände sei eine bedeutende Entwicklungsfläche in Fulda, betont die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Nach mehr als 100 Jahren industrieller Nutzung biete sich hier die historische Chance für eine zukunftsgerichtete Stadtentwicklung. Das mache dieses Areal zu einem begehrten Standort.

"Wie attraktiv das Gelände ist, zeigt, dass es bereits jetzt einen Interessenten gibt. Auch das zeigt die strategische Bedeutung dieser Fläche für Fulda", so der Fraktionsvorsitzende Ernst Sporer. "Umso wichtiger ist es, dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht nicht voreilig aus der Hand gibt. Das Areal spielt eine zentrale Rolle für die künftige Entwicklung Fuldas, und die Kommune sollte sich alle Optionen offenhalten."

Die Grünen stehen der vom Interessenten W&L Logistics ins Spiel gebrachten Nutzung als Umschlagplatz für Leasingfahrzeuge kritisch gegenüber, denn diese Nutzung werfe Fragen nach Wertschöpfung, Beschäftigungseffekten und langfristiger Stadtentwicklung auf.

"Ein reiner Umschlagplatz für Leasingfahrzeuge überzeugt uns nicht", sagt Marie-Louise Puls, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen für die Kommunalwahl 2026. "Wir haben uns bereits intensiv Gedanken über eine gewerbliche und industrielle Nachnutzung gemacht und sehen gerade die Chance, auf dem Areal Industrie neu, innovativ, klima- und nachhaltigkeitsorientiert zu denken."

Die Fraktion unterstützt ausdrücklich die laufende Prüfung des städtischen Vorkaufsrechts und will deren Ergebnisse abwarten. Ein zentrales Anliegen ist der transparente Umgang mit möglichen Altlasten. Es sei davon auszugehen, dass Belastungen im Boden vorhanden sind, die bislang noch nicht vollständig erfasst wurden – insbesondere auch unter versiegelten Flächen.

"Sollte die Stadt den Kauf ernsthaft in Betracht ziehen, müssen die damit verbundenen Risiken sorgfältig geprüft und finanziell realistisch eingepreist werden", so Puls. "Nur so lassen sich langfristige Risiken für Fuldas Bürger und den städtischen Haushalt vermeiden."

SPD/Volt-Fraktion ist sich einig: Stadt muss einschreiten

Für die SPD/Volt-Fraktion antwortet deren Vorsitzender Jonathan Wulff auf unsere Anfrage: "Dass der Standort in Hinblick auf seine gute Erschließung als Umschlagplatz attraktiv ist, kann ich nachvollziehen. Für die Stadt wäre das aber sehr schlecht! Wir hätten weder nennenswerte Gewerbesteuereinnahmen zu erwarten, noch attraktive Arbeitsplätze. Ein zentraler Standort ginge damit für die Stadt und die ganze Region praktisch verloren!"

Wulff wird deutlich: "Die Stadt sollte unbedingt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen! Optimal wäre eine erneute industrielle Nutzung. Sollten sich keine Partner finden, die den Standort industriell nutzen möchten, wäre auch ein Mix an gewerblicher Nutzung und in den Randlagen vielleicht sogar Wohnbebauung denkbar."

Auch FDP will über zeitweise Übernahme nachdenken

Die FDP-Fraktion in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung freut sich darüber, dass hinsichtlich des Goodyear-Areals eine Entwicklung passiert und an dem Gelände Interesse besteht. "Trotz aller Freude über die Bewegung in dem Verfahren und in nicht umfassender Kenntnis der konkreten Hintergründe des Unternehmens scheint hier das in der Innenstadt gelegene und für Industrie- und Gewerbe vorgesehene Grundstück damit erheblich unter seinem Nutzwert für die weitere Verwendung vorgesehen zu sein", teilt der FDP-Fraktionsvorsitzende Michael Grosch mit.

Weiter meint er: "Nach Ansicht unserer Fraktion ist die Veräußerung nur dann im Sinne einer Entwicklung der Stadt Fulda sinnvoll, wenn daraus eine lokale Wertschöpfung entstehen würde, heißt letztlich die Schaffung von vielen und qualifizierten Arbeitsplätzen und die Erzielung von Steuereinnahmen."

Daher solle über eine zeitweise Übernahme des Geländes durch die Stadt Fulda nachgedacht werden, um für das Gelände eine für die Stadt Fulda sinnvolle Entwicklung zu sichern und gegebenenfalls zu entwickeln; dies sollte jedoch nur unter Einbindung spezialisierter Projekt-Entwickler geschehen. "Dabei hat dies mit Blick auf Arbeitsplätze und Umsätze zu erfolgen, um auch für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger einen Vorteil zu erreichen und damit die Stadt weiter voranzubringen. Wichtig ist dabei, dass eine dauerhafte Übernahme durch die Stadt Fulda nicht beabsichtigt werden darf", so die FDP. Erstrebenswert sei eine künftige Nutzung als Industrie- und Gewerbestandort, welcher auch Anteile von Handel und Wohnen vorsehen kann. Im Vordergrund müsse jedoch eine wirtschaftlich tragfähige Entwicklung stehen, die Arbeitsplätze schafft und unsere Stadt weiterentwickelt.

AfD: Die bequemste, aber nicht die beste Lösung

Für Frank Schüssler, stellvertretender Vorsitzender der AfD-Stadtfraktion Fulda, ist klar: "Ein Auto-Umschlagplatz wäre die bequemste, aber unter Umständen nicht die beste Lösung für Fulda. Um diese Frage beantworten zu können, ist es letztlich notwendig, zuvor das genaue Nutzungskonzept des Investors zu erfahren. Ein reiner Stellplatz für Fahrzeuge wäre etwas anderes als ein komplettes Logistik-Hub inklusive Verwaltung und Werksflächen sowie der damit einhergehenden Schaffung von Arbeitsplätzen."

Vor diesem Hintergrund hält die AfD-Stadtfraktion es für notwendig, das kommunale Vorkaufsrecht ernsthaft zu prüfen. Voraussetzung dafür sind ein tragfähiges Nutzungskonzept, eine realistische Finanzierung und eine ehrliche Risikobewertung. Dabei ist insbesondere die mögliche Altlastenproblematik zu berücksichtigen, da durch die über hundertjährige industrielle Nutzung des Areals eine Bodenbelastung relativ wahrscheinlich erscheint.

Insgesamt drei Monate bleiben der Stadt, um eine Entscheidung zu fällen. In den kommenden Tagen und Wochen sollen die politischen Gremien über das weitere Vorgehen beraten. (mmb) +++

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