✕

So geht's am Marktplatz weiter

Drei Monate nach Großbrand: Der Abriss beginnt bald

Abriss unvermeidbar: Hinter der Fassade werden die immensen Schäden auch am ehemaligen Hotel Schüz (links im Bild) sichtbar.
Fotos: Christoph Blum

03.11.2026 / LAUTERBACH - Gut 13 Wochen nach dem Großbrand in der Lauterbacher Altstadt haben Arbeiter am Marktplatz begonnen, die Baustelle einzurichten. Die Häuser Marktplatz 39 mit dem ehemaligen Restaurant Agbaba und 41, das ehemalige Hotel Schüz, werden abgerissen. Doch etwas soll gerettet werden: die Fachwerkfassade von Nummer 39 aus dem 17. Jahrhundert.



Von vorn sieht das ehemalige Hotel Schüz aus, als hätte es nur ein paar Dachziegel verloren. Weißer Putz, die Fenster in Reih und Glied, ein paar Folien hinter den Scheiben. Doch der Eindruck täuscht. "Man sieht von hier aus relativ wenig", sagt Bauamtsleiter Jörg Saller im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Er und zeigt auf Drohnenbilder, die die Stadt zum Herbstmarkt ausgehängt hatte. Darauf ist zu erkennen, was hinter der Fassade übrig ist: kaum etwas. Der rückwärtige Teil ist bereits in sich zusammengesackt – der Rest gilt als nicht mehr standsicher. Betreten durfte das Gebäude in den vergangenen Wochen niemand mehr. Nebenan ist es umgekehrt. Das Fachwerkhaus Nummer 39 mit den verkohlten Fensterhöhlen sieht aus wie eine Ruine – seine Fassade aber soll rekonstruiert werden.

Erst die Fassade, dann der Rest

Seit Montag steht ein Bagger der Abbruchfirma Archinal mit Greifarm vor der Häuserzeile, daneben ein Lkw für den Abtransport. Angeliefert und abgefahren wird über den Landsknechtsweg. Die Fassade von Nummer 39 wird fachgerecht abgebaut, um sie später wieder aufzustellen, "im Prinzip so, wie sie jetzt auch da ist", sagt Saller, gegebenenfalls mit Anpassungen, wenn es denkmalgerecht erforderlich sei. Ein historisches Treppenhaus im Inneren hätte die Denkmalpflege gern ebenfalls erhalten. Es habe sich jedoch um 20 bis 30 Zentimeter abgesenkt und ist nun komplett verzogen. "Was das Feuer nicht geschafft hat, hat dann der Löschwassereinsatz erledigt", erklärt Saller.

Das Hauptgebäude des Hotels Schüz und der Zwischenbau werden dagegen komplett dem Erdboden gleich gemacht – "bis runter auf das Niveau des Marktplatzes." Beide Häuser werden parallel abgetragen. Denn, so Saller: "Fängt man auf einer Seite an, würde das andere Gebäude in die Lücke kippen." Stehen bleiben die beiden Nachbarhäuser: Nummer 43, in der das Sanitätshaus Fendel war, und Nummer 37 mit dem ehemaligen Optiker Neusehland. Dort sind feuchte und brandgeschädigte Teile bereits entfernt, Dach und Fassade notdürftig abgedichtet. Ein Zimmermann soll parallel zum Abriss mit der Sanierung beginnen.

Kein Umdrücken: Rücksicht auf Gewölbekeller und Nachbarschaft

Ein einfaches Umdrücken der Häuser ist ausgeschlossen. Hinter ihnen liegt der Obere Graben, darunter Gewölbekeller. Schutzgerüste und Netze sichern den rückwärtigen Bereich, eine Wasserleitung soll den Staub binden. Die Giebelspitze von Nummer 39 musste schon vorab teilweise abgenommen werden, weil sie auf die Straße zu stürzen drohte. Per 3D-Laserscan haben die Fachleute zudem einen digitalen Zwilling des gesamten Umfelds erstellt, damit sich spätere Schäden eindeutig zuordnen lassen. Den Schutt sortiert man vor Ort vor, endgültig dann auf einer angemieteten Fläche Richtung Bahnhof.

Diese Woche Vorbereitung, ab Montag Abriss

Wie die Reihenfolge aussieht, erklärt der Polier der Firma Archinal, der auch selbst am Bagger sitzt. Zuerst werden Baggermatratzen mit Vlies und Sand ausgelegt, damit das Pflaster keinen Schaden nimmt. Dann nimmt die Zimmerei Feuerfeil die Fachwerkteile ab, die wieder aufgebaut werden sollen. Erst wenn das Haus bis zum oberen Stockwerk abgetragen ist, rückt der eigentliche Abrissbagger an: ein rund 100 Tonnen schweres Gerät mit langem Ausleger, ein sogenannter Longfront-Bagger. Anders gehe es aus Sicherheitsgründen nicht. "Diese Woche ist nur Vorbereitung", sagt der Polier. "Und dann, am Montag geht’s richtig los." Vieles ergibt sich ad hoc. "Wie genau alles abläuft, das entscheiden die teilweise wirklich erst beim Machen", sagt Saller.

Kein Bescheid, sondern Gutachten

Angeordnet hat den Abriss keine Behörde. Bürgermeister Holger Marx hatte schon kurz nach dem Brand einen runden Tisch mit Fachleuten und Eigentümern einberufen. Gutachten zeigten dann, dass bei den beiden Häusern außer der Fassade des Hauses, in der das Feuer ausbrach nichts mehr zu erhalten ist. Das Rückbaukonzept des Lauterbacher Ingenieurbüros `bauart` wurde mit Planern, dem Statiker sowie den Sachverständigen der Versicherungen abgestimmt und vergangene Woche von der Bauaufsicht sowie der Unteren und Oberen Denkmalbehörde genehmigt. Bis Freitag gaben Versicherer und Eigentümer dann den Auftrag frei. Was der Abriss indes kostet, weiß die Stadt nicht. "Das läuft ganz autark über die Versicherer und die Eigentümer", sagt Saller.

Die Denkmalpflege begleitet das Geschehen seit dem verhängnisvollen Abend des 29. Juli. Sämtliche betroffenen Häuser sind Einzelkulturdenkmäler und die Entscheidung, die Fassade von Nummer 39 zu retten, fiel dabei im Konsens mit Bürgermeister und Denkmalschutz. Auch das Konzept für den Wiederaufbau wird mit der Behörde und der Stadt abgestimmt. Saller hofft, dass am Ende alles wieder vollständig dasteht, "vielleicht besser als vorher".

Brandursache: Die Ermittler warten auf den Bagger

Nach wie vor gilt: Das Feuer brach im ersten Obergeschoss von Nummer 39 aus. Das sei auch der Stand der kriminaltechnischen Untersuchung, sagt Saller. Hinein durfte dort seit Wochen niemand – zu groß die Einsturzgefahr. Erst wenn der Abriss bis auf Höhe des Obergeschosses vorangekommen ist, kann der Brandsachverständige gefahrlos von hinten heran und seine Untersuchungen fortsetzen. Saller rechnet damit in den nächsten 14 Tagen. Wie weit die Kriminalpolizei mit ihren Ermittlungen ist, wisse die Stadt nicht. Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Brandstiftung gebe es nicht, hatte die Polizei Anfang August mitgeteilt. Ob ein technischer Defekt oder Fahrlässigkeit dahintersteckt, ist offen. Nicht beantwortet wurde auch wie die Frage, ob zum Zeitpunkt des Ausbruchs jemand in der Wohnung war oder nicht.

Die Eigentümer wollen wieder aufbauen

Drei Eigentümer haben mit den Folgen zu kämpfen. "Alle wollen wieder aufbauen", sagt Saller. "Aber es muss natürlich auch finanziert werden." Die Stadt hatte angeregt, die Häuser als gemeinsames Projekt zu denken. Gestalterisch werde man das tun. Bauen aber wolle jeder Eigentümer für sich. Für das ehemalige Hotel Schüz laufen die Planungen bereits, für das Haus nebenan (Nr. 39) soll der Versicherer demnächst einen Auftrag vergeben. Positiv geschätzt, könnte der Wiederaufbau zwei Jahre dauern, weil die Häuser nur bedingt parallel entstehen können.

Und was meinte Bürgermeister Marx, als er sagte, danach werde nichts mehr so sein, wie es war? Saller übersetzt: "Wir wollen im Prinzip wieder ein geschlossenes Stadtbild haben, in einer für alle Bürger verträglichen Silhouette. Eins zu eins wieder aufbauen können wir aber nicht, weil heute andere bau- und brandschutzrechtliche Vorschriften gelten."

Brandriegel als Lehre für die Altstadt

Kann so etwas wieder passieren? Viel vorschreiben kann die Stadt in privaten Häusern nicht. Die Bauaufsicht werde bei künftigen Bauanträgen aber genau hinschauen, sagt Saller. Auch die Feuerwehr, für die der Einsatz eine enorme Herausforderung war, überlege, wie sich ein solches Feuer schon im Entstehen verhindern lasse, etwa mit Brandriegeln, die man nachrüsten oder verstärken könnte. "Das wird die Zukunft bringen."

Ein frommer Wunsch zu Weihnachten

Für die Geschäftsleute am Marktplatz ist die Baustelle die nächste Durststrecke. Der Platz ist im Bereich der Brandhäuser komplett gesperrt, ebenso der Landsknechtsweg und die "kleine Bahnhofstraße" ab der Hintergasse. Alle Läden seien aber erreichbar, betont Marx: "Das war uns besonders wichtig. Alle Zugänge zu den Läden sind frei und auf kurzen Wegen durch die dahinterliegenden Gassen kommt man schnell überall hin." Zusammen mit dem Stadtmarketing wolle man den Händlern mit Aktionen helfen. Sein Appell: "Kommt in die Innenstadt und unterstützt die örtlichen Läden."

Bis Weihnachten soll die Baustelle möglichst wieder verschwunden sein. "Das haben wir aber leider nicht in der Hand", räumt Marx ein. Saller nennt es einen "frommen Wunsch". (Christoph Blum)+++

Feuer in der historischen Altstadt - weitere Artikel

↓↓ alle 19 Artikel anzeigen ↓↓

X