Völlig neue Tatversion

War es doch Notwehr oder Totschlag? - Angeklagter gesteht umfänglich

Der Angeklagte und sein Verteidiger
Fotos: Rene Kunze

04.02.2026 / FULDA - Ein 51 Jahre alter Handwerker steht wegen zweifachen Mordes vor dem Landgericht Fulda. Ihm wird vorgeworfen, in Wildeck-Richelsdorf im Juni 2025 eine 63-jährige Frau und ihren 67-jährigen Mann aus Habgier erstochen zu haben. Am Dienstag sprach nun der Angeklagte. Sein bereits mit Spannung erwartetes Geständnis nahm bei der Verhandlung am Dienstag fast zwei Stunden in Anspruch und ließ an Detailliertheit nicht zu wünschen übrig. Die Tatversion des 51-Jährigen weicht allerdings massiv von der der Anklage ab, obwohl er die Tötung des Ehepaars unumwunden einräumte.


Er kenne die Eheleute bereits seit fast zehn Jahren, begann der Angeklagte sein Geständnis, habe immer wieder handwerkliche Aufträge in ihrem Haus ausgeführt. Das Verhältnis zu ihnen sei freundlich gewesen. Während der Ehemann leicht aufbrausend gewesen sei, habe sich die Frau wirklich für ihn interessiert und ihn immer wieder nach seinen Kindern gefragt, die er nach seiner Scheidung sieben Jahre lang nicht gesehen hätte. Am Tattag sei er zu ihnen gefahren, weil er im Haus Fenster ausmessen wollte. Diesen Auftrag hätte er ohne Wissen seines Chefs schwarz ausführen wollen, weil dieser dem Ehepaar einen zu hohen Kostenvoranschlag unterbreitet habe. Sein eigenes Angebot sei deutlich günstiger ausgefallen, man sei sich schnell einig geworden.

Schwarz gearbeitet

An diesem Samstagabend habe er zu seiner Freundin nach Suhl fahren wollen, weil deren Sohn Geburtstag hatte. In Richelsdorf angekommen seien außer den Fenstern noch weitere Reparaturen im Haus thematisiert worden, darunter eine schiefe Wand, neue Fliesen und ein Waschbecken in einem Nebenraum. Der Hausbesitzer wollte außerdem eine neue Mischbatterie haben und sprach darüber, dass die Küche erneuert werden sollte. Das wollten ihm aber die Ehefrau und der 51-Jährige ausreden, weil das in ihren Augen überflüssig war. Darüber sei der Hausherr aufgebracht gewesen, er habe es nicht gemocht, wenn man ihm widersprach, so der Angeklagte.

"Das war mein Fehler!"

Weil dem Hausherrn bekannt war, dass der Handwerker ein gebrauchtes Moped suchte, bot er ihm seins zum Verkauf an, was dieser aber ablehnte. In der Garage stand auch ein fahrbarer Krankenstuhl, von dem der 51-Jährige wusste, dass sein Chef ihn dem 67-Jährigen seinerzeit verkauft hatte. Als ihm auch dieser zum Kauf angeboten wurde, sei ihm der Satz: 'Mit dem geklauten Ding fahr ich nicht rum!' herausgeplatzt. "Das war mein Fehler, da heizte sich alles auf", erklärte der 51-Jährige vor Gericht. Auf die Nachfragen des Ehepaars, was das bedeuten solle, erklärte er, sein Chef habe dieses Elektromobil aus einem Nachlass gestohlen und dann weiterverkauft. Damit aber nicht genug, er habe das Ehepaar anschließend über weitere Betrügereien seines Chefs informiert. Abrechnungen seien falsch gewesen, Material doppelt berechnet oder das von den Kunden bezahlte Bau-Material, das nicht benötigt worden sei, wieder mitgenommen worden "Ich leide schon lange unter diesen betrügerischen Praktiken, ich musste mir einfach mal Luft machen", so der Angeklagte, der freimütig bekannte, nicht legal dort gearbeitet zu haben, sondern schwarz und deshalb bar bezahlt worden zu sein Über diese Eröffnungen sei das Ehepaar sehr schockiert gewesen, der Mann habe sich besonders empört. "So ein Betrüger", habe er immer wieder gesagt.

"Du bist genauso ein Verbrecher wie dein Chef!"

Als er endlich habe gehen wollen, gab es eine neue Missstimmung, denn der Hausherr hatte mit einem baldigen Einbau der bestellten Fenster gerechnet, doch der Handwerker erklärte ihm, das sei nicht möglich, die müssten erst bestellt werden und er habe erst noch Urlaub. Dessen Reaktion war heftig: "Du bist genauso ein Verbrecher wie dein Chef", habe der 67-Jährige gebrüllt und ihm unvermittelt mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. "Daraufhin habe ich ihn weggeschubst, er wollte mich runterziehen und wir stürzten beide in die Getränkekisten, die sich in dem kleinen Abstellraum befanden", so der 51-Jährige. In diesem Handgemenge sei auch die Frau auf ihn losgegangen, die er ebenfalls weggestoßen habe. Sie sei mit dem Kopf an die Tür und dann auf die Fliesen aufgeschlagen und habe sich für einen Moment nicht mehr gerührt. Ihr entsetzter Mann habe laut nach ihr geschrien und plötzlich ein Küchenmesser, das auf dem Tisch gelegen habe, in der Hand gehabt. Das habe er ihm zwar abgenommen, aber dieser habe ihm dann seine Hand ins Gesicht gedrückt. "Ich kriegte keine Luft mehr, er lag schwer auf mir drauf, da bin ich in Panik geraten und habe mehrfach auf seinen Rücken eingestochen. Die ebenfalls am Boden liegende Frau habe nach ihm 'gebatscht', da habe er auch auf sie eingestochen, bis sie sich nicht mehr regte.

Weil er voller Blut gewesen sei, sei er schließlich ins Schlafzimmer der Eheleute gegangen und habe sich dort eine Jacke aus dem Schrank genommen und sei nach Hause gefahren, nachdem er den Sohn im Haus eingeschlossen hatte. Minutiös und sehr detailliert schilderte der Angeklagte schließlich sein Nachtatverhalten: wie er die beiden Leichen in einen Anhänger geschleppt und in den Wald transportiert und dort versteckt habe. "Ich war völlig durcheinander, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wer hätte mir denn diese Geschichte geglaubt?", fragte er.

Der Prozess am Landgericht wird am 4. Februar um 9:30 Uhr fortgesetzt. (Carla Ihle-Becker)+++

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