Familienbande und Liebesgeschichten

Probenauftakt der Bad Hersfelder Festspiele mit Charlotte Schwab als König Lear

Das Ensemble mit Bad Hersfelds Bürgermeisterin Anke Hofman (vorne, dritte von links) und Intendant Joern Hinkel (vorne, vierter von links)
Fotos: Carina Jirsch

17.05.2023 / BAD HERSFELD - Mit der Ankunft der Festspiel-Darsteller beginnt in Bad Hersfeld alljährlich eine besondere Zeit. Sie bringen die großen Dramen, Komödien und Liebesgeschichten des Theaters auf die Bühne der Stiftsruine, und ein Stück weite Welt in die Stadt. Am Dienstagmorgen war es so weit: Mit der ersten Leseprobe zu Shakespeares König Lear in der Probenhalle im Kurpark gaben Regisseurin Tina Lanik und ihr Ensemble rund um Hauptdarstellerin Charlotte Schwab den inoffiziellen Auftakt der 72. Spielzeit.



Die Rückkehr der Festspiel-Darsteller ist für viele Bad Hersfelder stets auch wie die Rückkehr einer großen Theaterfamilie. Letzteres ein Bild, das für Intendant Joern Hinkel auch sehr gut zu König Lear passt. "Sie haben hier eine ganz besondere Familie vor sich sitzen. Eine monströse", sagt er zu Beginn des Pressetermins am Dienstag. Denn Shakespeares großes Drama behandelt neben der schicksalhaften Verknüpfung zweier Familien auch die Frage nach und das Ringen um Macht. 

König Lear (gespielt von Charlotte Schwab) möchte sein Land und seine Herrschaft an seine Töchter abgeben. Bedingung dafür: Sie sollen ihre absolute Hingabe gegenüber dem Vater beweisen. Seinen zwei ältesten Töchtern, Goneril (Katrin Röver, die leider nicht anwesend sein konnte) und Regan (Nora Buzalka), gelingt es, ihn mit Worten von ihrer Liebe zu überzeugen, doch Cordelia (Friederike Ott), die das unehrliche Spiel nicht mitspielen möchte, wird verbannt. Parallel dazu verläuft das Drama um Gloucester (Max Herbrechter) und seine beiden Söhne Edmund (Phillip Brehl) und Edgar (Bijan Zamani): Edmund möchte ohne jeden Skrupel das Erbe seines Vaters an sich reißen, für seinen Bruder Edgar hingegen stehen ganz andere Werte - Gerechtigkeit, Güte und Vergebung - an oberster Stelle. Während an falschen Liebesschwüren und Gier dreier Kinder die Familien und das Land zerbrechen, entwickelt sich eine weitere, eine weitaus hoffnungsvollere Geschichte um Cordelia und Edgar. 


Bereits zum fünften Mal in Bad Hersfeld

Für Hinkel liegt hier einer der besonderen Reize des Bühnenwerkes, welches in diesem Jahr bereits zum fünften Mal auf der Hersfelder Festspielbühne inszeniert wird. Denn neben Machtkämpfen werde hier vor allem der Kontrast von "Zwangsverwandtschaft", also der, die wir uns nicht aussuchen können, und "Wunschverwandtschaft", der Menschen, mit denen wir uns umgeben möchten, aufgezeigt. Ein Stoff so zeitlos, dass Shakespeare ihn in der heutigen Zeit genauso gut für HBO oder Netflix hätte schreiben können. 

Neben dem Familiendrama ist die Hersfelder Inszenierung im Jahr 2023 auch eine Liebesgeschichte, nämlich die einer Regisseurin mit dem Stück und seiner Besetzung. "König Lear ist etwas, was man einmal im Leben als Regisseurin machen will", sagt Spielleiterin Tina Larik am Dienstagvormittag. Sie inszeniert das Werk in diesem Jahr mit einigen Überraschungen. So besetzte sie die Rolle des König Lear mit Schauspielerin Charlotte Schwab, die den Regenten auch tatsächlich als Mann darstellen wird. Die beiden Frauen haben bereits in der Vergangenheit an gemeinsamen Bühnenprojekten gearbeitet, zudem sieht Lanik in der Siebzigjährigen die richtige Darstellerin, um diese mächtige Männerrolle auf eine neue Ebene zu heben. Und noch eine eigentlich männlich angelegte Rolle wird weiblich besetzt - und das gleich mehrfach: Statt eines Narren verkörpern Anna Gränzer, Bettina Hauenschild und Beatrix Doderer gleich drei Närrinnen und sorgen sowohl für Momente der Unterhaltung, als auch Momente, die zum Nachdenken anregen. 

In unserem Videobeitrag erhalten Sie einen ersten Eindruck der Leseprobe am Dienstag und erfahren mehr über die Darsteller und ihre Erwartungen für die neue Spielzeit. König Lear feiert am 30. Juni als erstes Stück der 72. Bad Hersfelder Festspiele seine Premiere. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++

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