Bestattungskultur im Wandel
Trauer braucht einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen
Fotos: Hannes Mayer
18.08.2026 / FULDA -
"Trauer ist schwierig und kann Menschen zerreißen – aber der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Die Angebote von Bestattern, von Seelsorgern und Trauerbegleitern machen es möglich, mit Trauer zu leben, ohne darin unterzugehen. Das Besondere der Trauerarbeit ist, in dem Moment, in dem man sich befindet, etwas abschließen zu können. Das heißt nicht, dass man etwas aus dem Herzen verliert. " (Felix Statt, Bestattungsunternehmen Storch)
Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben mit Felix Statt, Inhaber und Ansprechpartner im Bestattungsunternehmen Storch, gesprochen.
Herr Statt, wie kommen Sie bei einem Todesfall in Kontakt mit den Hinterbliebenen?
Felix Statt: Nachdem der Tod eingetreten ist, bricht über den Menschen in den meisten Fällen ein ganzes Kartenhaus zusammen. Wir sind 24 Stunden, jeden Tag, auch an Feiertagen, als erster Ansprechpartner für die Trauernden da. Wir wissen, welche Schritte gegangen werden müssen, wer kontaktiert werden muss. In der Regel melden sich die Angehörigen bei uns, bevor der Arzt den Leichenschauschein ausgestellt hat.
Sie bekommen also – unter Umständen mitten in der Nacht – den Anruf, dass jemand verstorben ist. Und dann?
Felix Statt: Im ersten Schritt wird ein Arzt beauftragt, um den Leichenschauschein auszustellen. Meist wissen die Leute nicht, wer zuständig ist. Die Hausärzte erreicht man oft nicht sofort. Aber der Leichenschauschein muss ja auch nicht sofort ausgestellt werden. Und wenn es dringlich ist, darf das der ärztliche Bereitschaftsdienst tun. Im nächsten Schritt wird bei christlichen Familien ein Priester für die Aussegnung gerufen. Auch da gibt es Notrufnummern. Erst danach frage ich, ob der oder die Verstorbene sofort abgeholt werden soll, oder ob dafür noch nicht der richtige Zeitpunkt ist.
Früher wurden die Verstorbenen zu Hause von den engeren Angehörigen gewaschen und frisch eingekleidet. Wird das heute alles vom Bestattungsunternehmen übernommen?
Felix Statt: Nein. Wir können das alles übernehmen, wenn das von der trauernden Familie so gewünscht ist. Aber unsere Räume sind so gestaltet, dass die Angehörigen das auf Wunsch hier selbst machen können. Wir assistieren, leiten an, übernehmen die Aufgaben auf Wunsch gar nicht, teilweise, weitgehend oder vollständig. Es ist ein unglaublicher Segen, dass wir diesen letzten Dienst der Familien an ihren Verstorbenen begleiten dürfen. Wir sind da, wenn Fragen aufkommen, und wir erklären auch die ersten Veränderungen, die mit dem Körper passieren, die natürlichen Vorgänge, die manchmal Angst machen.
Felix Statt: Meine Aufgabe als Bestatter ist es, den Trauernden alle Verwaltungs- und Organisationsaufgaben abzunehmen und für das Gespräch bereitzustehen. Das Gespräch mit mir ist das, was im Trauerfall in den nächsten Tagen arbeiten soll. Wir kümmern uns um den digitalen Nachlass, leiten die Auflösung von Konten im Online-Shopping, bei Banken und in sozialen Medien in die Wege und beantragen die Löschung personenbezogener Daten. Wir wählen mit den Angehörigen die passende Grabstätte aus. Kommunale Friedhöfe und Alternativen, private Park- und Waldanlagen haben alle ihre eigenen Vorgaben und Regeln. Wir kümmern uns um die Abmeldung von Renten, kündigen Vereinsmitgliedschaften, melden den Todesfall an Unternehmen und Behörden und kontaktieren Versicherungsträger und mehr.
Und dann müssen noch Freunde, Angehörige und Bekannte informiert werden. Wie werden Trauerfälle aktuell kommuniziert? Schalten Trauerfamilien noch Traueranzeigen in den Printmedien?
Felix Statt: In vielen Familien gehört das noch dazu, ja. Aber es gibt auch Familien, die auf Veröffentlichungen ganz verzichten. Manchmal werden individuelle Trauerkarten an die Betreffenden per Post versendet. Die gestalten wir zusammen mit der Familie und drucken sie in unserer eigenen Druckerei hier im Haus aus. Oder wir gestalten den Angehörigen ein Trauersheet, das sie per E-Mail oder WhatsApp verschicken können.
Sie begleiten und übernehmen aber nicht nur Verwaltungsaufgaben, sondern helfen auch bei der Trauerbewältigung. Hat sich da in den letzten Jahrzehnten etwas verändert?
Felix Statt: Die Bestattungskultur ist allgemein im Wandel. Man sagt zwar immer, dass der Tod aus der Gesellschaft verschwunden sei, aber das ist nicht wirklich so. Der Umgang mit dem Tod hat sich etwas geändert. Das Thema hat sich ins Private verschoben, ist weniger öffentlich als das früher war. Menschen sind sich der Endlichkeit bewusst. Ich sehe immer wieder, dass sich Menschen nach einer neuen Bestattungskultur und einer Liberalisierung sehnen. Und ich sehe, dass die Menschen durch die Aufklärung, die die öffentliche Hand leistet, oft ganz gut vorbereitet sind. Es gibt beispielsweise Patientenverfügungen, Sterbegeldversicherungen, Bestattungswünsche sind zumindest grob besprochen worden.
Was erleben Sie in Ihrer Arbeit mit trauernden Angehörigen immer wieder als wichtiges Thema?
Felix Statt: Es ist für Menschen unglaublich wichtig, dass sie einen Ort für die Trauer haben. Ich habe in der Vergangenheit öfters erlebt, dass die Entscheidung für eine anonyme Bestattung für die Angehörigen schwierig sein kann. Es gibt Anbieter für anonyme Bestattungen, die die Anwesenheit der Trauernden bei der Bestattung selbst ausschließen. Ich kann mir vorstellen, dass ein digitaler Treffpunkt wie das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS die ein oder andere Situation erleichtert. Trotzdem denke ich, dass es ein Beiwerk zum eigentlichen Ort der Trauer ist. An einen physischen Ort kann man bewusst hingehen und Zeit verbringen, vielleicht auch im Zwiegespräch mit seinem Liebsten.
Früher haben Menschen, die aufgrund einer Krankheit wussten, dass sie dem Tod nahe sind, noch eine Kassette mit ihrer Stimme aufgenommen …
Felix Statt: Ja. Und um die Jahrtausendwende gab es den Trend, aus den Haaren der verstorbenen Geliebten eine Kette anfertigen zu lassen, die dann getragen wurde. Noch einige Jahrzehnte früher wurden eine Locke oder kürzere Haarsträhnen zusammen mit einem Bild in einem Medaillon aufbewahrt. Heute gibt es die Diamantbestattung. Aus der Asche, die nach einer Kremation bleibt, wird ein Schmuckstein gepresst. Das ist ein Industriediamant, der ganz dezent getragen werden kann. Das macht ein Institut in der Schweiz.
Es gibt inzwischen die Möglichkeit, KI-Systeme zu trainieren, dass sie wie ein Mensch agieren. Das kann genutzt werden, um den Hinterbliebenen nach dem Tod der Person eine bleibende Erinnerung zu geben.
Felix Statt: Psychologen haben vor diesen Experimenten immer gewarnt. Denn was so ein KI-System am Ende darstellt, sind Erinnerungen, die einmal waren, die nach hinten gerichtet sind. Es kann im ersten Moment tröstlich erscheinen, noch einmal die Stimme zu hören, noch einmal auf dem Bildschirm das Gesicht zu sehen. Aber das ist auf Dauer nicht sinnvoll, denn das impliziert keinen Abschied. Trauer hat immer etwas mit Abschied zu tun. Trauer ist schwierig und kann Menschen zerreißen – aber der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Die Angebote von Bestattern, von Seelsorgern und Trauerbegleitern machen es möglich, mit Trauer zu leben, ohne darin unterzugehen. Das Besondere der Trauerarbeit ist, in dem Moment, in dem man sich befindet, etwas abschließen zu können. Das heißt nicht, dass man etwas aus dem Herzen verliert.
Das O|N Trauerportal bietet die Möglichkeit, eine digitale Kerze anzuzünden und ein paar nette Worte dazulassen. Wie sehen Sie das Angebot im Kontext zunehmender Digitalisierung und des Wandels innerhalb der Trauerkultur?
Felix Statt: Die Möglichkeit, im Trauerportal einfach mal eine Kerze anzuzünden, einen Gruß dazulassen – das ist schon gut, das kann eine Brücke zu anderen Trauernden sein. Das ist trotzdem immer nur Beiwerk, ein nettes Extra, es ersetzt nie den Kontakt zu anderen Trauernden. Es ist für Menschen unglaublich wichtig, dass sie einen Ort für die Trauer haben. Ich habe in der Vergangenheit öfters erlebt, dass die Entscheidung für eine anonyme Bestattung für die Angehörigen schwierig sein kann. Es gibt Anbieter für anonyme Bestattungen, die die Anwesenheit der Trauernden bei der Bestattung selbst ausschließen. Die Trauernden wissen dann gar nicht, wo das Grab ist – sie wissen nur, dass die Bestattung auf dem Friedhof stattgefunden hat. Das reicht auf Dauer nicht aus. Ich kann mir vorstellen, dass ein digitaler Treffpunkt wie das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS die ein oder andere Situation dann erleichtert. Wie die Erstellung von Traueranzeigen für die Printmedien, die Erstellung eines digitalen Sheets und dergleichen gehört das O|N Trauerportal zu den Services, die wir den Hinterbliebenen anbieten. Auf Wunsch legen wir die digitale Gedenkseite an und erklären die Bedienung der Seite – das ist ganz einfach zu pflegen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Statt! Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de. (mbw) +++