Neugier führt in Ausbildung
"Ich wollte wissen, wie Trauerfeiern außerhalb von Religion funktionieren."
Fotos: Erik Spiegel
29.09.2026 / FULDA -
"Natürlich spielt auch die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod eine Rolle, ein Leben mit Jesus, mit Gott – das wünsche ich mir. Aber ich habe eben auch erlebt, dass Menschen das nicht unbedingt so annehmen oder mitfühlen für sich. Manche kennen den zuständigen Pfarrer gar nicht, sind nicht in der Gemeinde verankert. Trotzdem wollen sie gut begleitet sein – das kann ein freier Trauerredner machen, glaube ich." (Juliane Peffermann, freie Trauerrednerin in Ausbildung)
Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle zu verarbeiten? Wir haben mit Juliane Peffermann, freier Trauerrednerin in Ausbildung, über ihre Ausbildung gesprochen.
Frau Peffermann, Sie haben Religionspädagogik studiert, haben selbst katholische Religion an Grundschulen unterrichtet, sind auch jetzt im Dienst des Bistums – warum lassen Sie sich zur freien Trauerrednerin ausbilden?
Juliane Peffermann: Das ist ganz einfach – ich war neugierig. Mich interessiert, wie man eine Beisetzung außerhalb von Religion und ganz ohne religiösen Kontext begleiten kann. Also habe ich ein bisschen recherchiert und bin auf die Ausbildung gestoßen. Der Tod war von Kindheit an für mich immer präsent. Ich weiß noch genau, wie mir meine Mutter vom ersten Sterbefall in der Familie berichtet hat, wie wichtig es war, dass darüber gesprochen wurde. Das wurde nicht tabuisiert. Als beispielsweise mein Opa starb, war der noch für 24 Stunden auf dem Sofa. Ich habe noch Bilder, auf denen ich so etwa acht oder neun Jahre alt bin und der tote Opa auf dem Sofa liegt. Das war meine erste Begegnung mit dem Sterben, an die ich mich gut erinnere. Die Begegnung war ganz angstfrei. Das war nicht mit dramatischen Szenen verbunden, und ich glaube, das Gefühl habe ich im Herzen behalten. Irgendwann kam das Studium Religionspädagogik dazu, aus der christlichen Prägung heraus. Kinder erleben den Tod heute nicht mehr selbstverständlich als Teil des Lebens. Das habe ich immer wieder gemerkt, wenn das Thema Tod auf dem Lehrplan stand und ich die Eltern informiert habe, dass der Besuch eines Friedhofs dazugehört.
Sie sind selbst aber stark christlich geprägt?
Juliane Peffermann: Ja, das bin ich. Aber ich bin ja nicht das Maß aller Dinge. Der Bezug zur Kirche geht oft verloren, die Menschen sind nicht mehr so gläubig. Trotzdem ist im Trauerfall eine gute Begleitung wichtig und gefragt. Das ist für mich kein Widerspruch. Dass Menschen sich von den Kirchen nicht mehr abgeholt fühlen, ist einfach so. Deshalb haben sie ja trotzdem den Anspruch und das Recht, in Würde und nach ihren Vorstellungen Abschied zu nehmen. Und so paradox das klingt: Oft sind religiöse Elemente dabei. Die Lieder, die für die Trauerfeier ausgesucht werden, der Rahmen – das ist gar nicht so verschieden. Meine Ausbilderin erzählte anekdotisch, dass sie gelegentlich gebeten wird, das "Vater unser" zu sprechen, wenn die Urne in die Erde versenkt wird.
Die Menschen wollen keine christliche Trauerfeier, fragen bewusst freie Redner an, aber dann sollen Gebete gesprochen werden?
Juliane Peffermann: Ich finde das nicht schlimm. Wir brauchen die festen Strukturen, die im christlichen Kontext für die Trauerfeier entwickelt wurden, weil das Halt gibt. Da sehe ich eher die Aufgabe, neue Strukturen und Rituale ohne religiöse Elemente zu finden, neue Formen zu entwickeln. Und freie Trauerredner werden ja nicht nur angefragt, wenn sich Menschen von der Kirche losgesagt haben. Es gibt auch in unserer Region viele Menschen, die keine kirchliche Zugehörigkeit haben. Auch da muss eine würdige Feier mit Inhalten möglich sein. Bei einer freien Beisetzung steht der Mensch im Mittelpunkt. Da werden gemeinsame Erlebnisse thematisiert, Liebe und Frieden, ohne die Einbettung in Gebete.
Sie lassen sich unabhängig von Ihrer Berufstätigkeit nebenbei ausbilden – wie haben Sie Ihren Ausbildungsplatz gefunden?
Juliane Peffermann: Für mich war immer wichtig, über den Tellerrand hinauszuschauen. Den katholischen Kontext kenne ich ziemlich gut, das ist der Alltag, den ich erlebe. Dazu gibt es auch viel Literatur. In der Ausbildung will ich schauen, welche anderen Möglichkeiten es gibt, und welche Rituale in Betracht kommen. Ich habe dann einfach mal ein bisschen im Internet gelesen, die Suchmaschine bemüht, und irgendwann hat mir der Algorithmus diese Ausbildung bei "Wertgeschätzt", einem Institut in Marburg, vorgeschlagen.
Wie erleben Sie Ihre Ausbildung? Welche Inhalte werden vermittelt, was genau lernen Sie?
Juliane Peffermann: Die Ausbildung spricht Menschen deutschlandweit an, viele Module sind online. Am Anfang wird an der persönlichen Einstellung gearbeitet. Denn das Ziel ist, den Trauernden mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Vermittelt wird nicht die Trauerbegleitung, wie sie beispielsweise die islamische Gemeinde anbietet, sondern die Gestaltung der Trauerfeier. Wenn sich abzeichnet, dass Personen keinen Rückhalt haben und Begleitung durch die Trauer benötigen, kann ich Selbsthilfegruppen und Portale empfehlen. In der Ausbildung lernen wir viel an Beispielen von sehr gelungenen Trauerreden. Wir lernen, wie man dezente Schmunzelmomente oder ein kleines Lachen einfließen lassen kann, um die schönen Momente im Leben zu würdigen. Es gibt Online-Aufgaben, die wir einreichen müssen und die bewertet werden, und wöchentliche Austauschrunden. Die Bildung einer angenehmen Redestimme wird trainiert, und wir haben immer wieder Übephasen, in denen wir Reden vor den anderen Ausbildenden halten. Das allgemeine Auftreten wird trainiert. Am Ende der Ausbildung kann ich ein IHK-Zertifikat ablegen. Die Ausbildung ist auf sechs bis neun Monate angelegt. Auch nach der Ausbildung gibt es noch Netzwerktreffen und die Möglichkeit zum Austausch. Meine Ausbilderin begleitet die ersten fünf Trauerreden, die jeder und jede Auszubildende schreibt und hält. Wenn sie sieht, dass man soweit ist, schlägt sie die Abschlussprüfung vor. Auch danach begleitet sie noch die nächsten drei Trauerreden.
Wie geht es nach der Ausbildung weiter – planen Sie, sich beruflich ein zweites Standbein aufzubauen?
Juliane Peffermann: Das weiß ich noch nicht. Mich hat das Thema jetzt erst einmal interessiert, deshalb mache ich die Ausbildung. Ich plane nicht, sofort nach der Ausbildung beruflich neu durchzustarten. Aktuell beschäftigt mich der Punkt im Gespräch mit den Angehörigen, an dem ich merke, dass es eigentlich nicht mehr um die Gestaltung der Trauerfeier geht, sondern die Menschen Trauerbegleitung brauchen. Das muss ich erstmal durchdenken. Und vielleicht hänge ich dann auch noch eine Ausbildung zur Trauerbegleitung an – das würde ich nicht ausschließen. Ein fester Plan ist das nicht, aber ich merke einfach, dass man während des grob zweistündigen Gesprächs zur Vorbereitung der Feier immer auch Trauerbegleitung ist. Man kann das also vielleicht gar nicht trennen.
Juliane Peffermann: Wir tabuisieren den Tod heute. Wir schauen viel zu sehr auf die positiven Statusmeldungen, kommunizieren nur das Schöne und Gute im Leben. Auch die Trauer kann positive Momente haben, ein Lichtblick sein – aber das muss man sehen können, und das passiert heute oft nicht mehr. Vieles wird heute ausgelagert, Tod und Trauer auch. Das tut der Gesellschaft nicht gut, da können innere Verletzungen und Traumata entstehen. Das O|N Trauerportal finde ich total gut, denn da entsteht ein Angebot, das den Tod und die Trauer ganz modern in den Alltag holt. In diesem Sinn finde ich auch die Interviewreihe sehr schön. Ungezwungen über diese Themen sprechen, Menschen über die verschiedenen Vorgänge und Möglichkeiten informieren – das ist einfach interessant und hilft. Das ist ein niedrigschwelliges Angebot, Menschen können sich hier spontan vernetzen. Und was ich besonders toll finde: Es bleibt. Ein Grab auf dem Friedhof wird irgendwann nicht mehr da sein, das Trauerportal ist in der Idee erstmal zeitlos.
Frau Peffermann, vielen Dank für das interessante Gespräch und die Einblicke in Ihre Ausbildung! Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de. (mbw) +++
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