In der Trauer nicht allein

"Das Anzünden einer Kerze geht über Konfessionen hinaus."

Wie neue, digitale Angebote wie das O|N Trauerportal die kirchliche Trauerbegleitung ergänzen können – darum ging es im Interview mit Stadtpfarrer Stefan Buß.
Fotos: Erik Spiegel

03.07.2026 / FULDA - "Das persönliche Gespräch und den Kontakt zu den Menschen werden wir immer brauchen. Gespräche mit Menschen in Krisensituationen kann man nicht ersetzen. Es braucht aber auch niedrigschwellige Angebote, die die Menschen in der Distanz verbinden. Angebote wie das Trauerportal und das persönliche Gespräch in der Seelsorge ergänzen sich." (Stadtpfarrer Stefan Buß)



Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben Stadtpfarrer Stefan Buß gefragt, wie er das sieht. Als Mitglied des Seelsorgeteams der Stadtpfarrei Fulda hat er Erfahrung im Umgang mit Trauernden – und weiß, was in einer solchen Ausnahmesituation wichtig ist.

Herr Pfarrer Buß, wie begleiten Sie in der Stadtpfarrei Fulda Menschen in Trauersituationen?
Pfarrer Stefan Buß: Meist melden uns die Bestatter den Trauerfall. Dann nehmen wir Kontakt mit den Angehörigen auf und machen einen Trauerbesuch. Das ist ein persönliches Gespräch und geht weit darüber hinaus, nur den Trauergottesdienst abzusprechen. Die Menschen brauchen ganz oft jemanden, der ihnen einfach erstmal zuhört. Die Hinterbliebenen erzählen dann erst einmal, und ich höre zu.

Oft begleiten wir Menschen über einen längeren Zeitraum. Gerade dann, wenn die Todesumstände etwas dramatischer waren oder Menschen lange zusammen gelebt haben, bieten wir mit etwas zeitlichem Abstand noch einmal Gespräche an. Und wir bieten zweimal im Jahr, jeweils vor Weihnachten und vor Ostern, Trauerandachten an. Die Andachten sind mit sehr vielen Stille-Elementen gestaltet, und nach der Andacht stehen wir mit zwei oder drei Hauptamtlichen zum Gespräch bereit.

Das persönliche Gespräch ist also sehr wichtig?
Pfarrer Stefan Buß: Ja, unbedingt. Aber genauso wichtig sind die Trauergottesdienste. Der Trauergottesdienst lebt von Ritualen, ist sehr stark strukturiert. Diese Rituale kennen die Menschen, damit können sie in ihrer Trauer umgehen. Die feste Struktur des Gottesdienstes gibt Halt. Rituale und einen Halt in der Trauer haben – das suchen Menschen auch.

Hat sich der Umgang mit Trauer in Ihrer Erfahrung verändert?
Pfarrer Stefan Buß: Oft leben Familien nicht mehr zusammen. Bei den 150 bis 180 Todesfällen im Jahr, die wir begleiten, sind Menschen dabei, die im Pflegeheim waren. Wir erleben, dass der Bestatter, jemand aus der Einrichtung und der Betreuer mit uns am Grab stehen, sonst niemand.

Und eine andere Tendenz beobachte ich mit Sorge: Familien wollen die Trauer und die Bestattung immer mehr ins Anonyme legen. "Wir machen das unter Ausschluss der Öffentlichkeit", heißt es dann. Trauer ist zwar erst einmal etwas Intimes, hat aber auch eine soziale Dimension. Mitarbeiter, ehemalige Kollegen, Vereinskameraden, Freunde, Nachbarn, die weitere Familie – die haben vielleicht auch das Bedürfnis, sich zu verabschieden. Wir versuchen dann oft, einen Kompromiss zu finden, den Gedenkgottesdienst in der Kirche beispielsweise öffentlich und nur die Beisetzung auf dem Friedhof im engsten Familienkreis zu halten.

Könnte das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS als soziales Angebot da hineinwirken?
Pfarrer Stefan Buß: Ja. Denn das Trauerportal bietet einen Ort, um gemeinsam zu trauern. Wichtig ist immer, dass man Trauer ausdrücken darf, in Worte fassen und zur Sprache bringen kann. Und das Trauerportal ist in noch einer Hinsicht interessant: Wenn man irgendwo hingehen muss, ist das unter Umständen eine Hemmschwelle. Ein Klick zum digitalen Trauerportal – das traut man sich eher. Es ist in der Gesellschaft ja nicht mehr selbstverständlich, dass man Trauer nach außen trägt.

Würdevoller Abschied und digitale Traueranzeige – passt das zusammen?
Pfarrer Stefan Buß: Ja, auf jeden Fall. Das ist einfach eine weitere Möglichkeit, Trauer über das Anzünden einer digitalen Kerze zum Ausdruck zu bringen. Das ist eine Geste, die in ganz vielen Kulturen und über Konfessionen hinaus geht! Wir kennen das in der Stadtpfarrkirche: Da zünden nicht nur Katholiken eine Kerze an, sondern wir haben gerade vor Allerseelen auch sehr viele Muslime da, die eine Kerze anzünden.

In diesem Sinn schafft das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS über alle Konfessionen hinweg und bis in den weltlichen Bereich die Möglichkeit, gemeinsam zu trauern. Das kann Menschen verbinden.

Die Gesellschaft hat sich verändert – müssen wir unseren Umgang mit Trauer ändern, neue Angebote schaffen?
Pfarrer Stefan Buß: Das O|N Trauerportal ist sicherlich eine gute Form, um Menschen zu erlauben, ihre Trauer auszudrücken und ihre Gefühle zu verarbeiten. Das persönliche Gespräch und den Kontakt werden wir trotzdem immer brauchen, Gespräche mit Menschen in Krisen kann man nicht ersetzen. Es braucht also beides, das Trauerportal und die persönlichen Gespräche in der Seelsorge ergänzen sich.

Danke für das Gespräch, Herr Buß!

Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de (mbw)+++


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