Den Tod im Leben verankern

"Wir nehmen uns Möglichkeiten des Abschieds, wenn wir den Tod outsourcen."

Frank Nico Jaeger ist als evangelischer Pfarrer zusammen mit sechs Kolleginnen und Kollegen für den Stadtbereich Bad Hersfeld zuständig und erzählt im Interview, wie er seine Arbeit in der Trauerbegleitung erlebt.
Fotos: Erik Spiegel

15.09.2026 / BAD HERSFELD - "Ich nehme wahr, dass immer weniger Menschen für eine Beerdigung Urlaub nehmen können. Die Trauerfeier muss heute in den Alltag passen; früher war es eher umgekehrt: Man richtete den Alltag nach den Einschnitten des Lebens aus. Urnenbeisetzungen lassen sich planen und verschieben. Das möchte ich nicht bewerten. Wir gehen heute anders mit dem Tod um." (Pfarrer Frank Nico Jaeger, Evangelische Stadt- und Johanneskirchengemeinde zu Bad Hersfeld)



Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben Pfarrer Frank Nico Jaeger gefragt, wie er seine Arbeit mit Menschen in Trauersituationen erlebt und ob sich der Umgang mit Trauer gegenüber vergangenen Jahrzehnten geändert hat.

Herr Jaeger, wie begleiten Sie Trauer allgemein und innerhalb der evangelischen Kirche hier in Bad Hersfeld im Speziellen?
Frank Nico Jaeger: Ich begleite zwei bis drei Beerdigungen jede Woche. Die Gemeinde zählt viereinhalb Tausend Menschen, auf dem Gebiet der Gemeinde ist das Klinikum, mehrere Senioreneinrichtungen, eine Palliativstation. Aber ich mache das ja nicht alleine, ich habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen. Im Klinikum ist zum Beispiel Silke Kohlwes als evangelische Klinikpfarrerin für die Menschen da. Insgesamt sind wir ein Team von sieben Pastorinnen und Pastoren im Stadtbezirk, die für die Menschen da sind und auch immer wieder in der Trauerbegleitung tätig sind.

Hat sich in den letzten Jahren im Umgang mit den letzten Wegen der Menschen und mit der Trauer etwas verändert?
Frank Nico Jaeger: Ja, ich habe in den vergangenen 22 Jahren erhebliche Veränderungen erlebt. Meine erste Pfarrstelle war in Tann in der Rhön. Dort war die Sargbestattung der Regelfall, eine Urnenbestattung eher die Ausnahme. Heute hat sich das Verhältnis nahezu umgekehrt: Neun von zehn Bestattungen sind Urnenbeisetzungen, nur noch etwa eine von zehn erfolgt im Sarg. Das hat viel mit dem Wandel unserer Trauerkultur zu tun. Eine Urnenbeisetzung lässt sich zeitlich flexibler planen als eine klassische Erdbestattung. Ich nehme wahr, dass heute nur noch wenige Menschen in der Lage sind, für eine Beerdigung Urlaub zu nehmen. Viele wünschen sich einen Termin, der sich besser in den Alltag einfügt, etwa an einem Samstag. Die Urnenbestattung macht das möglich. Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Verstorbene oft einige Tage zu Hause aufgebahrt wurden. Familie, Freunde und Nachbarn kamen, nahmen Abschied und teilten die Trauer miteinander. Diese Formen des gemeinsamen Abschieds sind weitgehend verschwunden. Wir gehen heute anders mit dem Tod um als frühere Generationen.

Bitte erklären Sie das genauer.
Frank Nico Jaeger: Die meisten Menschen sterben heute nicht mehr zu Hause, sondern in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder Seniorenwohnheimen. Das verändert auch unseren Umgang mit dem Tod. Natürlich kommt der Tod nicht immer völlig überraschend. Wenn jemand schwer krank ist, wissen Angehörige, dass das Lebensende näher rückt. Und doch bleibt der Tod immer ein einschneidendes Ereignis. Man kann ihn nicht wirklich einüben oder sich vollständig auf ihn vorbereiten. Wenn der Moment dann eintritt, erleben viele Menschen ihn als erschütternd. Zugleich haben wir uns als Gesellschaft vom Tod entfernt. Früher war es selbstverständlich, Verstorbene zu Hause aufzubahren. Angehörige übernahmen viele Aufgaben selbst, wuschen den Toten und nahmen bewusst Abschied. Heute wird vieles an professionelle Einrichtungen abgegeben. Ich glaube, dass wir uns dadurch auch Möglichkeiten der Abschiednahme und der Trauerverarbeitung nehmen. Den Verstorbenen noch einmal zu sehen, zu berühren und sich bewusst von ihm zu verabschieden, kann helfen, die Wirklichkeit des Todes anzunehmen.

Aber andererseits haben wir das Gefühl, enorm aufgeklärt und abgeklärt zu sein, wissen über Patientenverfügungen und Testamente Bescheid …
Frank Nico Jaeger: Nein. Wenn ich in ein Trauerhaus komme, erlebe ich ganz oft, dass gar nichts klar ist. Die wenigsten Menschen haben eine Patientenverfügung. Mein Eindruck ist, dass viele ältere Menschen das Thema Tod und Vorsorge für die Zeit unmittelbar davor und danach gar nicht präsent haben wollen. Dabei wartet genau das doch auf jeden von uns. Man sollte und muss sich doch Gedanken über den eigenen Tod machen, einfach, um die Angehörigen zu entlasten! Das kann wirklich bösen Streit geben unter den Hinterbliebenen, wenn die sich nicht einig sind, wie die Angehörigen beigesetzt werden sollen. Auch wenn nichts verbindlich schriftlich festgelegt wird, sollte gemeinsam darüber gesprochen werden.

Sie sehen den Wandel als gesellschaftlich bedingt an. Wirken sich aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen auch anderweitig auf den Umgang mit Trauerfällen aus?
Frank Nico Jaeger: Die Urne hat finanzielle Aspekte. Das ist günstiger als eine Sargbestattung. Die Menschen verdienen weniger, Inflation, es bleibt weniger auf dem Konto am Ende des Monats. Ich glaube auch, dass viele nicht mehr vorsorgen. Früher hat man noch eine Sterbegeldversicherung abgeschlossen – das haben heute nicht mehr viele. Ich erlebe, dass Bestatter die Schmuckurnen aus ihrem Schaufenster verschenken, weil Familien die Beisetzung finanziell einfach nicht stemmen können. Haben Sie eine Sterbeversicherung?

Das heißt, die starke Nachfrage nach Urnenbeisetzungen ist allein der wirtschaftlichen Lage geschuldet?
Frank Nico Jaeger: Nein, nicht ausschließlich. Finanzielle Gründe spielen eine Rolle, aber sie erklären die Entwicklung nicht allein. Auf kleineren Friedhöfen stellte sich irgendwann die Frage nach den Kapazitäten. Viele Friedhöfe wurden über Jahrhunderte intensiv genutzt. Um die Regenerationszeiten der Grabflächen zu gewährleisten, entstanden Vorgaben. Hinzu kommt, dass Friedhöfe heute häufig von Kommunen und Städten betrieben werden. Flächennutzung, der Pflege, langfristige Unterhaltung – das sind wichtige Punkte. In Bad Hersfeld wurden beispielsweise Stelen für Urnenbeisetzungen errichtet. Als diese Möglichkeit bestand, wurde sie von vielen Menschen schnell angenommen. Das zeigt, dass Bestattungsformen auch von den Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Wo neue Angebote entstehen, werden sie oft genutzt. Gleichzeitig muss ein städtischer Friedhof den Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen und Religionsgemeinschaften gerecht werden. Er muss offen sein für verschiedene Formen des Abschieds und der Bestattung.

Der Alltag wird immer digitaler. Soziale Medien statt persönlicher Treffen, Kommentarspalten statt Trauerbesuch, überspitzt formuliert. Wie nehmen Sie das wahr?
Frank Nico Jaeger: Die sozialen Medien sind Fluch und Segen. Sie können das Schlechteste im Menschen hervorholen. Aber sie können auch zum Segen werden. Ich nutze das selbst auch. Wenn ich Konfirmantengruppen begleite, bekommen die jungen Leute immer von mir einen Umschlag mit Kontaktdaten. Wenn sie Redebedarf haben, einen Rat wollen, einfach mal jemanden brauchen, der zuhört – dann bin ich für sie da. Auch nach Jahrzehnten noch. Und das Angebot wird angenommen. Ich bekomme auch über WhatsApp manchmal Nachrichten von meinen Schützlingen. Das Gespräch wird dann doch irgendwann, wenn es möglich ist, auf ein persönliches Treffen verschoben. Aber die Kontaktmöglichkeiten sind wichtig. Und die sind insbesondere durch soziale Medien niedrigschwellig.

Wie digital sind Sie in Ihrer Gemeinde?
Frank Nico Jaeger: Wir sind als Gemeinde und als Kirchenkreis inzwischen deutlich digitaler geworden. Veranstaltungen kündigen wir heute vor allem über unsere digitalen Kanäle und direkt in der Gemeinde an. Gleichzeitig nutzen wir diese Kanäle auch, um im Nachhinein zu berichten, Fotos zu teilen oder Inhalte noch einmal zugänglich zu machen. Damit erreichen wir deutlich mehr Menschen als früher und vor allem schneller und zuverlässiger. Gerade für viele jüngere Menschen und Familien sind digitale Angebote inzwischen der selbstverständlichste Weg, um sich über das Gemeindeleben zu informieren.

Sie haben sich das O|N Trauerportal angesehen. Was halten Sie davon? Sehen Sie das als Chance, Menschen in Trauer näher zusammenzubringen, oder als Risiko?
Frank Nico Jaeger: Das Trauerportal ist eine gute Sache. Vor allem die digitalen Kerzen, die im Andenken an die Verstorbenen, in Empathie für die Trauernden und einfach als Zeichen angezündet werden können, finde ich sehr gut. Es ist sehr wichtig, dass Menschen eine Möglichkeit haben, ihre Trauer auszudrücken. Und das O|N Trauerportal ist niedrigschwellig. Es kostet nichts, wenn die Gedenkseite einmal eingerichtet ist, niemand muss in den stationären Handel gehen und eine Karte kaufen oder sich sonst irgendwohin bewegen. Das sind nur ein paar Klicks auf dem Smartphone – das kann jeder nutzen.

Was erleben Sie im Umgang mit Trauernden und Menschen in Abschiedssituationen als besonders wichtig und wertvoll?
Frank Nico Jaeger: In Krisensituationen ist es wichtig, dass man jemanden hat, der zuhört. Private und intime Gespräche brauchen einen Raum, der das zulässt, und vor allem brauchen sie Zeit. Da ist es nicht hilfreich, wenn man auf die Uhr schaut. Wenn Sie trauern oder einen Todesfall, einen Abschied verarbeiten, suchen Sie das persönliche Gespräch. Es ist ganz egal, mit wem Sie das suchen, das kann auch außerhalb der Kirchen sein. Wichtig ist, dass Sie reden können. Alles Weitere ergibt sich. Als Notfallseelsorger erlebe ich immer wieder, wie wichtig es ist, seine Gedanken in Worte zu fassen und auszusprechen.

Herr Jaeger, wir bedanken uns für das offene Gespräch! Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de. (mbw) +++


X