Die Gemeinschaft trägt
"Es geht weiter. Ohne Tod. Ohne Krankheit." – Hoffnung in der Trauer
Fotos: Maurice Schumacher
04.08.2026 / FULDA -
"Es ist wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Deswegen stehe ich für dieses Gespräch zur Verfügung. Wir als Kirche kommen auch über die Medien mit den Menschen in Kontakt. Wir brauchen auf jeden Fall Gemeinschaftsangebote, die über Gottesdienste hinausgehen. Das kann auch digital sein." (Pfarrer Stefan Bürger, Kreuzkirche Fulda)
Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben mit Pfarrer Stefan Bürger von der evangelischen Kreuzkirche in Fulda über die Trauerbegleitung in der evangelischen Kirche gesprochen und gefragt, was in Trauersituationen wichtig ist. Claudia Pfannemüller , Öffentlichkeitsbeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Fulda, begleitete das Gespräch.
Frau Pfannemüller, Herr Pfarrer Bürger, wie begleiten Sie in der evangelischen Kirche Menschen in Trauersituationen?
Claudia Pfannemüller: Ich spreche hier für die evangelische Kirche allgemein, speziell in Bezug auf die Kreuzkirche kann Pfarrer Stefan Bürger mehr sagen. In solchen gesellschaftlichen Wandelprozessen ist auch eine Unsicherheit vorhanden. Wie gehe ich mit Trauer und Tod um, wenn es für mich nicht mehr diese verbindlichen kirchlichen Rituale gibt? Fragen, die beschäftigen, sind: Wie kann ich trauern? Was sage ich meinem Nachbarn, wenn seine Mutter gestorben ist? Kann ich überhaupt etwas sagen? Dadurch, dass die festen religiösen Rituale weggebrochen sind, ist es schwieriger geworden.
Das heißt also, die festen Rituale sind wichtig und geben den Menschen Halt in dieser schwierigen Zeit?
Claudia Pfannemüller: Ganz genau. Das ist auch dieses Eingebunden-sein in eine Gemeinschaft: Dass man gemeinsam auf den Friedhof geht, dass die Nachbarn und Freunde mitkommen, dass es nochmal ein ganz physisches Abschiednehmen gibt. Man nimmt Menschen in den Arm, spendet sich gegenseitig Trost.
Pfarrer Stefan Bürger: Es gibt auch ganz oft noch den Wunsch, dass man nochmal zum Bestatter geht, dort den Verstorbenen sieht und Abschied nimmt. Das begleite ich als Pfarrer, wenn das gewünscht ist. Ich habe so den Eindruck, die Menschen suchen nach Worten. Das sind die Worte der Mütter und Väter der Bibel, vielleicht Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirte". Oder das Vaterunser, das ist der Segen. Ich erlebe die Menschen in ihrer Trauer dann ganz still und dankbar. Es geht da gar nicht um große Weisheiten, sondern um einfache Worte, um Gedenken.
Wie sehen Sie die Tendenz, die Trauerfeier nicht mehr religiös zu gestalten, sondern freie Trauerredner dazuzuholen?
Pfarrer Stefan Bürger: Das ist so eine Sache mit den Amtshandlungen. Diese "freien Trauerredner" – was heißt das überhaupt? Das klingt, als wären die frei und wir streng. Oder unfrei, so nach dem Motto, wir würden das nach Schema machen und die anderen machen das frei. Frei heißt ja erstmal, die sind nicht kirchlich. Aber frei heißt für uns in der Kirche, dass wir die Trauerfamilie fragen: "Was brauchen Sie?"
Wie sehen Sie digitale Angebote wie das Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS in diesem Zusammenhang? Das ist ja erst einmal ein "freies", also überkonfessionelles, Angebot, das Trauer und Gemeinschaft fernab des religiösen Kontextes ermöglicht.
Claudia Pfannemüller: Ich finde es gut, denn so können auch weit entfernt lebende Menschen erfahren, dass eine Person verstorben ist. Gerade durch die hohe Reichweite von OSTHESSEN|NEWS ist das interessant. Der Aktionsradius der Menschen ist heute größer, mit dem digitalen Angebot haben die Leute eher die Chance zu erfahren, dass jemand verstorben ist. Es ist ja nicht mehr wie früher auf dem Dorf, man bekommt nicht mehr zwangsläufig alles mit.
Pfarrer Stefan Bürger: Ich denke da eher in Richtung Anteilnahme. Ich erinnere mich an die Zeit, als mein Vater gestorben ist. Der wollte damals keinen Beerdigungskaffee, also haben wir das nicht gemacht. Aber als Familie geht man nach der Beisetzung eben doch gemeinsam irgendwo hin. Vier Mitstudenten von mir aus Erlangen sind zur Beerdigung von meinem Vater nach Kassel gekommen. Den Vieren haben wir gesagt "Ihr kommt mit". Und es hat einfach gutgetan, da nochmal jemanden zu sehen, zu haben. Auch bei der Beerdigung meiner Mutter habe ich später festgestellt, wie gut es tut, wenn da noch andere Leute außerhalb der Familie sind, die mitgehen. Das gibt Halt. Das nimmt man sich, wenn man im engsten Familienkreis bleibt für die Beisetzung und die Trauerfeier. Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS kann das auffangen. Wenn da dann sowas steht wie "Wir hatten so viele schöne Erlebnisse zusammen" oder "Der Mensch war immer so gut zu uns", das tut gut.
Sehen Sie denn insgesamt in Glaubensangelegenheiten einen Bedarf, die Angebote im digitalen Bereich auszuweiten? Gerade in Hinblick darauf, dass viele bestehende digitale Angebote oben doch "nur" konsumiert werden, also in eine Richtung gehen?
Pfarrer Stefan Bürger: Es ist wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Deswegen stehe ich für dieses Gespräch zur Verfügung. Dass wir als Kirche mit den Menschen in Kontakt sind, geht auch durch Medien. Wir brauchen auf jeden Fall Gemeinschaftsangebote, die über Gottesdienste hinausgehen.
Claudia Pfannemüller: Wir weisen zum Beispiel auch auf Trauergruppen hin. Wir ermöglichen es, mit Seelsorgern und Seelsorgerinnen ins Gespräch zu kommen. Wir weisen auf die Telefonseelsorge hin.
Was würden Sie den Menschen in Osthessen ganz persönlich aus Ihrer Erfahrung mitgeben, was im Trauerfall vielleicht gut ist zu bedenken, zu beachten, was vielleicht auch helfen könnte?
Pfarrer Stefan Bürger: Ich würde den Menschen empfehlen, in der Trauer nicht allein zu bleiben. Man sollte immer schauen "Wer tut mir jetzt gut?" Und das kann auch der Kontakt zur Kirche sein, das darf man in Betracht ziehen. Die Kirche stellt sich individuell auf die Menschen ein. Dafür stehe ich, und dafür stehen alle meine Kollegen und auch die Katholische Kirche. Wir stellen uns auf die Menschen ein, hören zu. Bei uns bekommt die Trauer ihren Platz. Wir schauen in jedem einzelnen Fall, was eine Hoffnung für die Menschen sein könnte, die über den Tod hinausreicht. Die Bibel ist voller Hoffnungsangebote und -bilder. Als Christen glauben wir, dass es für den Glaubenden weitergeht, ohne Krankheit und ohne Leid, in Gottes guten Händen. Der Verlust eines Menschen ist immer schlimm. Dann brauchen Menschen Gemeinschaft. Und genau das sagen wir auch in den Gemeinden. Wir fordern auf, für die Trauernden da zu sein, sie anzurufen, sie einzuladen – und das nicht nur in den ersten Wochen. Wir machen Mut, nicht alleine zu bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bürger und Frau Pfannemüller!
Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de. (mbw) +++