Bei der Herbst‑Vollversammlung
Glauben in einer glaubensfernen Gesellschaft - Erzbischof Koch predigt
Fotos: Felix Weigl
30.09.2026 / FULDA -
Im Rahmen der aktuell stattfindenden Deutschen Bischofskonferenz in Fulda wurde am Mittwochmorgen in der Michaelskirche der Gottesdienst zur Herbst-Vollversammlung gefeiert. Für die Predigt reiste Erzbischof Dr. Heiner Koch extra aus Berlin an.
Im Text finden Sie die Predigt des Erzbischofs.
Dabei steht uns die unterschiedliche Situation des Glaubens und der Kirche im Osten Deutschlands, aber nicht nur dort, und in Frankreich vor Augen: Die meisten Menschen hier bei uns haben noch nie einen persönlichen Kontakt zum Glauben und zur katholischen Kirche erlebt. Wir sprechen deshalb zurecht hier nicht von Neuevangelisierung, sondern von Erstevangelisierung und fragen uns, wie wir als Kirche und als Christen mit den Menschen in unserer Umgebung so in Kontakt treten können, dass auch über unser Leben und über unseren Glauben der Funke des Geistes Gottes auf sie überspringen würde.
Die Familie fällt als Ort der Erfahrung und der Weitergabe des christlichen Glaubens im Leben vieler Menschen völlig aus. Sie nehmen als Familie oftmals schon seit Generationen nicht mehr am kirchlichen Leben teil, das sie nicht kennen und nicht teilen. Das gilt nicht nur für Familien, wo sich niemand als Christ bekennt, sondern auch in Familien, in denen zumindest Einzelne getauft worden sind. Da kann es dann nicht erstaunen, dass in Berlin nur 35 Prozent der Kinder, selbst aus katholischen Familien, wo mindestens einer der Elternteile katholisch ist, getauft werden. Dieses Faktum ist auf die Länge der Zeit erheblich bedrohlicher als viele kirchlichen Problemfelder und -fragen.
Für viele Menschen kommt Gott in ihrem alltäglichen Leben nicht vor. Überall begegnen sie der "Macht des Menschen", auch der Macht zu Zerstörung und zu Kriegen, vielleicht sogar zum Untergang der Welt. Der Mensch als die offensichtlich treibende Kraft dieser Welt: "Ich sehe keinen Gott. Für ihn gibt es da keinen Platz mehr", so denken nicht wenige.
Die Frage nach dem christlichen Gottesbild und dem Leid, gerade das nicht vom Menschen verschuldete Elend. "Wer kann da noch beten: Wer nur den lieben Gott lässt walten", fragte mich einmal ein Atheist auf einer Podiumsdiskussion.
Zumindest in diesem dritten Grund sind viele Menschen in einer ähnlichen Situation wie Ijob. Das Buch Ijob, das zur Weisheitsliteratur gehört und zwischen dem sechsten und dem zweiten Jahrhundert vor Christus entstanden ist, handelt vom Leid eines unschuldigen Gerechten. Ausgelöst im literarischen Bild durch einen Streit zwischen Gott und dem Satan wird er der existentiellen Prüfung unterzogen, wie tief sein Glaube wirklich verwurzelt und sein Leben tragend ist. Sein Zweifel an Gott greift tief in seine Seele ein: " Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört" (Jjob 9,16), so die letzten Worte der heutigen Lesung.
Als Christen bekennen wir sicherlich die Nähe Gottes, der gegenwärtig ist in unserem Leben in größter Dichte seit Gottes Sohn Jesus Christus sein Leben bis zum Tod mit uns geteilt hat. Er blieb bei uns wie bei den beiden Schächern am Kreuz, die er nicht allein zurück ließ. Aber Gott ist immer auch der ganz andere. Ijob zieht Gott nicht auf die Ebene des menschlichen Verstehens hinunter. Gott ist immer auch der Größere und über uns Stehende. Vielmehr bekennt er trotz der Unmöglichkeit, Gott zu erfassen, dass dieser Gott ihm nahe ist und sein Erlöser: "Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. (Ijob 19,25–27a).
Vielleicht ist dies das Glaubenszeugnis, das wir als Christen heute vor der Welt ablegen können und dürfen: Wir stehen zu Gott und glauben uns in ihm geborgen, auch wenn unsere Zweifel und Unsicherheiten bleiben und unsere Unfähigkeit, Gott zu verstehen und ihn unseren Mitmenschen erklären zu können. Sicher ist dies kein triumphales Glaubenszeugnis, aber vielleicht in unseren Tagen umso glaubwürdiger.