Predigt von Bischof Dr. Heiner Wilmer
Eröffnungsgottesdienst zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Fotos: Christian Schmitt
29.09.2026 / FULDA -
Am Montag fand der Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom statt. Im Text finden sie eine Kurzfassung der Predigt von Bischof Dr. Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer Zeit der Hiobsbotschaften. Kriege und Gewalt, gesellschaftliche Verunsicherung, die Not so vieler Menschen, die Bedrohung unserer Schöpfung. Eine Krise reiht sich an die nächste. Und ausgerechnet in diese Zeit hinein hören wir heute von Ijob. Der Satan stellt eine provozierende Frage: Ist Ijiob Gott vielleicht nur deshalb treu, weil es ihm gut geht? Weil er gesund ist, weil er Familie, Besitz und Ansehen hat? Oder ist er Gott auch umsonst treu, ohne Lohn, ohne Gegenleistung, ohne die Garantie, dass alles gut ausgeht?
Ich erkenne: Ich bin nicht das Maß aller Dinge. Da ist jemand über mir. Gott ist größer als ich. Der andere Mensch ist mehr als das, was ich über ihn weiß. Selbst mein eigenes Leben bleibt ein Geheimnis.
Ich höre: Wer Ehrfurcht lernt, hört anders. Er hört den Schrei der Erde. Er hört den Schrei der Menschen. Und er hört besonders den Schrei der Armen. Ehrfurcht vor Gott führt zur Ehrfurcht vor seiner Schöpfung.
Frieden beginnt genau dort: wo Menschen aufhören, sich selbst absolut zu setzen. Wo sie einander mit Ehrfurcht begegnen. Wo sie bereit sind, miteinander und voneinander zu lernen. Erkennen. Staunen. Hören. Dienen. Eine Frau, deren Gedenktag wir heute begehen, hat aus dieser Haltung gelebt: die heilige Lioba. Sie verließ im 8. Jahrhundert ihre englische Heimat, folgte dem Ruf des Bonifatius und wurde Äbtissin in Tauberbischofsheim. Geistliche Tiefe und Bildung gehörten für sie zusammen. Auch an ihrem Leben können wir ablesen, was Ehrfurcht bedeutet: Gott erkennen. Über seine Wege staunen. Seinen Ruf und die Menschen hören. Gott und den Menschen dienen.
Nicht alles verstehen müssen.
Nicht sich selbst zum Maß aller Dinge machen.
Erkennen. Staunen. Hören. Dienen.
In Ehrfurcht: Umsonst treu. Trotz allem treu. Amen.
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