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Predigt von Bischof Dr. Heiner Wilmer

Eröffnungsgottesdienst zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

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Fotos: Christian Schmitt

28.09.2026 / FULDA - Am Montag fand der Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom statt. Im Text finden sie eine Kurzfassung der Predigt von Bischof Dr. Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.



Liebe Schwestern und Brüder,

wir leben in einer Zeit der Hiobsbotschaften. Kriege und Gewalt, gesellschaftliche Verunsicherung, die Not so vieler Menschen, die Bedrohung unserer Schöpfung. Eine Krise reiht sich an die nächste. Und ausgerechnet in diese Zeit hinein hören wir heute von Ijob. Der Satan stellt eine provozierende Frage: Ist Ijiob Gott vielleicht nur deshalb treu, weil es ihm gut geht? Weil er gesund ist, weil er Familie, Besitz und Ansehen hat? Oder ist er Gott auch umsonst treu, ohne Lohn, ohne Gegenleistung, ohne die Garantie, dass alles gut ausgeht?

Ijob wird geprüft. Er verliert, was ihm lieb und kostbar ist. Und dennoch hält er an Gott fest. Er fragt. Er klagt. Aber er bricht die Beziehung zu Gott nicht ab. Umsonst treu. Trotz allem treu. Wie kann ein Mensch das? Das Buch Ijob selbst gibt uns einen Hinweis: "Sieh, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit" (Ijob 28,28). Gottesfurcht. Das klingt zunächst nach Angst. Aber gemeint ist etwas anderes: Ehrfurcht. Ehrfurcht beginnt mit einer einfachen Einsicht: Ich bin nicht der Chef. Da ist einer, der größer ist als ich, größer als mein Denken, mein Wissen, mein Verstehen. Ich kann Gott nicht begreifen und nicht über ihn verfügen. Und vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis Ijobs: Gott hilft Ijob nicht, sein Leid zu verstehen. Aber er hilft ihm, sein Leid zu bestehen.

"Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit", heißt es im Psalm 111,10. Timor Domini initium sapientiae. Dieser Satz hat über Jahrhunderte Eingang in unsere Bildungswelt gefunden. Eine entsprechende Inschrift findet sich an mancher Schule, vom ehemaligen Jesuitengymnasium in Meppen bis hinunter zu der früheren Lenderschen Lehranstalt im Erzbistum Freiburg, wo er u. a. den prominenten Schüler Augustin Kardinal Bea prägte. Er findet sich ebenso auf der Rektoratskette der Universität Zürich. Und er stellt auch uns heute eine wichtige Frage: Was ist eigentlich das höchste Ziel von Bildung? Ist es Wissen? Nein. Wissen allein reicht nicht. Ist es Persönlichkeitsentwicklung? Auch das ist noch zu wenig. Bildung muss auf den ganzen Menschen zielen. Und deshalb möchte ich es bewusst zugespitzt sagen: Ehrfurcht vor Gott ist das höchste Bildungsziel. Was bedeutet das? Vier Worte können uns dabei leiten: Erkennen. Staunen. Hören. Dienen.

Ich erkenne: Ich bin nicht das Maß aller Dinge. Da ist jemand über mir. Gott ist größer als ich. Der andere Mensch ist mehr als das, was ich über ihn weiß. Selbst mein eigenes Leben bleibt ein Geheimnis.

Ich staune: über das Wahre, das Gute und das Schöne – wie es die klassische Trias als ein Leitbild der Bildung formuliert. Bildung heißt nicht nur, die Welt erklären zu können. Bildung heißt auch, sich von ihr berühren zu lassen. Nach der Wahrheit zu suchen. Das Gute zu tun. Das Schöne wahrzunehmen. Es geht um eine Bildung des ganzen Menschen.

Ich höre: Wer Ehrfurcht lernt, hört anders. Er hört den Schrei der Erde. Er hört den Schrei der Menschen. Und er hört besonders den Schrei der Armen. Ehrfurcht vor Gott führt zur Ehrfurcht vor seiner Schöpfung.

Und schließlich: Ich diene. Ehrfurcht hat eine politische Dimension. Die Bibel zeichnet das große Bild von der Wallfahrt der Völker: Menschen unterschiedlicher Herkunft machen sich gemeinsam auf den Weg. Sie wollen lernen. Sie wollen hören. Sie wollen Wege des Friedens finden.

Frieden beginnt genau dort: wo Menschen aufhören, sich selbst absolut zu setzen. Wo sie einander mit Ehrfurcht begegnen. Wo sie bereit sind, miteinander und voneinander zu lernen. Erkennen. Staunen. Hören. Dienen. Eine Frau, deren Gedenktag wir heute begehen, hat aus dieser Haltung gelebt: die heilige Lioba. Sie verließ im 8. Jahrhundert ihre englische Heimat, folgte dem Ruf des Bonifatius und wurde Äbtissin in Tauberbischofsheim. Geistliche Tiefe und Bildung gehörten für sie zusammen. Auch an ihrem Leben können wir ablesen, was Ehrfurcht bedeutet: Gott erkennen. Über seine Wege staunen. Seinen Ruf und die Menschen hören. Gott und den Menschen dienen.

Liebe Schwestern und Brüder, unsere Welt hat wahrlich genug Hiobsbotschaften. Aber vielleicht kann sie gar nicht genug bekommen von Ijobs Botschaft: "Sieh, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit" (Ijob 28,28).
Nicht alles verstehen müssen.
Nicht sich selbst zum Maß aller Dinge machen.
Erkennen. Staunen. Hören. Dienen.
In Ehrfurcht: Umsonst treu. Trotz allem treu. Amen.

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