"Engel sind allgegenwärtig"
Der Hamburger Erzbischof Dr. Stefan Heße predigt in der Michaelskirche
Die Predigt in der Michaelskirche hielt Erzbischof Dr. Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg.
Fotos: DBK
29.09.2026 / FULDA -
Die Deutsche Bischofskonferenz, der Zusammenschluss der katholischen Bischöfe aller (Erz-)Bistümer in Deutschland mit derzeit 60 Mitgliedern aus den 27 deutschen (Erz-)Bistümern tagt in dieser Woche in Fulda. Die Vollversammlung wurde zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zur Koordinierung der kirchlichen Arbeit, zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Kontaktpflege zu anderen Bischofskonferenzen eingerichtet. Anlässlich der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda hat der Hamburger Erzbischof Dr. Stefan Heße am Dienstag die Morgenmesse in der Michaelskirche gehalten. Wir veröffentlichen seine Predigt im Folgenden im Wortlaut:
"Einer unserer Hamburger Pastoralreferenten, Gerrit Spallek, hat vor ein paar Jahren seine Dissertation unter den programmatischen Titel gestellt: "Tor zur Welt? Hamburg als Ort der Theologie". Er untersucht darin nicht einfach, was Theologie über die Stadt zu sagen hat, sondern dreht die Perspektive um: Was kann die Theologie von den Orten lernen, an denen Menschen tatsächlich leben? Ohlsdorfer Friedhof, St. Pauli, Reeperbahn, Hauptbahnhof – Orte des Lebens und Sterbens, der Arbeit, der Sexualität, der Mobilität, der Einsamkeit, der Begegnung. Orte also, an denen sich menschliche Existenz verdichtet.
In seiner Erforschung Hamburgs bemerkt Spallek: Engel sind gegenwärtig, nahezu überall. Vielleicht sogar stärker, als es die kirchliche Rede über sie vermuten lässt. Engel begegnen uns in einer säkularisierten Kultur, in der die klassische religiöse Semantik vielfach an Plausibilität verloren hat. Schutzengel, Engel als Begleiter, als Zeichen von Transzendenz und Hoffnung – die Rede vom Engel ist anschlussfähig. Sie scheint eine Sehnsucht zu artikulieren: dass die sichtbare Welt nicht alles ist; dass jemand über mich wacht; dass es eine Botschaft gibt; dass Heilung möglich ist. Engel sind Zwischenwesen, gleichsam Boten und Übersetzer. Sie haben eine Vermittlungsfunktion und vielleicht gerade deswegen Hochkonjunktur. Sie berühren viele Menschen. Wenn sie erscheinen, sprechen sie immer Menschen an und ermöglichen Kommunikation und Begegnung.
Das Interessante ist nun, dass die christliche Tradition diese Sehnsucht nicht einfach bestätigt, sondern theologisch qualifiziert. Michael, Gabriel und Raphael sind keine diffusen Chiffren für ein gutes Gefühl. Ihre Namen und ihre biblischen Geschichten verweisen auf den Gott, der schützt, spricht und heilt. Vielleicht können die drei Erzengel deshalb die Frage nach Gott und der Sendung der Kirche neu stellen. Betrachten wir dazu jeweils kurz die drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.
Michael: Quis ut Deus? Wer ist wie Gott? Einen grundsätzlicheren Impuls für unseren Glauben kann es beinahe nicht geben: Gott gebührt absolute Priorität. Er ist der Absolute schlechthin; jeder andere kann höchstens die Nummer zwei sein. Kein Mensch, kein Volk, kein Staat, keine Partei, keine Glaubensgemeinschaft kann sich je an Gottes Stelle erheben. Der Erzengel Michael stellt uns immer wieder vor die entscheidende Frage, ob Gott in unserem eigenen Leben, in unserem Zusammenleben und in unserem kirchlichen Miteinander wirklich an der ersten Stelle steht. Wenn Michael gerne als Kämpfer dargestellt wird, vor allem gegen das Böse, könnte er für uns der Kämpfer für die Größe Gottes sein, der uns tagtäglich daran erinnert, alles beiseite zu lassen, was sich immer wieder gegen Gott wendet und an seine Stelle drängt.
Gabriel: Kraft Gottes. Er ist der Bote, der zu Maria kommt; eben nicht zu einem Herrscher, zu einem Priester oder theologischen Experten, sondern zu einer Frau, zu einem konkreten Menschen in seiner persönlichen Lebenswirklichkeit. Gabriel bringt das Evangelium, die Frohe Botschaft: "Fürchte dich nicht", weil die Welt eben nicht gottverlassen ist, sondern Gott in diese Welt kommt auf eine Art und Weise, wie es bis dahin unvorstellbar war, so nah, so greifbar, so konkret. Gabriel konfrontiert uns immer mit unserer Sendung als Christen und Kirche, der Welt die Frohe Botschaft Gottes zu sagen und weiterzugeben. Nicht das, was wir meinen und erfinden, sondern was wir selber empfangen und weitersagen und -leben dürfen.
Und schließlich Raphael: Gott heilt. Gerade in den letzten Tagen haben wir im Stundengebet von diesem Raphael lesen dürfen. Er bringt Heilung und Gottes Heil zum erblindeten Tobit und zu seiner Schwiegertochter Sara. Raphael stellt uns vor die wichtige Frage: Wo sind die Wunden der Menschen? Wo sehnen Sie sich nach Heilung? Er konfrontiert uns aber auch mit der wichtigen Frage: Welche Wunden hat die Kirche geschlagen? Denken wir an die Zeiten der Sklaverei, den geistlichen und institutionellen Machtmissbrauch, Ausgrenzung und das Nichthören auf Betroffene. Raphael fordert uns heraus: Wo sind wir selber verwundet und bedürfen der Heilung und Umkehr? Raphael, der Heiler, ist auch der Engel des Mitgehens. Die Kirche muss nicht immer alles lösen und überzeugen – sie kann es auch oft nicht. Manchmal gilt es einfach: bleiben, zuhören, sich zuwenden.
Das heutige Fest und der Hamburger Pastoralreferent mit seiner Doktorarbeit laden uns ein, nach den Spuren und der Botschaft der Engel hier und heute neu und tiefer zu suchen. "Hamburg – das Tor zur Welt". Engel wollen uns inmitten einer säkularen Welt auf Spurensuche schicken. Engel – Tore zu Gott und den Menschen."(pm/ci)+++