Never Say Goodbye

Warum das Herzberg-Festival niemals wirklich zu Ende geht

Es ist dieser Sonntagabend, den niemand wirklich mag. Am Montag verschwindet einer nach dem anderen. Die bunten Fahnen in den Autos, Zeltheringe werden aus der Erde gezogen, Gitarrenkoffer geschlossen.
Fotos: Tizia Wegfahrt

03.08.2026 / BREITENBACH/H. - Es ist dieser Sonntagabend, den niemand wirklich mag. Am Montag verschwindet einer nach dem anderen. Die bunten Fahnen in den Autos, Zeltheringe werden aus der Erde gezogen, Gitarrenkoffer geschlossen. Der Duft von Kaffee und Sommer hängt noch in der Luft, während die ersten Wohnmobile langsam vom Gelände rollen.



Irgendwo spielt im Kopf noch eine Melodie: "Never say goodbye. Never say goodbye. You and me and my old friends. Hoping it would never end." Niemals Lebewohl sagen.

Denn genau das ist der Herzberg. Hier verabschiedet man sich nicht. Hier sagt niemand: "Auf Wiedersehen." Man sagt höchstens: Bis nächstes Jahr. Denn jeder weiß längst, dass diese vier Tage mehr sind als ein Festival. Sie sind ein Lebensgefühl.

Mehr als 10.000 Menschen haben in den vergangenen Tagen ihren ganz persönlichen Traum von "Eternal Love" gelebt. Friedlich. Fröhlich. Ausgelassen. Vier Tage Love, Peace & Rock’n’Roll. Für manche klingt das nach romantischer Hippie-Verklärung. Für die Menschen auf den Wiesen unterhalb der Burg Herzberg war es gelebte Wirklichkeit.

Der Alltag hatte Pause

Draußen existieren Terminkalender. Schlagzeilen. Verpflichtungen. Hier oben war davon nichts zu spüren. Der Herzberg ist kein zweites Woodstock. Er muss es auch gar nicht sein. Er ist einfach Herzberg. Ein Ort, an dem der Alltag für vier Tage Urlaub nimmt. Wo Menschen einander begegnen, ohne sich erklären zu müssen. Wo Alter, Herkunft oder Status plötzlich keine Rolle mehr spielen. Wo ein Lächeln oft mehr sagt als hundert Worte.

Vielleicht passt genau deshalb der Gedanke "Lost in Space" so gut zu diesem Ort. Wenn das Leben keinen festen Plan vorgibt, muss jeder seinen eigenen Kompass finden. Seine eigenen Werte. Seine eigene Richtung. Auf dem Herzberg geschieht genau das. Nicht im leeren Raum. Sondern mitten unter Menschen, die zeigen, dass Respekt, Freiheit und Gemeinschaft keine Utopie sein müssen.

Die vielleicht wichtigste Botschaft des Tages formulierte Laura Hulo bereits am Nachmittag: "An alle Kinder, lasst euch nichts erzählen, wenn ihr Astronautin oder Zauberer werden wollt. Macht es, es ist euer Leben." Mit diesen Worten zündete sie die Raketen für das große Feuerwerk, das noch folgen sollte. Ein Satz, der perfekt zum Herzberg passt – weil hier jeder so sein darf, wie er sein möchte.

Ein weiteres Highlight war der "Umzug der Kinder". Frech geschminkt und teilweise auf Stelzen präsentierten sich die Mädchen und Jungen dem begeisterten Publikum. Überall wurde gelacht, gewunken und fotografiert. Spätestens in diesem Moment wurde deutlich: Herzberg ist mehr als Musik. Herzberg ist ein Familienfest, auf dem Freiheit, Fantasie und Gemeinschaft von klein auf gelebt werden.

Der Herzberg-Spirit gibt Orientierung, ohne Regeln aufzuzwingen.

Noch einmal alles geben

Auch musikalisch ließ das Finale keine Wünsche offen. Den Auftakt vor der Mainstage übernahm der Spielmanns- und Fanfarenzug Rückers, der den letzten Festivaltag auf seine ganz eigene, traditionsreiche Weise eröffnete. Danach übernahmen unter anderem Laura Hulo, Spidergawd und The Magic Mumble Jumble, bevor am Abend einer die Bühne betrat, auf den viele gewartet hatten: Walter Trout.

Der inzwischen 75-jährige US-Amerikaner gehört seit Jahrzehnten zu den ganz Großen des Bluesrock. Bereits seit Ende der 1960er Jahre steht er auf den Bühnen der Welt, spielte unter anderem mit John Mayall’s Bluesbreakers und Canned Heat und zählt bis heute zu den prägendsten Gitarristen seines Genres. Sein Auftritt war kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Leidenschaft kein Verfallsdatum kennt.

Schon am Samstag hatten Wolfmother das Festivalgelände in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt und die Energie des klassischen Rock’n’Roll mit voller Wucht auf die Mainstage gebracht. Zwei Konzerte, die unterschiedlicher kaum sein konnten und doch beide perfekt zum Herzberg passten.

Walter Trout verabschiedete das Herzberg Festival mit dem Blues. Kaum ein anderer hätte den Schlusspunkt passender setzen können. Seine Gitarre erzählte von Aufbruch und Wiederkehr, von gelebtem Leben und der Gewissheit, dass jeder Abschied immer auch ein Anfang ist.

Die Welt dreht sich weiter. Wir kehren zurück in unser Leben. Walter Trout verabschiedet sich und bringt zum Abschluss noch einmal den Blues auf die Bühne. Und wir, die wir vier Tage friedlich miteinander gefeiert haben, nehmen ihn mit. Den "Monday Morning Blues". Der Alltag holt uns wieder ein. Hoffentlich ganz langsam.

Der wahre Herzschlag

Und doch waren es nicht nur die Headliner, die dieses Festival getragen haben. Es waren auch die Bands, deren Namen vielleicht nur wenigen bekannt waren. Die Musiker auf den kleineren Bühnen. Die Singer-Songwriter im Lesezelt. Die Psychedelic-Bands in der Mentalstage. Die spontanen Sessions zwischen Zelten und Lagerfeuern. Sie alle bekamen ihren verdienten Applaus. Nicht, weil sie berühmt waren. Sondern weil sie die Menschen berührten.

Genau darin liegt seit Jahrzehnten die besondere Stärke der Festivalmacher. Mit erstaunlichem Fingerspitzengefühl, offenen Ohren und großem Vertrauen in Musik jenseits des Mainstreams entsteht Jahr für Jahr ein Line-up, das längst einen eigenen Klang besitzt. Den unverwechselbaren Herzberg-Sound. Jedes Mal denkt man am Ende denselben Satz: Genau so lieben wir es.

Kein Abschied

Als die letzten Akkorde verklungen sind, wird es für einen kurzen Moment still. Nur ganz kurz. Denn jeder, der hier war, nimmt etwas mit nach Hause.

Staub auf den Schuhen. Musik im Kopf. Neue Freundschaften. Alte Erinnerungen. Und dieses leise Versprechen: Dass man sich wiedersehen wird. Vielleicht an derselben Stelle. Vielleicht mit denselben Nachbarn auf dem Campingplatz. Vielleicht mit Menschen, deren Namen man nie erfahren hat, deren Lächeln man aber trotzdem nie vergessen wird.

Der Herzberg endet nicht mit dem letzten Konzert. Er reist mit nach Hause. In Gedanken. In Geschichten. In den Liedern. Deshalb passt dieser eine Satz besser als jede Abschiedsrede:

"Never say goodbye."

Denn am Fuße der Burg Herzberg weiß man längst: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Bis 2027. Am Fuße der Burg Herzberg. Auf der Pferdewiese. Wenn das Leben seinen eigenen Rhythmus findet. (Jürgen Böthig) +++

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