So bewertet O|N die DFB-Chancen

Fünfter Stern oder frühes Aus? So stark ist Deutschlands WM-Mission wirklich

Kann Deutschland Weltmeister werden? Unsere Redaktion blickt mit zwei unterschiedlichen Meinungen auf die Chancen der DFB-Elf.
Grafik: O|N

14.06.2026 / KOMMENTAR - Vier Sterne schmücken das deutsche Trikot, der Traum vom fünften lebt auch zwölf Jahre nach dem Triumph von Rio weiter. Mit dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 keimt bei vielen Fans wieder die Hoffnung auf ein neues Sommermärchen auf. Doch wie stark ist die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann wirklich? Kann Deutschland tatsächlich bis zum Titel marschieren oder reicht es am Ende erneut nicht für den ganz großen Wurf? Unsere Redaktion blickt auf die Chancen der DFB-Elf - und kommt dabei zu zwei unterschiedlichen Einschätzungen.


Warum Deutschland für Constantin von Butler ein echter Titelkandidat ist

Ich glaube, Deutschland kann Weltmeister werden. Nicht, weil die Konkurrenz schwach ist. Nicht, weil alles perfekt läuft. Sondern weil ich seit langer Zeit wieder das Gefühl habe, dass bei dieser Mannschaft etwas zusammenwächst. Vor allem stimmt für mich das Mannschaftsgefüge. Die vergangenen Turniere haben gezeigt, dass große Namen allein keine Titel gewinnen. Entscheidend ist, dass eine Mannschaft füreinander arbeitet. Genau diesen Eindruck vermittelt die Nationalelf unter Julian Nagelsmann wieder. Die Spieler wirken geschlossen, die Rollen sind klarer verteilt und der Bundestrainer gehört taktisch zu den besten Köpfen im Weltfußball.

Dazu kommt die Qualität. Deutschland hat auf den entscheidenden Positionen wieder Weltklasse-Spieler. Florian Wirtz und Jamal Musiala können Spiele im Alleingang entscheiden. Im Sturm besitzt die Mannschaft mit Kai Havertz und Deniz Undav gleich zwei völlig unterschiedliche Spielertypen. Wer am Ende startet, darüber lässt sich streiten. Dass Deutschland überhaupt diese Auswahl hat, ist aber ein Luxusproblem, von dem viele Nationen nur träumen können.

Und dann ist da die Defensive. Titel werden nicht nur vorne gewonnen, sondern vor allem hinten. Joshua Kimmich gehört zu den besten Rechtsverteidigern der Welt, Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck spielen die stärksten Jahre ihrer Karriere. Im Tor steht mit Manuel Neuer ein Mann, der noch einmal allen beweisen will, warum er für viele der beste Torhüter aller Zeiten ist.

Außerdem sollte man eines nicht vergessen: Deutschland war schon immer eine Turniermannschaft. Bei Weltmeisterschaften wächst diese Mannschaft oft über sich hinaus. 2014 quälte sich das DFB-Team gegen Algerien durch das Achtelfinale und schoss wenige Tage später Brasilien mit 7:1 aus dem eigenen Stadion. Turniere entwickeln ihre eigene Dynamik.

Und genau deshalb bin ich optimistisch. Deutschland wird die K.o.-Runde erreichen, sich von Spiel zu Spiel steigern und diesen berühmten Stein ins Rollen bringen können. Vielleicht reicht es am Ende nicht. Aber die Voraussetzungen für den fünften Stern sind deutlich besser, als viele derzeit glauben. Und Hand aufs Herz: Wer hätte vor dem Turnier 2014 ernsthaft auf das historische 7:1 gegen Brasilien getippt? Wer hätte 1954 daran geglaubt, dass Deutschland die übermächtigen Ungarn schlägt? Fußball lebt von Geschichten, die vorher kaum jemand für möglich hält.

Warum Nicolas Kraus auf die Euphoriebremse drückt

Natürlich gehört Deutschland bei einer Weltmeisterschaft immer zum erweiterten Favoritenkreis. Die Mannschaft von Bundestrainer Nagelsmann hat in den vergangenen Jahren, seit seiner Einstellung, Fortschritte gemacht, und es sollte kein erneutes Gruppenaus geben. Doch wer die Mannschaft nun schon als heißen Anwärter sieht, blendet die enorme Konkurrenz aus.

Denn im Vergleich zu den absoluten Top-Nationen gibt es weiterhin Fragezeichen. Während Deutschland auf mehreren Positionen noch nach der optimalen Besetzung sucht, verfügen Mannschaften wie Spanien, Frankreich oder Argentinien über eingespielte Teams mit Weltklasse-Spielern in nahezu allen Mannschaftsteilen. Auch die individuelle Qualität und die internationale Erfahrung sind dort oftmals noch etwas höher einzuschätzen als beim DFB-Team.

Hinzu kommt, dass Turniere dieser Größenordnung meist von Kleinigkeiten entschieden werden. Deutschland hat in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt, dass gute Ansätze allein nicht reichen. Spätestens in den K.o.-Spielen treffen die Deutschen auf Gegner, die nicht nur technisch und taktisch stark sind, sondern auch seit Jahren auf höchstem Niveau zusammenspielen. Gerade gegen die besten Nationen der Welt fehlt bislang der Nachweis, dass Deutschland konstant über sieben Spiele hinweg auf WM-Niveau performen kann.

Die Hoffnung auf den fünften Stern ist deshalb zwar berechtigt, die Erwartungen sollten aber realistisch bleiben. Deutschland besitzt das Potenzial für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft und kann weit kommen. Für den ganz großen Wurf müssten jedoch mehrere Dinge perfekt zusammenlaufen. Stand heute gibt es einige Mannschaften, die schlichtweg stärker besetzt sind - und deshalb mit besseren Chancen ins Turnier starten. (Constantin von Butler/Nicolas Kraus) +++

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