Ein Mann der "alten Schule"
Rainer-Hans Vollmöller: "Ich denke in Generationen, nicht in Wahlperioden"
Fotos: Carina Jirsch
10.03.2026 / LAUTERBACH -
Mit Füller in der Hand, gemusterter Krawatte und einem kleinen Adventsgesteck ("Es ist noch gut") mit brennender Kerze auf dem Tisch empfängt uns Lauterbachs Noch-Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller Mitte März zum Gespräch. Seit fast drei Jahrzehnten steht er an der Spitze der Stadt Lauterbach im Vogelsbergkreis – nun verabschiedet er sich aus gesundheitlichen Gründen noch vor dem regulären Ende seiner Amtszeit. Kaum ein anderer hat die Entwicklung der Kreisstadt über so lange Zeit so stark geprägt wie er. In einem einstündigen Gespräch blicken wir gemeinsam zurück auf 30 Jahre Kommunalpolitik, Entscheidungen, Herausforderungen und persönliche Erinnerungen.
"Nicht nur ein Job - das sind meine Wurzeln"
Die Antwort, wovor er beim Antritt seiner Amtszeit den größten Respekt hatte, darüber muss er gar nicht lange nachdenken: "Davor, den Aufgaben meiner Vaterstadt nicht gerecht zu werden. Meine Familie ist seit über 430 Jahren hier ansässig. Das war für mich nie nur ein Job. Das sind meine Wurzeln", sagt er auch ein wenig wehmütig. Vollmöller steht seit dem 1. Oktober 1996 an der Spitze der Stadt und gehört damit zu den dienstältesten Bürgermeistern in ganz Deutschland - rechnet man seine vorherige neunjährige Amtszeit in Gemünden (Wohra) mit ein. Die Veränderungen seien aber nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich spürbar gewesen. Krisen wie die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und globale Konflikte hätten gezeigt, wie stark selbst eine kleine Stadt von weltweiten Entwicklungen abhängig sei. "Wir sehen heute, wie abhängig wir von anderen sind – etwa von China", sagt Vollmöller. Das stelle nicht nur einzelne Kommunen, sondern ganze Volkswirtschaften vor enorme Herausforderungen. Für ihn steht fest: "Wenn wir Europäer nicht zusammenstehen, wird es dunkel."
Kommunalpolitisch habe sich ebenfalls viel gewandelt - auch wenn sich Vollmöller nie richtig als Kommunalpolitiker gesehen hat, sondern viel mehr als Sachverwalter. Denn für ihn ging es viel mehr um Pragmatismus als um Parteipolitik. "Die Summe aller Einzelinteressen ist nicht das große Ganze."
Sein Führungsstil sei immer stärker von Vertrauen geprägt gewesen. "Ich weiß, dass ich Mitarbeiter im Haus habe, die manche Dinge besser können als ich", sagt er und spricht dabei vor allem die Thematik Digitalisierung an. Wandel zuzulassen und zu unterstützen, sei deshalb für ihn immer wichtig gewesen - und Werte wie Verlässlichkeit, Vertraulichkeit, Respekt, Vertrauen und Demut die Grundlage für gute Zusammenarbeit.
"Alle meine Fehler habe ich selbst gemacht"
Für Vollmöller haben nicht große Prestigeobjekte oder besonders innovative Ideen die Stadt nachhaltig geprägt. Viel mehr waren es für ihn immer die Dinge, die man für selbstverständlich hielt. "Kanal-, Wasser,- und Straßenbau - eben der Infrastruktur-Erhalt. Wenn es unten nicht stimmt, kannst du auch oben nicht bauen", sagt er ganz klar. "Viele Bürgermeister wurden daran gemessen, ob sie etwas Neues gemacht haben. Ich bin die Ausnahme. Ich habe das Bestehende erhalten und somit für die Zukunftsfähigkeit der Stadt gesorgt."Dazu gehörten unter anderem die Sanierung des Rathauskomplexes, des Hohhaus-Museums, der Adolf-Spieß-Halle oder der Erhalt des "Alten Esel". Auch die Stadtwerke lägen ihm besonders am Herzen. Entscheidend sei für ihn immer gewesen, nicht in Wahlperioden, sondern in Generationen zu denken. Doch ganz egal, welche Entscheidungen er wann, wie und warum getroffen hat. Vollmöller stand seinen Mann. "Ich habe all meine Fehler selbst und nie andere dafür verantwortlich gemacht."
2.000 Menschen demonstrierten gegen Vollmöller
Vollmöller musste auch für Fehler einstehen, die er selbst nicht beeinflusst, sondern vorgefunden hat: In den 90er Jahren gab es große Diskussionen rund um die Eisbahn. Fristen wurden nicht eingehalten, das eine kam zum anderen - die Eisbahn musste schließen. Zwei große Demonstrationen mit rund 2.000 Menschen zogen damals an ihm vorbei - alle gegen ihn und eine Handvoll Mitstreiter. "Da bin ich durch die Hölle gegangen", erinnert er sich. Gleichzeitig habe er sich bewusst vor seine Leute der Stadtverwaltung gestellt. Für ihn gehört das zur Politik dazu: "Wir brauchen Menschen, die stehen - auch wenn der Gegenwind stark ist." Die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine seien für ihn im Hinblick auf die Diskussion um die Sanierung des Freibads, das Windkraft-Thema in Reuters oder die Einsparungen, die aufgrund des Haushalts-Themas vorgenommen werden mussten, Peanuts gewesen.
Ob diese Krisen auch dafür verantwortlich waren, dass Vollmöller in drei Jahrzehnten mal ans Aufhören gedacht hatte, darauf möchte der Noch-Rathauschef nicht näher eingehen. Egal, denn trotz schwieriger Situationen und Krisen hat sich Vollmöller immer wieder auf das besonnen, was er seine "innere Mitte" nennt.
Selbstbewusst, aber bescheiden
Als Mensch beschreibt er sich selbst als selbstbewusst, aber bescheiden. Stolz sei nicht das richtige Wort für das, was er empfinde. "Ich freue mich, wenn etwas gelungen ist", sagt er. Wichtig sei ihm immer gewesen, Fehler zuzulassen. "Wenn keine Fehler gemacht werden, kann man sich auch nicht verbessern." Und: "Wer die kleinen Dinge nicht ernst nimmt, nimmt die großen auch nicht wichtig."Einen Ratschlag für seinen Nachfolger hat Vollmöller nicht: "Mancher Rat ist mehr Schlag als Rat. Ich bin kein Trainer, der an der Außenlinie steht und anderen etwas zuruft." Nach Beendigung seiner Amtszeit im Sommer 2026 möchte sich der 68-Jährige sowieso mehr auf sein Privatleben konzentrieren. "Eben all das machen, was zu kurz gekommen ist: Auf jeden Fall mehr reisen. Und ich freue mich darauf, nicht mehr nach einem Terminkalender leben zu müssen." (Luisa Heinz) +++
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