Landesgartenschau Oberhessen 2027
Warum dieser Florist nicht alles im Voraus plant
Fotos: privat
10.10.2026 / BAD SALZHAUSEN -
Christopher Ernst gestaltet für die Landesgartenschau Oberhessen 2027 zwölf wechselnde Blumenschauen in der historischen Trinkkuranlage in Bad Salzhausen. Im Interview spricht der Deutsche Meister der Floristen über Blumen zwischen Stromkabeln, den Reiz der Vergänglichkeit und die Frage, warum er nie alles im Voraus plant.
Herr Ernst, Sie haben Blumenschauen in klassischen Hallen und in Leinefelde auch in einem ehemaligen Plattenbau gestaltet. Was bietet die Trinkkuranlage in Bad Salzhausen, was diese Räume nicht konnten?
Christopher Ernst: Die historische Trinkkuranlage besteht aus vier unterschiedlichen Räumen, die jeweils ihren eigenen Charakter, ihre eigene Struktur und Optik haben. Es fühlt sich an, als würde man durch eine Galerie schlendern. Wir werden die Räume unterschiedlich gestalten und Floristik in vielen Facetten präsentieren: zum Beispiel auf Säulen, die wie Kunstwerke gestaltet werden, oder in moderner Optik in der dazugehörigen Werkstatt. Das Ensemble mit seinem historischen Hintergrund ist der perfekte Rahmen für hochwertige Floristik.
Sie sind 2024 durch Oberhessen gereist und haben erste Ideen gesammelt. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben, und was davon wird sich in den Blumenschauen wiederfinden?
Am Anfang steht ein Brainstorming mit dem ganzen Team. Wir sammeln Informationen über die Region und die Gartenschau und schreiben alles auf, was uns in den Kopf kommt. Egal, ob sinnvoll oder völliger Blödsinn. Die Leitideen der Landesgartenschau entwickeln wir mit eigenen Themen und Gestaltungsideen weiter. Dabei lasse ich mich stark von Kunst und Kultur inspirieren. Meine Ausbilderin hat immer gesagt: "Du musst sehen lernen, um das, was du siehst, zu nutzen." Manchmal kann ich deshalb gar nicht genau sagen, woher eine Idee kommt. Je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, desto mehr entwickelt sich daraus.
Wie sieht Ihr Zeitplan aus?
Von Januar an nehmen wir uns jede Woche zwei Blumenschauen vor und bereiten dafür Grundgerüste und Gestaltungselemente vor. Unser Ziel ist, vor Beginn der Landesgartenschau etwa 80 Prozent jeder Ausstellung geplant zu haben. 20 Prozent halten wir bewusst für spontane Ideen frei. Gerade in der letzten Phase entstehen oft noch gute Einfälle. Dafür muss Platz bleiben.
Die Landesgartenschau eröffnet am 22. April. Werden Sie nicht nervös, wenn vorher noch nicht alles feststeht?
Nein, dafür mache ich das schon zu lange. Wir haben einmal eine Ausstellung komplett vorbereitet. Kurz vorher kamen noch neue Ideen, die wir nicht mehr umsetzen konnten. Das war sehr frustrierend. Deshalb fahren wir mit 80 Prozent Planung und 20 Prozent Freiraum sehr gut.
Es ist eine Herausforderung, immer wieder für Abwechslung zu sorgen. Viele Besucher können sich kaum vorstellen, dass nach mehreren Ausstellungen noch etwas Neues kommt. Umso schöner ist es, wenn sie von den Ideen überrascht werden. Dabei arbeite ich nicht allein. In meinem Team sind Floristikmeister, die eigene Ideen einbringen und gestalterische Freiheiten haben. Dadurch entsteht eine große Bandbreite.
Wie unterscheiden sich die Gestaltungsstile in Ihrem Team?
Ich arbeite gerne sehr ausladend und schwingend. Ich nutze viele Bewegungsformen und stecke sehr locker, wie bei dem Holland-Fahrrad, das ich 2025 beim World Cup of Floral Art in Den Haag gestaltet habe. Einer meiner Floristikmeisterkollegen arbeitet dagegen stark mit Staffelungen, die er hervorragend beherrscht, und kombiniert Materialien anders als ich. So bringt jeder seine eigene Handschrift ein.
Die OVAG sponsert eine der Schauen. Wie wird diese aussehen?
Das wird die Schau zum Thema Innovation und Industrie. Wir arbeiten mit typischen Elementen eines Energieversorgers: Solarpaneelen, Stromkabeln oder Wasserrohren, aus denen beispielsweise Grundgestelle entstehen. Im Vordergrund steht aber immer die Floristik. Die Blume bleibt das wichtigste Element. Die OVAG soll sich in der Gestaltung wiedererkennen, und auch die Besucher sollen den Bezug erkennen, ohne dass er zu aufdringlich wird. Es darf keine reine Marken- oder Produktpräsentation werden. Genau diese Herausforderung finde ich wahnsinnig spannend.
Gibt es Blumen, die Sie schön finden, mit denen Sie aber ungern arbeiten?
Es gibt Blumen, die ich sehr schön finde, die sich für Gartenschauen aber nicht besonders gut eignen, weil sie nicht lange genug halten. Dazu gehört die Rose. Sie hält nur in den seltensten Fällen über den gesamten Zeitraum einer Schau. Auch bei Dahlien bin ich zurückhaltend. Sie werden vorkommen, aber in geringeren Mengen, weil sie zu häufig nachgesteckt werden müssen.
Ihre Kunstwerke leben nur wenige Tage. Tut es nach all der Arbeit weh, eine fertige Blumenschau wieder abzubauen?
Nein, weil die Vorfreude auf die nächste Schau zu groß ist. Ich bin es gewohnt, dass meine Kunst vergänglich ist. Entscheidend ist für mich der Moment, in dem sie fertig vor mir steht. Die Vergänglichkeit macht für mich den Reiz der Floristik aus. Sie macht das Hier und Jetzt so wertvoll. Das ist in einer Gesellschaft, in der alles jederzeit und überall verfügbar ist, etwas Besonderes. Der Besucher erlebt eine solche Ausstellung mit einem anderen Gefühl. Es zählt der Moment, und dieser verändert sich bald wieder. Viele haben vergessen, den Moment zu genießen und sich ganz auf eine Sache einzulassen.
Was würden Sie niemals in einer Blumenschau machen, obwohl es beim Publikum vermutlich gut ankäme?
Eine komplette Blumenschau aus Kunstblumen. Damit kann man sicherlich sehr gut gestalten, aber für mich haben Kunstblumen in einer Gartenschau nichts zu suchen. Einzelne können eingesetzt werden, um etwas Besonderes darzustellen, aber niemals in großen Mengen. Schließlich ist eine Gartenschau eine Veranstaltung der grünen Branche.
Wenn die Besucher im Oktober 2027 nur ein Bild Ihrer Blumenschauen im Kopf behalten: Welches soll das sein?
Das lässt sich kaum auf ein einziges Bild reduzieren. Auch Oberhessen zeigt viele Facetten. Die Schauen werden sich komplett voneinander unterscheiden, und jede wird ihre eigenen Höhepunkte haben. Wenn aber ein Bild bleiben soll, dann das von Blumen in ihrer ganzen Vielfalt: mal üppig und ausladend, mal zurückhaltend und filigran. Und jedes Mal mit einer ganz anderen Wirkung.
Zur Person: Christopher Ernst aus Kindelbrück in Thüringen zählt zu den renommierten Floristen Deutschlands. Der Floristmeister führt seit 2008 sein Unternehmen "CREATIV" und wurde 2022 Deutscher Meister der Floristen. (FDF - Fachverband Deutscher Floristen) 2025 vertrat er Deutschland beim World Cup Floral Art in Den Haag und belegte dort den sechsten Platz. Erfahrungen mit großen Blumenschauen sammelte Ernst bei zahlreichen Bundes- und Landesgartenschauen. 2026 gestaltet er die Blumenschauen der Landesgartenschau Leinefelde-Worbis. (SV-Leinefelde-Worbis) 2027 wird er in der historischen Trinkkuranlage Bad Salzhausen zwölf wechselnde Blumenschauen für die Landesgartenschau Oberhessen inszenieren.
Info: Die Landesgartenschau Oberhessen 2027 findet vom 22. April bis zum 3. Oktober 2027 in den Städten Büdingen, Gedern, Nidda, Ortenberg und Schotten sowie in den Gemeinden Echzell, Glauburg, Hirzenhain, Kefenrod, Limeshain und Ranstadt statt. (ksk)+++