"Jeder Tag bringt Überraschungen"

Krisen, Kirmes, Kreistag: Bernd Woide spricht über 20 bewegte Jahre als Landrat

Landrat Bernd Woide im O|N-Jubiläumsinterview
Fotos: Carina Jirsch

05.02.2026 / FULDA - Landrat Bernd Woide (CDU) begeht am Donnerstag sein 20. Dienstjubiläum als Landrat. In dieser Zeit hat der 63-Jährige einiges für den Landkreis Fulda bewegt. Darunter waren nicht nur Highlights, wie das Festwochenende zum 200. Jubiläum des Landkreises auf Schloss Fasanerie im Sommer 2022. Der Beruf des Landrats bringt auch große Herausforderungen mit sich, wie die Corona-Pandemie und die Aufnahme von Flüchtlingen 2015, vor allem aus Syrien und Afghanistan, sowie 2022 aus der Ukraine. Im OSTHESSEN|NEWS-Interview blickt Bernd Woide unter anderem darauf zurück.

Sie sind auf fast jeder Kirmes im Landkreis unterwegs und werden auch als "Bier-Bernd" bezeichnet. Ist das etwas, was Sie stört, oder freut es Sie, dass Sie so volksnah wahrgenommen werden?



"Über den Begriff kann man sicher streiten. Aber ich bin da nicht besonders empfindlich. Das darf man auch nicht sein. Ich bin keiner, der sich hinterm Schreibtisch versteckt. Es wird eben bei einer Kirmes auch mal rustikal. Aber mich stört das nicht, für mich ist das ein Stück weit auch Bürgersprechstunde. Da hört man positive Dinge, aber auch negative, und man wird auch mal angegangen. Aber mir gefällt es, dass ich so direkt und ungefiltert kommunizieren kann. Mich bekommt man halt auch mal im Supermarkt oder wenn ich durch die Stadt gehe. Und diese Informationen bringen einen im täglichen Job auch weiter."

Sie sind viel in der Öffentlichkeit, auf Festen und Veranstaltungen unterwegs. Aber was steckt noch hinter dem Job des Landrates?

"Es ist ein bisschen wie die dunkle Seite des Mondes, die man von der Erde aus nie sieht. Als Landrat hat man eine Vielzahl anspruchsvoller Aufgaben, die viel mit Verantwortung zu tun haben. Als Landrat ist man der Chef von fast 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und verantwortet ein Haushaltsvolumen von rund einer halben Milliarde Euro. Der Landkreis ist sehr vielfältig in seinen Aufgaben, und im Haushalt kommt alles zusammen: der soziale Sektor, die Schulen, das Kreisjobcenter, Naturschutz, das Gesundheitsamt, Katastrophenschutz, Bauaufsicht, Wasser, die gesamte Administration. Vieles von dem sehen die Bürgerinnen und Bürger nicht, und das müssen sie auch gar nicht. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass die Kreisverwaltung gut verwaltet und gestaltet."

Was hat Sie in den 20 Jahren am meisten überrascht?

"Jeder Tag bringt Überraschungen. Es gibt keinen Tag, an dem man seine Akten einfach abarbeitet. Es passiert permanent etwas Unvorhergesehenes. Ein Tag verläuft nie geplant. Und das macht es auch interessant, weil man sich immer auf neue Dinge einstellen muss. Es ist aber auch wichtig, dass man gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, weil es keine One-Man-Show ist. Ich muss mich immer wieder in neue Themen einarbeiten und mir dazu permanent Informationen beschaffen. Schule verändert sich, Digitalisierung ist seit einigen Jahren Thema. Ich komme jeden Tag zu der Erkenntnis, dass ich auch Neues dazulerne."

Sie standen in den 20 Jahren sicher vor vielen Herausforderungen. Wo haben Sie aber gedacht: Jetzt wird es wirklich schwierig?

"Es gibt gegenwärtig schwierige Themen wie die Finanzierung der sozialen Transferleistungen, die uns im Landkreis weiter umtreiben. Im Rückblick denke ich an die Flüchtlingssituation 2015/2016, als die Zuwanderungszahlen so exorbitant hoch waren, dass wir Zelte aufbauen mussten. Damals standen wir vor der Frage, wie wir das überhaupt stemmen würden. Und ab 2020 natürlich Corona. Da bestimmte plötzlich die Inzidenz die öffentliche Diskussion. Wir hatten im Landkreis Fulda zwischenzeitlich den zweithöchsten Wert in Deutschland. Ich habe diesen Hype um die ständigen Meldungen verflucht, weil wir darauf ja keinen direkten Einfluss hatten. Dann gab es die Impf-Vordrängler, bei denen die Staatsanwaltschaft ermittelte. Und es ging um die Schul- und Kita-Schließungen. Wir befanden uns alle in einem permanenten Erregungszustand. Heute, mit ein bisschen mehr Abstand, würden wir sagen, dass wir vieles gelassener hätten sehen können. Aber man muss halt auch sagen: Der Staat hat das nicht gemacht, um die Menschen einzuschränken, sondern um sie zu schützen. Da ist er in manchen Bereichen übers Ziel hinausgeschossen, aber man hatte damals auch keine Erfahrungswerte."

Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie treffen mussten, in Ihrer bisherigen Amtszeit?

"Naja, es gibt viele schöne Entscheidungen. Aber zu dem Job gehört auch, dass man ‚nein‘ sagen muss – bei einer Baugenehmigung oder in der Zuständigkeit als Ordnungsbehörde. Aber im Kern muss man keine Entscheidungen über Leben und Tod treffen, etwa wie ein Arzt. Das muss ich, Gott sei Dank, nicht."

Wie würden Sie denn Ihren Führungsstil als Verwaltungschef beschreiben?

"Bevor ich Entscheidungen treffe, muss ich mich ja kundig machen. Da braucht man auf jeden Fall einen kooperativen Führungsstil. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch mal eine persönliche Entscheidung treffen muss. Dafür stehe ich dann auch grade.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

"Ich denke, das Thema Breitband ist uns gemeinschaftlich gut gelungen. Wir haben schon früh gesagt: Das ist eine wichtige Aufgabe für den ländlichen Raum. Das gleicht manche Defizite dort aus. Und wir haben als Kreis gesagt, dass wir das koordinieren wollen – zumal es eine Daueraufgabe ist. Wir haben nun wieder eine Förderung von fast 100 Millionen Euro erhalten. Das Thema ist ein gutes Beispiel dafür, dass man etwas erreichen kann, wenn Bund, Land und Kommune sich zusammensetzen."

Was wollen Sie in Ihrer Amtszeit unbedingt noch anstoßen?

"Vieles ist eine Daueraufgabe, wie Breitband. Aber das haben wir auch beim Thema Schulen. Wir sind bei der baulichen Situation gut dabei. Aber vieles verändert sich. Oder das große Thema Digitalisierung der Verwaltung - das sind Aufgaben, die immer anstehen. Der Veränderungsbedarf ist quasi ständig da."

Wie hat sich die politische Debattenkultur in den letzten Jahren verändert? Ist der Ton schärfer geworden?

"Auf der kommunalen Ebene gehen wir ganz ordentlich miteinander um. Da ist bei uns alles im grünen Bereich. Es gibt immer unterschiedliche Auffassungen, und die muss es auch geben. Ich hatte allerdings immer den Vorteil, dass ich Mehrheiten im Kreistag hatte und auch, dass ich einen gewissen Einfluss darauf hatte, wer mein Stellvertreter wird. Das ist ein großer Segen, denn das ist ja eine Vertrauensposition. Ich hoffe, dass ich diesen Vorteil auch in Zukunft haben werde, weil das für Verlässlichkeit sorgt. Wenn man permanent Mehrheiten suchen muss, dann ist viel mehr Sand im Getriebe, und der Verschleiß im Job weit größer."

Was sehen Sie heute entspannter als zu Dienstantritt?

"Man sagt immer, wenn du älter wirst, wirst du entspannter. Klar, wenn man mehr Erfahrung hat, dann wird man etwas gelassener. Aber in bestimmten Bereichen nehme ich das nicht so wahr. Angesichts der Finanzlage treibt es mich wirklich um, warum so vieles von oben, also auf Bundesebene entschieden werden muss. Ich schaue als Kommunaler immer von unten nach oben, und so ist Deutschland ja auch aufgebaut worden. Ich wünsche mir einfach mehr Vertrauen und Zutrauen in die Entscheidung und Gestaltung durch die kommunale Ebene."

Was war ihr persönliches Highlight in Ihrer Amtszeit?

"Das Kreisjubiläum war rundum gelungen. Die Location war super, aber entscheidend war für mich, dass die Regionalität und das Ehrenamt im Fokus standen. Das gesamte Programm war getragen von den Menschen hier. Was diese Region auf die Beine stellen kann, ist etwas ganz Besonderes. Das haben andere Regionen schon längst nicht mehr." (Moritz Pappert) +++

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