"KI, der neue Mensch?"
Juniorsciencecafé der Winfriedschule begeistert mit Podiumsdiskussion
Fotos: Winfriedschule Fulda
28.10.2026 / FULDA -
Volle Aula, spannende Fragen und kontroverse Perspektiven: Am 23. Oktober lud die Juniorsciencecafé-AG der Winfriedschule zu einer Diskussionsrunde über die Chancen und Herausforderungen künstlicher Intelligenz ein. Drei Experten aus Medizin, Philosophie und Arbeitswelt diskutierten mit den Schülerinnen und Schülern über die Frage, wie KI unsere Gesellschaft verändert – und was den Menschen eigentlich ausmacht.
Eine Aula voller neugieriger Gäste
Drei Experten, drei Perspektiven
Für die diesjährige Podiumsdiskussion konnte die AG drei ausgewiesene Fachleute gewinnen:- Professor Felix Averbeck von der Technischen Hochschule Augsburg brachte seine Perspektive auf die Themen Arbeit und Soziales ein.
- Dr. Philipp Schwind von der Universität Zürich beleuchtete die philosophischen Fragen rund um KI. Er beschäftigt sich aktuell an der Forschungsstelle Glaubwürdigkeit und Vertrauen mit grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft.
- Dr. Michael Reinert, Medizintechniker am Klinikum Fulda, erläuterte die Bedeutung künstlicher Intelligenz für die Medizin und den technischen Fortschritt.
Was denken die Menschen über KI?
Die Diskussion war nicht allein auf die Einschätzungen der Experten beschränkt. Im Vorfeld hatten die Schülerinnen und Schüler der Winfriedschule eine digitale Umfrage zu verschiedenen Aspekten künstlicher Intelligenz durchgeführt. Zusätzlich befragte die AG Passantinnen und Passanten in der Frankfurter Fußgängerzone. Kurze Videoclips dieser Straßenumfrage wurden während der Veranstaltung gezeigt. Die Ergebnisse flossen immer wieder unmittelbar in die Diskussion ein und sorgten für interessante Anknüpfungspunkte.Von privaten Anwendungen und Fake News über Schule, Medizin und Arbeitswelt bis hin zur Frage nach dem menschlichen Bewusstsein beleuchtete die Runde zahlreiche Bereiche, in denen KI bereits heute eine Rolle spielt. Dabei wurde deutlich: Die Experten waren sich keineswegs in allen Punkten einig. Gerade die unterschiedlichen Einschätzungen machten die Diskussion lebendig und eröffneten dem Publikum neue Perspektiven.
KI in der Schule: Hilfe oder Verlust des eigenen Denkens?
Besonders nah an der Lebenswelt der Jugendlichen war das Thema Schule. Die Umfrage an der Winfriedschule zeigte, dass mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler KI bei den Hausaufgaben nutzt. Professor Averbeck gab zu bedenken, dass es zwar schon immer Möglichkeiten gegeben habe, sich die Arbeit zu erleichtern. Mit KI nehme das Ganze jedoch eine neue Dimension an: Wer die Technologie unkritisch für Aufgaben einsetze, bei denen eigenständiges Denken gefragt sei, laufe Gefahr, die Fähigkeit zum selbstständigen Problemlösen zu verlieren.Für Professor Averbeck war die Antwort klar: Das System müsse sich anpassen. Die Diskussion machte deutlich, dass es nicht allein darum geht, KI zu erlauben oder zu verbieten. Entscheidend ist vielmehr, wie junge Menschen lernen, die Technologie sinnvoll zu nutzen, ohne ihre eigenen Fähigkeiten aus der Hand zu geben.
Medizin und Arbeitswelt im Wandel
Auch in der Medizin spielt KI bereits eine wichtige Rolle. Dr. Reinert betonte insbesondere ihre Bedeutung für die Auswertung bildgebender Verfahren. Angesichts des derzeit hohen Mangels an medizinischen Fachkräften könne KI zudem dabei helfen, Routineaufgaben zu übernehmen und Fachpersonal zu entlasten. Im Themenbereich Arbeitswelt waren sich die Experten einig, dass die Zukunft schwer vorherzusagen ist. Dr. Schwind bezeichnete Prognosen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes als einen Blick in die Glaskugel. Einen Bereich, der besonders unter Druck geraten könnte, sah er im Journalismus.Was bedeutet das für die Berufswahl der Schülerinnen und Schüler? Auf die Frage der Moderatoren, welchen Rat sie jungen Menschen geben würden, antwortete Professor Averbeck, man solle nicht danach entscheiden, welcher Beruf vermeintlich am sichersten sei, sondern danach, was einem Freude bereite. Den lebenslangen Beruf gebe es heute kaum noch. Stattdessen seien Weiterbildung, Flexibilität und die Bereitschaft, sich immer wieder auf neue Themen einzulassen, entscheidend.
Globale Abhängigkeit oder mehr Selbstbestimmung?
Ein weiterer Diskussionspunkt war die internationale Entwicklung der KI. Dr. Reinert wies darauf hin, dass Europa derzeit stark von den Entwicklungen in den USA und China abhängig sei und diesen Vorsprung kaum noch aufholen könne. Professor Averbeck plädierte dafür, den Blick nach vorne zu richten und insbesondere lokale KI-Modelle weiterzuentwickeln. Dr. Schwind teilte diese Einschätzung und ergänzte, dass lokal entwickelte Modelle mehr Selbstbestimmung ermöglichen könnten.Damit wurde deutlich, dass es bei KI nicht nur um technische Möglichkeiten geht. Auch Fragen der Unabhängigkeit, des Vertrauens und der gesellschaftlichen Gestaltung spielen eine wichtige Rolle.
Ist KI der neue Mensch?
Zum Abschluss kehrten die Moderatoren zur zentralen Frage des Abends zurück: Ist KI der neue Mensch? Professor Averbeck verneinte dies entschieden: KI sei nicht der neue Mensch – schließlich seien es Menschen, die sie bedienen. Dr. Reinert betonte, wie wichtig eine gesunde Kombination aus menschlichen Fähigkeiten und technischer Unterstützung sei. Entscheidend sei, den Umgang mit der Technologie zu erlernen und sie sinnvoll und gewinnbringend einzusetzen.Dr. Schwind schlug vor, die Frage einmal umzudrehen: Was fehlt der KI im Vergleich zum Menschen? Seine Antwort umfasste drei grundlegende Unterschiede:
- Bewusstsein für menschliche Emotionen: KI kann menschliche Gefühle verarbeiten und beschreiben, besitzt aber kein eigenes menschliches Gefühlsbewusstsein.
- Moralische Verantwortung: Mit einem Verweis auf Immanuel Kant erklärte Dr. Schwind, dass KI keine eigene Stimme der Vernunft und keine menschliche moralische Verantwortung habe.
- Eigene Interessen und Ziele: KI verfüge nicht über eigene Interessen im menschlichen Sinne und habe kein eigenes Wohlergehen, das sie verfolgen könne.
Ein gelungener Abend dank vieler Beteiligter
Zum Abschluss richtete Matilda Marhan herzliche Dankesworte an das Publikum, die Schulleitung, die Experten, die Bühnen-AG unter der Leitung von Herrn Haubs sowie den AG-Leiter Martin Lindenthal. Auch Schulleiter Herr Müller würdigte den gelungenen Abend und bedankte sich ausdrücklich bei den Experten, dem AG-Leiter und der gesamten Juniorsciencecafé-AG für ihr Engagement.Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, was Schülerinnen und Schüler auf die Beine stellen können, wenn sie ein Thema eigenständig entwickeln, Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Von der Recherche über die Organisation bis hin zur Moderation lag ein großer Teil der Verantwortung in den Händen der Jugendlichen. Das Fazit des Abends: Künstliche Intelligenz wird unsere Zukunft weiter verändern. Umso wichtiger ist es, ihre Möglichkeiten zu verstehen, ihre Grenzen kritisch zu hinterfragen und selbstständig denken zu lernen. Denn vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht, ob KI zum neuen Menschen wird, sondern wie wir Menschen mit ihr umgehen wollen.