Landwirtschaftsminister im O|N-Gespräch
Ingmar Jung: Keine Zuckersteuer, früher gegen Wölfe vorgehen
Fotos: Rene Kunze
30.10.2026 / FULDA -
Ingmar Jung (CDU) ist Hessens Minister für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat. Eine Zuckersteuer hält er für einen Fehler, regionale Lebensmittel will er stärker fördern und beim Wolf nicht erst nach einem Riss handeln. Im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS erläutert er außerdem, wie er ländliche Strukturen erhalten will und warum er die geplanten Änderungen am Klimagesetz verteidigt.
Zuckersteuer: Mehr Ernährungsbildung statt neuer Belastungen
Jung bleibt bei seiner Ablehnung einer Zuckersteuer. Sie würde nach seiner Einschätzung eine bereits belastete Branche zusätzlich treffen. Zugleich müssten Verbraucher, die ohnehin unter finanziellem Druck stünden, mehr bezahlen. Zusätzliche Verbrauchsteuern zum Stopfen von Haushaltslöchern hält er für einen "fatalen Fehler".Auch an der Wirksamkeit einer Zuckersteuer zweifelt der Minister.
Regionale Lebensmittel: Investitionen statt nur Beratung
Mit "Hessen schmecken" will Jung regionale Lebensmittel und die Betriebe dahinter stärken. Das Programm verbindet Investitionsförderung mit dem Versuch, bei Verbrauchern mehr Bewusstsein für Regionalität zu schaffen.Unterstützt werden können beispielsweise Anlagen, Verkaufswagen oder die Einrichtung von Hofläden. Häufig fehle den Betrieben der finanzielle Anschub. Welche Investition weiterhelfe, wüssten die Unternehmer meist selbst am besten: "Sie kennen sich mit ihrem Betrieb aus und wissen, was dieser braucht."
Entscheidend ist für ihn, dass Lebensmittel möglichst vor Ort erzeugt, verarbeitet, vermarktet und konsumiert werden. Damit verbindet er nicht nur kurze Wege, sondern auch den Erhalt von Wertschöpfung und Kulturlandschaft. Ökologisches Wirtschaften begrüße. Noch wichtiger sei ihm jedoch, dass die Betriebe in der Region produzierten.
Für das Programm "Hessen schmecken" nennt Jung "2,8 Millionen Euro im Anschubjahr". Anschließend solle die Förderung auf knapp vier Millionen Euro steigen. Voraussetzung sei, dass die Unternehmen tatsächlich regionale Lebensmittel herstellten.
Bei den Verbrauchern sieht er eine Lücke zwischen grundsätzlicher Zustimmung und tatsächlichem Einkauf. "Im Kaufverhalten gibt es noch Nachholbedarf", sagt Jung. Deshalb wolle das Land regionale Produkte deutlicher kennzeichnen und stärker für sie werben.
Weinbau: Mehr Rückhalt für heimische Produkte
Auch beim Wein wünscht sich Jung mehr Wertschätzung für heimische Erzeugnisse. "Nur 40 Prozent der in Deutschland getrunkenen Weine sind deutsche Weine. 40 Prozent." Diesen Anteil hält er im Vergleich zu anderen Weinbauländern für zu niedrig.Beim Riesling sieht er ein hartnäckiges Imageproblem. Er werde häufig für zu säurehaltig gehalten. Jung hält dagegen: "Bei den Qualitätsweingütern kenne ich seit 2018 überhaupt keinen Riesling mehr, der zu sauer war."
Dabei habe sich gezeigt, "dass alle Anbauregionen dieselben Herausforderungen haben und sogar dieselben Lösungen". Diese gemeinsamen Interessen wolle er über Parteigrenzen hinweg stärker bündeln.
Wolf: Nicht erst auf Schäden warten
Beim Wolf sieht Jung die Weidetierhaltung unter erheblichem Druck. Gerade in der Rhön träfen die Sorgen vor Rissen Betriebe, die zugleich die Kulturlandschaft pflegten. Mit Blick auf die Tierhalter warnt er: "Wir müssen hier Lösungen finden, sonst haben wir bald keine mehr."Der Minister verweist auf Veränderungen beim Schutzstatus und im Jagdrecht: "Hessen hat als erstes Land einen Managementplan umgesetzt und Entnahmen ermöglicht. Das Vorgehen hat vor Gericht Bestand gehabt."
Eine Entnahme ist zum Zeitpunkt des Gesprächs allerdings noch nicht erfolgt.
Zugleich fordert er eine sachlichere Auseinandersetzung. "Einen realistischen Blick auf die Lage hat ja fast niemand, weil es ein hochemotionales Thema ist." Er kritisiert sowohl angstmachende Wolfsgeschichten als auch eine aus seiner Sicht überhöhte Verklärung des Tieres. Über die tatsächliche Situation müsse auf beiden Seiten besser aufgeklärt werden.
Wasserkuppe: Kein konkreter Zeitplan für das Informationszentrum
An den Plänen für ein Informationszentrum auf der Wasserkuppe hält Jung fest. Die unterzeichnete Absichtserklärung gelte inhaltlich weiterhin. Über die Umset-zung werde verhandelt.Eine Finanzierung allein durch sein Haus schließt er jedoch aus: "Das ist ein Pro-jekt, das natürlich aus Mitteln des Landwirtschaftsministeriums am Ende nicht gestemmt werden wird." Deshalb sitze das Finanzministerium mit am Tisch. Auch dort sei der Wille vorhanden, das Vorhaben zu realisieren.
Wann die Verhandlungen abgeschlossen werden könnten, lässt Jung offen. "Das wird auch viel Geld kosten am Ende." Noch in dieser Legislaturperiode erwartet er weitere Schritte, nennt aber keinen konkreten Zeitplan.
Ländlicher Raum: Ortskerne und Landgasthöfe erhalten
Regionale Lebensmittelproduktion ist für Jung zugleich Strukturpolitik. Sie erhalte Betriebe und Wertschöpfung vor Ort und trage zur Pflege der Kulturlandschaft bei. "Diese regionale Lebensmittelproduktion hat einen Effekt, der über die Ernährungswirtschaft deutlich hinausgeht", sagt er.Daneben verweist er auf die LEADER-Förderung und die Dorferneuerung. Dort seien die Förderquoten erhöht worden, damit Investitionen attraktiver würden. Diese Unterstützung wolle er auch in der nächsten Förderperiode der Agrarpolitik erhalten.
Eine neue Gastgewerbeförderung soll stärker zum Erhalt von Landgasthöfen beitragen. Hotels könnten ebenfalls berücksichtigt werden, "aber nur dann, wenn auch wirklich ein Gastronomiebetrieb dabei ist". Reine Übernachtungsangebote seien nicht das Ziel.
Eine weitere Hilfe der Landesregierung sieht Ingmar Jung in der Brauchtumsförderung. Er zeigt sich überrascht: "Warum ist davor eigentlich niemand auf die Idee gekommen, Brauchtum zu stärken?" Die Regierung stelle dieses Jahr 700.000 Euro für die Förderung von Mundart, Volkstanz, Traditionsfeste und Fastnacht zur Verfügung. Dazu Jung: "Der Betrag soll auf eine Million Euro pro Jahr steigen, wenn der Haushalt beschlossen ist."
Auf den ersten Blick sind die einzelnen Fördermaßnahmen meist keine hohen Summen. Dennoch helfen sie, unterstreicht der Minister: "Man kann sehr viel machen mit relativ kleinen Beträgen."
Klimaschutz: Jung verteidigt Änderungen am Gesetz
Die geplanten Änderungen am hessischen Klimagesetz hält Jung trotz Kritik für richtig. Hintergrund: Geplant ist, die Verbindlichkeit der Klimaziele zu verändern. Die Zielmarken sollen bestehen bleiben, aber künftig als Soll-Vorschriften formuliert werden. Hinzu kommen Änderungen bei der Kontrolle der Fortschritte und beim Klimabeirat. Der Entwurf soll voraussichtlich im November im Landtag bera-ten werden.Förderung müsse einfacher werden, damit insbesondere Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel schneller umgesetzt werden könnten, sagt Jung.
Der Minister betont: "Wir halten an diesen Klimazielen fest, überhaupt gar keine Frage." Ihre Erfüllung hänge allerdings auch von Faktoren ab, die Hessen nicht allein beeinflussen könne. Deshalb wolle er nicht durch eine Mussvorschrift an Entwicklungen gebunden sein, die außerhalb seiner vollständigen Kontrolle lägen.
Grundsätzlich stört ihn, wenn politische Debatten zu wenig praktische Folgen haben. "Wir machen zu viele Gesprächskreise, Runden, Beiräte, formulieren Ziele und fühlen uns dann gut und vergessen oft, die konkreten Maßnahmen umzusetzen."
Als Beispiel für Handlungsbedarf nennt Jung den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen und Kitas. Dort könnten sich Menschen nicht immer selbst ausreichend schützen. "Deshalb haben wir das Programm "Hitzehilfe für Hessen" aufgelegt, mit dem wir zehn Millionen Euro für mobile und teilstationäre Klimaanlagen bereitstellen."
Zur Person