Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses
Kein Einzelfall: Theater und Festivals stehen unter finanziellem Druck
Foto: Jürgen Böthig
22.10.2026 / BAD HERSFELD -
Wenn das Lullusfeuer erloschen ist und Bad Hersfeld nach Tagen voller Feierlaune in den Alltag zurückkehrt, richtet sich der Blick auf ein weiteres kulturelles Aushängeschild der Stadt: die Bad Hersfelder Festspiele. Rund 400.000 Euro Defizit stehen im Raum. In einer gemeinsamen Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses sowie des Ausschusses für Soziales, Sport, Bildung und Kultur stellte sich Intendantin Elke Hesse den Fragen der Kommunalpolitiker und erläuterte die wirtschaftliche Situation.
Eine Anklage gegen die Intendantin oder Bürgermeisterin Anke Hofmann war die Sitzung nicht. Vielmehr ging es um Ursachen, Versäumnisse und Konsequenzen. Ausschussvorsitzender Karsten Vollmar brachte die Atmosphäre am Ende auf den Punkt: "Ein ehrlicher, konstruktiver und sachlicher Austausch zwischen Intendanz, Verwaltung und Gremium."
"Wir haben Fehler gemacht"
Auch Bürgermeisterin Anke Hofmann räumte Versäumnisse bei der Verbuchung ein. Dadurch sei Geld ausgegeben worden, das tatsächlich nicht mehr zur Verfügung gestanden habe. Ihre klare Ansage für die Zukunft: "Das wird es in Zukunft nicht mehr geben."
Hesse gab zugleich zu bedenken, dass es bei immer kleineren Budgets immer schwieriger werde, die künstlerische Qualität zu erhalten. Es gehe deshalb nicht allein darum, Ausgaben zu reduzieren, sondern auch darum, einen tragfähigen gemeinsamen Weg für die Zukunft zu finden.
Rund 400.000 Euro Defizit mögen gemessen am städtischen Haushalt von rund 100 Millionen Euro überschaubar erscheinen. Bezogen auf den mit 7,6 Millionen Euro bezifferten Etat der Festspiele entspricht das Minus jedoch rund 5,3 Prozent. Eine finanzielle Katastrophe für die Stadt ist das nicht, wohl aber ein deutliches Warnsignal für eines ihrer wichtigsten kulturellen Aushängeschilder.
Entscheidend ist nicht nur die Höhe des Fehlbetrags, sondern auch seine Entstehung. Gerade wenn eine Spielzeit künstlerisch und beim Publikum erfolgreich verläuft, stellt sich die Frage, weshalb sich dieser Erfolg nicht entsprechend in der wirtschaftlichen Bilanz niederschlägt. Eine erfolgreiche Saison und ein ausgeglichenes Ergebnis sind schließlich zwei unterschiedliche Maßstäbe.
Dabei wirft schon der Musicaltitel des Sommers, "Something Rotten!" – frei übersetzt: "Da ist was faul!" –, eine passende Assoziation auf. Mit dem Stück oder den Verantwortlichen hat das freilich nichts zu tun. Die Frage ist vielmehr, ob Kalkulation, Kostenkontrolle und finanzielle Erwartungen bislang ausreichend zusammenpassten.
Zwischen Kulturauftrag und Geschäftsmodell
Die Festspiele lassen sich nicht allein an einer betriebswirtschaftlichen Gewinn-und-Verlust-Rechnung messen. Sie prägen das Image Bad Hersfelds und ziehen Besucher an, von denen auch Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel profitieren können. Diese wirtschaftlichen Effekte sind jedoch nicht automatisch Einnahmen im städtischen Haushalt.
Damit stellt sich die grundsätzliche Frage: Müssen Festspiele einen Gewinn erwirtschaften, oder ist ein Defizit im Rahmen eines öffentlich getragenen Kulturauftrags vertretbar, sofern es politisch gewollt und dauerhaft finanzierbar ist?
Zuschüsse, Eintrittseinnahmen und Sponsorengelder gehören zur Gesamtbetrachtung. Der kulturelle Wert allein rechtfertigt jedoch nicht jede Kostenentwicklung. Die Kommunalpolitik muss festlegen, welche finanziellen Risiken tragbar sind, welche Einnahmen realistisch erscheinen und welchen Rahmen die Stadt den Festspielen langfristig zugestehen kann.
Der Haushaltsplanentwurf Bad Hersfelds für 2026 sieht bei einem Gesamtvolumen von rund 100 Millionen Euro ordentliche Erträge von 108,77 Millionen Euro und ordentliche Aufwendungen von 104,82 Millionen Euro vor. Unter Einbeziehung des außerordentlichen Ergebnisses wird ein Jahresüberschuss von 4,82 Millionen Euro erwartet.
Gleichzeitig sind Investitionsauszahlungen von 16,79 Millionen Euro vorgesehen, für deren Finanzierung Kredite in Höhe von 13,02 Millionen Euro eingeplant sind. Ein erwarteter Überschuss bedeutet also nicht, dass sämtliche finanziellen Herausforderungen gelöst wären.
Für die Festspiele kommt es deshalb darauf an, ihren Finanzierungsbedarf in eine mehrjährige Haushaltsplanung einzubetten. Ein einzelnes Defizit ist eine Momentaufnahme. Wiederholen sich Fehlbeträge oder steigt der Zuschussbedarf dauerhaft, kann das den Handlungsspielraum der Stadt zunehmend einschränken – auch bei Bildung, sozialen Angeboten, Infrastruktur und notwendigen Investitionen.
Dass die Stadt ihre Finanzplanung derzeit insgesamt überprüft, wurde am Rande der Sitzung ebenfalls deutlich. Bürgermeisterin Anke Hofmann kündigte an, den Haushaltsentwurf für 2027 nicht wie ursprünglich vorgesehen am 5. November einzubringen. "Hier muss noch an wichtigen Stellschrauben gedreht werden."
Für die Kommunalpolitik geht es damit um mehr als den Ausgleich eines Fehlbetrags. Zusätzliche Mittel können im Einzelfall sinnvoll sein. Sie ersetzen aber keine Strategie, die künstlerische Ziele, finanzielle Belastbarkeit und notwendige Zukunftsinvestitionen miteinander verbindet.
Mehr Controlling ist ein erster Schritt. Darüber hinaus braucht es nachvollziehbare Kalkulationen, eine rechtzeitige Erfassung sämtlicher Kosten und klare Vereinbarungen darüber, wie auf finanzielle Abweichungen reagiert wird. Die Frage lautet nicht nur, ob die Stadt ein Defizit ausgleichen kann, sondern auch, wie sich vergleichbare Situationen künftig vermeiden lassen.
Bühnenkunst zwischen Pippi, Parzival und Lysistrata
Das Programm der vergangenen Spielzeit zeigt die künstlerische Bandbreite der Festspiele. In "Pippi Langstrumpf" gehört "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" zum Selbstverständnis der berühmten Kinderbuchfigur. Für die kommunale Finanzpolitik gelten andere Regeln: Ein Haushalt muss mit den verfügbaren Mitteln auskommen.
"Parzival" erzählte von der Suche nach Orientierung, "Lysistrata" von politischen Konflikten und gemeinschaftlichem Handeln. Anspruchsvolles Theater und verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Mitteln schließen sich nicht aus. Sie müssen jedoch immer wieder neu austariert werden. Neben Auslastung und Ticketerlösen zählen dabei Produktionskosten, Personalaufwand und die finanziellen Risiken einer Spielzeit.
Die Probleme stehen nicht isoliert da. Auch andere öffentlich finanzierte Bühnen und Festivals kämpfen mit steigenden Personal-, Produktions- und Sachkosten. Das
Theater Münster meldete für das Wirtschaftsjahr 2024/25 ein Defizit von rund 443.000 Euro. Auch beim Maxim-Gorki-Theater in Berlin und bei den Bayreuther Festspielen wurden finanzielle Schwierigkeiten beziehungsweise Finanzierungslücken diskutiert.
Diese Beispiele zeigen, dass die Finanzierung öffentlich getragener Kultur bundesweit unter Druck steht. Sie beantworten allerdings nicht, wie das Defizit in Bad Hersfeld konkret zu bewerten ist. Dafür zählen die örtlichen Ursachen, die Qualität der Kalkulation und die Entwicklung von Einnahmen und Ausgaben.
Alles Theater? Oder läuft da etwas falsch?
Die Frage drängt sich angesichts der Zahlen beinahe auf. Doch weder ist ein finanzielles Minus automatisch ein Beleg für Misswirtschaft, noch rechtfertigt der Kulturauftrag jede Kostenentwicklung. Entscheidend ist, ob die Ursachen nachvollziehbar aufgearbeitet und aus den Fehlern Konsequenzen gezogen werden.
Die Ausschusssitzung hat dafür einen gemeinsamen Ansatz erkennen lassen: mehr Transparenz, besseres Controlling und ein engeres Zusammenspiel zwischen Intendanz, Verwaltung und Politik. Nun wird sich zeigen müssen, ob daraus eine belastbare Grundlage für die kommenden Spielzeiten entsteht.
Welche Einspar- und Einnahmepotenziale sind realistisch, ohne die künstlerische Qualität zu gefährden? Wie soll sich der städtische Zuschuss entwickeln? Und nach welchen Kriterien will die Politik künftig beurteilen, ob Aufwand, Publikumserfolg und öffentlicher Nutzen in einem angemessenen Verhältnis stehen?
Elke Hesse richtete den Blick bereits auf die nächste Saison. Die Auswahl der Stücke und die "Sternstunden" im Rahmenprogramm am Montag seien Teil der laufenden Vorbereitungen. "Nach den Festspielen ist vor den Festspielen. Wir befinden uns mittendrin in den Verhandlungen und Vorbereitungen." Das zeigt: Der Spielbetrieb wartet nicht auf den Abschluss der Finanzdebatte. Umso wichtiger ist es, die wirtschaftlichen Lehren aus der vergangenen Saison rechtzeitig in die Planungen einfließen zu lassen.
Am Ende geht es nicht allein um 400.000 Euro. Es geht um den Stellenwert der Festspiele, um den finanziellen Beitrag, den Bad Hersfeld dauerhaft leisten kann und will, und um die Frage, wie sich kultureller Anspruch und kommunale Haushaltsdisziplin vereinbaren lassen.
Ein Minus ist noch kein Skandal. Wenn Kosten jedoch nicht rechtzeitig erfasst werden und dadurch Ausgaben entstehen, die im Budget nicht mehr gedeckt sind, braucht es Konsequenzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob bei den Festspielen alles Theater ist, sondern ob Finanzierung, Kalkulation und kommunalpolitische Erwartungen künftig zuverlässig zusammenpassen. Denn Kultur braucht finanzielle Ververlässlichkeit und eine Stadt braucht einen Haushalt, der ihr auch morgen noch Gestaltungsspielräume lässt. (Jürgen Böthig) +++