Wenn die Kunst Wellen schlägt
"Wasser und Meeresrauschen" Kunst trifft auf Meer-Wissen und Matrosengesang
Eine Abordnung des Alsfelder Kunstvereins gemeinsam mit Einrichtungsleitung Susanne Fett (l.).
Foto: Tanja Gremmel
21.10.2026 / FULDA -
Wasser hat die Eigenschaft, sich seinen Weg zu suchen. Gelegentlich führt der sogar aus einem leergepumpten Schwimmbecken in einen Pflegestift. Was im Sommer bei der Alsfelder BäderKultur begann, setzt seine Reise nun in Fulda fort: Bei der Vernissage "Wasser und Meeresrauschen" im Mediana-Pflegestift begegneten sich am Sonntag Kunst und Naturwissen, persönliche Erinnerungen und die Frage, wie sorgsam wir mit unserer Lebensgrundlage umgehen.
Dass daraus zugleich ein ausgesprochen geselliger Nachmittag wurde, passte bestens zu einem Element, das vieles miteinander verbindet.
Schon der Ausstellungsort macht es leicht, sich darauf einzulassen. Licht fällt in das begrünte Foyer, das wie ein kleiner Park angelegt ist. Darüber öffnen sich auf allen Etagen Galerien mit Sitzplätzen zum Innenraum. Wer den Weg nach unten nicht antreten konnte oder wollte, nahm von dort aus am Geschehen teil. Die Architektur gab dem Nachmittag damit etwas wohltuend Selbstverständliches: Kultur fand mitten im Haus statt, sichtbar und hörbar über die Stockwerke hinweg.
Wie gut Kunst an einen solchen Ort passt, hatte Einrichtungsleiterin Susanne Fett bereits beim Besuch der Ausstellung im Alsfelder Erlenbad vor Augen. Durch eine langjährige und enge Zusammenarbeit ist sie seit jeher mit Anja Kierblewski verbunden, der Initiatorin der Ausstellung und künstlerischen Leiterin der BäderKultur. Die Schnittmengen ihrer gemeinsamen Arbeit liegen in den Bereichen Kunst, Gesprächstherapie und Soziale Arbeit – drei Säulen, die ihre Kooperation seit vielen Jahren prägen.
Aus der Begegnung am leeren Schwimmbecken entstand die Einladung nach Fulda. Gemeinsam eröffneten beide nun einen Nachmittag, der zeigte, wie mühelos eine gute Idee andernorts weiterleben kann.
Dabei hatte schon der Anfang dieser Geschichte einen gewissen Eigensinn. Ausgerechnet dort, wo vorübergehend kein Wasser war, wurde es zum Gegenstand der Kunst: Im leergepumpten Hallenbadbecken präsentierten Mitglieder des Alsfelder Kunstvereins und weitere Kunstschaffende im Sommer ihre Arbeiten. Die Ausstellung "Wasser" gehörte zu den 28 Veranstaltungen der vom Förderverein "Badefreu(n)de" getragenen BäderKultur unter dem Motto "Ein Bad taucht ab – in Kunst & Klang". Dass die Bilder anschließend auf Reisen gehen würden, war zunächst gar nicht vorgesehen. Fulda ist nun ihre erste Station außerhalb Alsfelds.
Mitgenommen haben sie eine erstaunliche Vielfalt an Perspektiven. In Malerei, Aquarellen, Fotografien, Collagen und Drucken zeigt sich Wasser als stille Fläche, als Bewegung, als Lichtspiel oder kaum zu bändigende Kraft. Mal zieht der Horizont den Blick in die Ferne, mal lohnt das genaue Hinsehen auf eine flüchtige Spiegelung. In den Aquarellen übernimmt das Element sogar einen Teil der Gestaltung: Es trägt die Pigmente, lässt Farben ineinanderlaufen und entzieht sich dabei gelegentlich dem künstlerischen Kontrollbedürfnis.
Wasser, so wurde auch in Kierblewskis Ansprache deutlich, berührt zudem unser persönliches Gedächtnis. Ein Bild kann die Erinnerung an einen Sommer wecken, an salzige Luft oder den ersten beherzten Sprung ins Schwimmbecken. Dieselbe Meeresansicht mag dem einen Freiheit versprechen und der anderen Einsamkeit erzählen. Die Kunst hält solche Unterschiede aus. Sie braucht keinen Lösungsschlüssel, der am Ausgang verteilt wird.
Allerdings bleibt es nicht überall bei schönen Aussichten. Zwischen leuchtenden Farben und maritimen Motiven tauchen Fragen nach Verschmutzung, Plastikmüll und unserem Verbrauch kostbaren Trinkwassers auf. Manche Idylle bekommt beim zweiten Blick einen Riss. Gerade darin liegt eine Stärke der Ausstellung: Sie gewinnt Aufmerksamkeit durch Schönheit und lässt den Betrachter mit dem Entdeckten weiterdenken.
Die informative BUND-Ausstellung "Eingetaucht – Die Vielfalt des Meeres" vertieft diesen Gedanken. Sie erschließt Lebensräume unter der Wasseroberfläche und sensibilisiert für deren Schutz. Kunst und Naturwissen kommen hier miteinander ins Gespräch. Das Meer darf Sehnsuchtsort bleiben; zugleich wird sichtbar, wie viel Leben und wie viel Verantwortung unter seiner Oberfläche liegen.
Dann bekam das Meeresrauschen Stimmen: Der Shantychor Hainzell verband stimmliche Qualität mit bekannten Seemannsliedern, die zum Mitsingen einluden. Charmante Moderationen und kleine Witze von Matthias Plappert sorgten zwischen Fernweh und Hafenromantik für Heiterkeit. Das Team des Pflegestifts reichte Leckereien, Bewohner, Angehörige, Nachbarn, Kunstinteressierte und Kunstschaffende kamen ins Gespräch. Und die Bilder hatten offenbar erreicht, was Kunst im besten Fall vermag: Menschen zusammenzubringen, die sich etwas zu erzählen haben.
Die Ausstellung ist noch bis 25. November 2026 im Pflegestift Mediana, Rangstraße 33 in Fulda zu sehen. Eintritt ist frei. (pg/pm) +++