Tag der Tracht erstmals in Burgenstadt
Tanz und Tradition: Osthessens Trachtengruppen feiern ausgelassen
Foto: Christoph Blum
19.10.2026 / SCHLITZ -
Rund 120 Trachtenträger aus Osthessen und geschätzt 400 Besucher: Der Schlitzerländer Trachten- und Volkstanzkreis (TVK) hat am Sonntag den hessischen "Tag der Tracht" ausgerichtet – mit Gottesdienst, Blasmusik, Tanz und Mundart. Nebenbei bekam der Schlitzer-Audiowalk eine neue Station, und der TVK eröffnete damit sein Jubiläumsjahr: 2027 wird der Verein 100.
Wer wissen will, ob ein Schlitzerländer Mann verheiratet ist, kann das direkt sehen, beziehungsweise konnte das, solange man hier Tracht trug: Ein Blick auf die Farbe des Halstuchs genügt. Rot tragen die Ledigen, nach der Hochzeit wird es blau. Und der Rock bei den Frauen lädt auf den Kontostand schließen: "Je mehr Bänder, desto reicher war die Frau", erklärte TVK-Vorsitzende Anke Schlosser im Auerhahnsaal und ließ ihre Tänzerinnen sich drehen, Röcke heben und Unterröcke zählen. Denn dünn galt früher als arm – man hatte eben kein Geld für Essen. Wer also schmal gebaut war, trug eben zwei oder drei Unterröcke mehr.
Von Hilders nach Schlitz – diesmal mit Tanzprogramm
Den Tag der Tracht gibt es in Hessen seit einigen Jahren. Die Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT), Dachverband von 160 Gruppen, davon 20 aus Osthessen, vergibt ihn an wechselnde Gastgeber. Zuletzt war Hilders an der Reihe, davor Fulda, wo das Programm aus einem Gottesdienst bestand. "Meist ist das eher ein gemütlicher Nachmittag mit ein bisschen Musik und Trachtenvorstellungen", sagte Schlosser. In Schlitz feiert man eben gern, daher machte man einen ganzen Tag daraus: Gottesdienst in der Stadtkirche mit dem TVK-Chor, Gruppenfoto am Kirchplatz, mittags der Musikverein Landenhausen, nachmittags Tanz – so hatte es den Tag der Tracht noch nicht gegeben.Hosenträger als Verlobungsgeschenk
Auf der Bühne wechselten sich die Minis, Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen des TVK mit den Gästen ab: Lauterbacher Trachtengilde, "Die Aulataler" aus Kirchheim, Schenklengsfeld mit Mundart, Abordnungen aus Hilders und dem Nüsttal. Der Gastgeber zeigte dazu seine eigene Geschichte in Stoff: die Faltenrocktracht bis etwa 1870, danach die Sperrrocktracht bis 1920 – jeder Rock über 100 Jahre alt und ein Unikat. Bei den Männern stechen die handbestickten Hosenträger hervor, mit Initialen versehen und einst das erste Geschenk der Braut an ihren Verlobten. Dazu die Pelzmütze aus Otter- oder Biberfell, bis heute von einem einzigen Kürschner in Fulda gefertigt. Ein Sonderfall war die HVT-Bezirksgruppe: Tänzer aus dem Aulatal, Lauterbach und dem Nüsttal, die sich zusammengetan haben, weil die einzelnen Gruppen allein nicht mehr genug Paare aufstellen.Schlitzer Trachtenliebe zum Anhören
Am Stadtberg wurde am Vormittag eine neue Tafel des Audiowalks "Schlitzer Geschichte(n)" eingeweiht, gestiftet vom TVK. Elisabeth Eisenbarth hat dafür ein Trachtenpaar unter einem alten Baum gezeichnet, ein Herz in der Rinde, Tänzer vor der Stadtkulisse; per QR-Code erzählt "Konrad, der Leinweber" von der Schlitzerländer Trachtenliebe. Sieben der zehn Stationen sind freigeschaltet. "Ich glaube, wir haben schon3.000 Leute, die das machen", sagte Bürgermeister Heiko Siemon – vor allem Auswärtige. "Die Besucher unserer Stadt nehmen es begeistert an." Gefördert wurde die Tafel über das Regionalbudget des Vogelsbergkreises, 80 Prozent trägt das Land.
Hundert Jahre im Blick
1927 fanden sich in Schlitz Trachtenträger zusammen, um die Kleidung ihrer Großeltern zu bewahren. Heute zählt der TVK rund 180 Aktive, und vom 9. bis 12. Juli 2027 lädt er wieder zum Schlitzerländer Trachtenfest, unbenommen das absolute Highlight der Burgenstadt – und im kommenden Jahr will man anlässlich des Jubiläums noch ordentlich einen draufsetzen. Freilich, wer auf dem Trachtenfest wissen will, wer in Schlitz noch zu haben ist, wer arm ist oder eine gute Partie, braucht nur auf die Tracht zu achten. (Christoph Blum) +++